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»Haltet die Stellung, denn wir kommen«

Ein Nachgeborener berichtet von einer heroischen Zeit: Über Sam Dolgoff und die radikale US-amerikanische Arbeiterbewegung

  • Von Franziska Klein
  • Lesedauer: 5 Min.

Von den US-amerikanischen Arbeitern, geschweige denn der US-amerikanischen Arbeiterbewegung hört man so gut wie nichts mehr. Weil es sie nicht mehr gibt? Oder weil die Medien über sie schweigen? Halb und halb, möchte man meinen. Die Offensive des Neoliberalismus und die schmähliche Niederlage des realen Sozialismus hat die Werktätigen nicht nur in den Vereinigten Staaten von Amerika in die Knie gezwungen. Umso wichtiger ist es, jedenfalls für jene, die sich damit nicht zufrieden geben wollen, die geschichtlichen Erfahrungen, Erfolge und Enttäuschungen, Fehler und Irrtümer zu befragen, sich einstiger, heroischen Kämpfe zu erinnern und zu vergewärtigen. Auch um Kraft und Zuversicht für neue, für unzweifelhaft bevorstehende Kämpfe zu schöpfen.

Einen Beitrag hierzu bietet das Buch von Anatole Dolgoff, geboren 1937, Sohn der bekannten US-Anarchist*innen Sam und Esther Dolgoff, aufgewachsen unter und mit den Wobblies, wie sich die Mitglieder der 1905 in Chicago gegründeten Industrial Workers of the World (IWW) nennen. »Die alten Wobblies, die ich als Kind kannte, erzählten von diesen Kämpfen, die quer durch die US-amerikanische Landschaft wüteten - in den Bergminen, den Holzfällerlagern, Fabriken, Weizenfeldern und Hafenvierteln einer in sich erbittert gespaltenen Nation.« Anatole Dolgoff ist stolz, in eine revolutionäre Familie hineingeboren und in einer revolutionären Tradition aufgewachsen zu sein. Und er ist stolz, dass ihn sein Vater den Zweitnamen »Durruti« gab, nach dem Anführer einer anarchistischen Kolonne im Spanienkrieg, der während der Schlacht um Madrid im November 1936 gefallen ist.

Es versteht sich, dass das tragische spanische Kapitel in diesem Buch nicht fehlt. Der Vater des Autors hatte 1936 bereits die Koffer gepackt, um auf der Iberischen Halbinsel gegen die von Hitler und Mussolini unterstützten Franco-Putschisten zu kämpfen, war bereit, den erstgeborenen dreijährigen Sohn Abe und den just das Licht der Welt erblickenden zweiten Sprössling, Anatole, zurückzulassen. Doch die Genossen meinten, sein Kampfplatz sei in den USA: »Hier kannst du mehr Gutes tun.« Sam Dolgoff fügte sich, fieberte aber natürlich aus der Ferne mit, als die Gesinnungsgefährten in Spanien daran gingen, trotz des Bürgerkrieges, die Idee des libertären Kommunismus real werden zu lassen. Eine Offensive, die damals wie heute heftig umstritten ist. Das Totengeläut für die anarchistische Revolution in Spanien sei laut Anatole Dolgoff aber durch das Bündnis der Anarchisten mit der republikanischen Regierung angestimmt worden. Die blutigen Bruderkämpfe in Barcelona im Mai 1937 - ein Menetekel. Anatole Dolgoff klagt die westlichen Demokratien an, nicht interviert zu haben, um die spanische Republik zu retten, merkt jedoch ebenso an: »Der wahre Verrat an der Spanischen Revolution wurde durch Stalin und seine Gefolgsleute begangen.« Die Interbrigadisten, darunter die US-amerikanische Lincoln-Brigade und generell die Kommunisten, erfahren scharfe Kritik. Über den Autor Ernest Hemingway schreibt Anatole Dolgoff: »Er verkroch sich im besten Hotel von Madrid, war umgeben von stalinistischen Funktionären - und die requirierten den besten Wein.« Dennoch würdigt der Autor letztlich alle in Spanien im Abwehrkampf gegen den vordringenden Faschismus Gefallenen.

Dieses Buch ist teils Autobiografie mit offenherzigen Bekenntnissen und Bekundungen, teils Biografie des bewegten, stürmischen Lebens einer Legende unter den Wobblies und darüber hinaus ein spannendes Geschichtsbuch, ein Panorama der politischen, weltanschaulichen, sozialen und bewaffneten Kämpfe im 20. Jahrhundert, mit dem Fokus freilich auf die USA, wobei zudem die ganze Welt im Blick ist.

Der Bericht über seinen Vater Sam Dolgoff (1902-1990) beginnt mit einem Kindheitserinnerungen weckenden Spaziergang durch die Lower East Side, dem von Einwanderern geprägten Viertel von New York, Schmelztiegel der Kulturen und Religionen. Sein im »Schtetl« von Ostrowski in Witebsk, Russland, geborener Vater war 1905 mit den Eltern nach Amerika gelangt und hatte im Alter von acht Jahren schon zum Familieneinkommen beitragen müssen. »Von früh an rebellierte Sam gegen das Leben, das für ihn vorherbestimmt war«, schreibt der Sohn. Mit 13 Jahren riss Sam Dolgoff aus, die Eltern erhielten nach Monaten der Ungewissheit eine Postkarte aus China, wo er sich als Wanderarbeiter verdingte. Anatole Dolgoff zitiert ein altes Wobbly-Lied: »My Wandering Boy« (Mein Junge auf Wanderschaft - Klagelied einer Mutter). Ziel der Wobblies war es, »die Flammen der Unzufriedenheit anzufachen«, die Armen, die Unterdrückten, Menschen, die keine Stimme in der Gesellschaft hatten, zu einer effektiven kämpferischen Kraft zu organisieren, betont Anatole Dolgoff.

1922 war sein Vater, von Beruf Anstreicher, den Industrial Workers of the World beigetreten, deren Mitglied er zeitlebens blieb. Er war ein Mitbegründer der Zeitschrift »Libertarian Labor Review«, die später in »Anarcho-Syndicalist Review« umbenannt wurde. In den 1920er Jahren war er zudem Mitglied der Gruppe Chicago Free Society sowie der Vanguard-Gruppe, deren Zeitschrift »Vanquard. A Journal of Libertarian Communism« er herausgab. 1954 gehörte Sam Dolgoff zu den Mitbegründern der Libertarian League in New York. Der sich autodidaktisch bildende Arbeiterintellektuelle war ein leidenschaftlicher, mitreißender Redner, Organisator und Publizist. Seine 1986 in den USA erschienenen Erinnerungen »Fragments. A Memoir« (2011 auf Deutsch unter dem Titel »Anarchistische Fragmente. Memoiren eines amerikanischen Anarchosyndikalisten«) wurden allerdings selbst von einstigen Mitstreitern bemängelt. Auch der Sohn scheint nicht so glücklich über diese Memoiren zu sein. Und so wurde 2016 aus seiner Feder als Bereicherung und teils auch Berichtigung das Buch »Left of the Left« veröffentlicht, vom Verlag Graswurzel dieses Jahr auf Deutsch auf den Markt gebracht. Es ist eine Hommage an die Eltern, deren Freunde und Kampfgenossen, die Wobblies - die jedoch auch Widersprüche, Zerwürfnisse, Spaltungen und Schwächen nicht ausspart. Der Sohn litt unter der Abwesenheit des von der politischen Arbeit eingespannten Vaters, auch unter dessen teils heftigen Alkoholexzessen. Im Alter lernte er ihn jedoch zu verstehen und ihm zu verzeihen.

Das Buch endet mit der Begegnung mit walisischen Bergarbeitern, deren Streik im Mai 1984 die britische Premierministerin Margaret Thatcher mit brutaler Polizeigewalt niederschlagen ließ und denen »Old Sam« spontan, die rechte Faust geballt, ein »Ständchen« der Ermunterung bot. Er stimmte ein altes englisches Streiklied an: »Haltet die Stellung, denn wir kommen, Gewerkschaftsmänner, seid stark!« - »Der Raum explodierte«, erinnert sich Anatole Dolgoff.

Anatole Dolgoff: Links der Linken. Sam Dolgoff und die radikale US-Arbeiterbewegung. Verlag Graswurzelrevolution, 414 S., br., 24,90 €.

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