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Ein Gaukler - und was für einer

F.-B. Habel mit einem neuen Buch über den großen Schauspieler Armin Mueller-Stahl

Ein einmaliges Künstlerleben: erst ein DDR-deutsches, dann ein bundesdeutsches, dann ein US-amerikanisches und schließlich ein gesamtdeutsches. Armin Mueller-Stahl, der in wenigen Tagen seinen 90. Geburtstag begeht, ist nicht nur ein Schauspieler, er spielt auch Geige, schrieb Prosa, malt (zunächst als Übermalungen in seinen Drehbüchern, weil er sich während der Drehpausen langweilte) und ist auch als Clown aufgetreten. Mit seinen Mehrfachbegabungen ist er stets intelligent umgegangen, hat folglich ausgewählt und hatte Vergnügen an allem.

Er war schon ein erfahrener Theaterschauspieler, als er auf dem DDR-Bildschirm debütierte: in einer Nebenrolle, ein harmloses sowjetisches Lustspiel. Damit begann eine rasante Film- und Fernsehkarriere, neben seiner Arbeit an Berliner Theatern. Er wurde DDR-Publikumsliebling, zum Beispiel als Geheimagent und »Kundschafter des Friedens« (so die DDR-Bezeichnung) in der vielteiligen DDR-James-Bond-Variante »Das unsichtbare Visier« (1973). Bei der Defa arbeitete er zum ersten Mal mit Frank Beyer zusammen: »Fünf Patronenhülsen« (1960), einer bildstarken Episode aus dem spanischen Bürgerkrieg. Mit Beyer hat er noch mehrfach gearbeitet: beim legendären, Oscar-nominierten »Jakob der Lügner« (1974). In der ungleich schwächeren US-amerikanischen Wiederverfilmung 1999 hatte er nur einen kleinen Part.

Nachdem er 1976 die Biermann-Erklärung unterzeichnet hatte, wurde er in der DDR nicht mehr beschäftigt, er siedelte 1980 in die BRD über. Hier arbeitete er erfolgreich unter anderem mit Rainer Werner Fassbinder, Andrzej Wajda, Wolfgang Staudte und István Szabó (»Oberst Redl«, 1985) zusammen. 1987 sein erster Film in den USA: die siebenteilige TV-Serie »Amerika«, und 1989 der große Durchbruch mit »Music Box« (Costa Gavras), in dem Mueller-Stahl seine gesammelten Erfahrungen komprimieren konnte und ausspielte, was seine Kunst ausmacht: kontrollierte Mimik, beherrschte Körperhaltung und leicht rauchige Stimme, gewürzt mit abgründiger Ironie, stets eindringlich und überzeugend - ein Charakterdarsteller par excellence.

Mit dem TV-Mehrteiler »Die Manns« (2001, Heinrich Breloer) kehrte er wieder nach Deutschland zurück, »in die Heimat«, wie er sagte, und drehte unverdrossen und erfolgreich weiter, darunter »Die Buddenbrooks« (2008, nochmals Breloer, nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann). Allmählich wurde Mueller-Stahl dann auch zum Zeitzeugen, der auskunftsfreudig in allerlei Talkshows saß und keiner Reporterfrage auswich. (Das Internet wimmelt von Schnipseln davon.)

Der Berliner Filmhistoriker Frank-Burkhard Habel stellt das Lebenswerk Mueller-Stahls chronologisch entlang aller Filme vor. Er findet eine ebenso simple wie plausible Methode, Leben und Werk dieses Jahrhundertschauspielers zu ordnen und so zu beschreiben, dass er der überreichen Literatur, die es bisher schon über Mueller-Stahl gibt, durchaus noch eine neue Nuance hinzufügen kann. In seinem Willen nach Vollständigkeit spart Habel auch misslungene, gefloppte Filme nicht aus und solche, die hierzulande weder ins Kino noch ins Fernsehen gelangten.

So liefert der fleißige Herausgeber viele zusätzliche Informationen, auch wenn man manchmal Habels Kurzfassungen von Inhaltsangaben nicht so recht trauen mag. Munter zitiert er Zeitungskritiken und Lexikoneinträge, die allesamt natürlich seinen Protagonisten loben. Minuziös zählt er die vielen Preise und Ehrungen auf, die Mueller-Stahl erhalten hat, eine eindrucksvolle Liste. Unter der Hand offeriert diese Gesamtschau einen faszinierenden Blick auf die moderne Filmgeschichte, gespiegelt durch die Werke eines bedeutenden Schauspielers. Diesem wünschte man noch eine schöne, große Alters- und Abschiedsrolle, in der er sein gesammeltes Können bieten kann.

Er sei ein Gaukler, hat Armin Mueller-Stahl gern über sich gesagt - man möchte hinzufügen: Aber was für einer!

Frank-Burkhard Habel: Armin Mueller-Stahl. Im Herzen Gaukler. Ein Leben vor der Kamera. Verlag Neues Leben, 288 S., geb., 20 €.

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