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Ostwärts blickend

Das Cottbusser Filmfestival zeigt ab heute 150 Filme aus Osteuropa im Stream

  • Von Norma Schneider
  • Lesedauer: 6 Min.

In Cottbus hatte man gehofft, nicht ganz auf die große Leinwand und die Begegnungen zu verzichten, die zu einem Filmfestival dazugehören. Als hybride Veranstaltung im November geplant, wurde das 30. Cottbusser Filmfestival nach Beschluss des Teil-Lockdowns optimistisch auf Dezember verschoben. Doch 2020 ist bekanntlich kein gutes Jahr für Planung und Optimismus. Veranstaltungen vor Ort wird es keine geben - dafür können ab heute bis zum Ende des Jahres 150 Filme aus 15 Sektionen online gestreamt werden.

Das Cottbusser Filmfestival gehört mittlerweile zu den weltweit führenden Festivals des osteuropäischen Films. Das Onlineangebot ermöglicht in diesem Jahr Zuschauer*innen aus ganz Deutschland einen Einblick in die Vielfalt des aktuellen Kinos aus Osteuropa. Die gezeigten Filme stammen aus den unterschiedlichsten Genres, nicht wenige Komödien sind darunter, die das Klischee von tristen und schwermütigen osteuropäischen Filmen herausfordern.

Im Wettbewerb um den besten Spielfilm laufen unter anderem der dystopische Science-Fiction-Thriller »In the Shadows« aus der Türkei, der ungarische Episodenfilm »Treasure City« über das politische und unpolitische Leben im Budapest der Gegenwart und der kasachische Western »The Horse Thieves«, der sich mehr für das Alltagsleben in der Steppe als für Mord und Rache interessiert.

Zu den interessantesten Beiträgen im Wettbewerb gehört der polnische Film »I never cry« von Piotr Domalewski. Tristesse gibt es in diesem ruhigen, regnerischen Film durchaus, aber klischeehaft ist er zum Glück nicht. Die Armut und schwierigen Familienverhältnisse, aus denen die 17-jährige Hauptfigur Ola stammt, werden weder anklagend noch mit voyeuristischem oder sozialromantischem Blick gezeigt. Sie spiegeln unaufgeregt eine Lebensrealität wider, die für viele Menschen die Normalität darstellt.

Ola (beeindruckend gespielt von Zofia Stafiej) hat meistens ihr Handy und eine Zigarette in der Hand. Ihr großer Traum für die Zukunft ist ein eigenes Auto. Ihr Vater, der in Irland arbeitet, hat ihr Geld dafür versprochen. Als die Familie erfährt, dass er bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen ist, setzt sich Ola ins Flugzeug nach Dublin, um die Leiche heimzuholen und das Geld für ihr Auto zu finden. Ola rekonstruiert das Leben ihres Vaters in Irland und trifft Kollegen, Vorgesetzte, Mitbewohner - und seine Freundin.

Der Film thematisiert das prekäre Leben osteuropäischer Arbeitsmigrant*innen in westeuropäischen Ländern, doch der Fokus des Films liegt nicht auf Kritik am System, sondern auf Olas persönlicher Entwicklung. Die 17-Jährige lernt auf ihrer Reise, sich mit den Umständen zu arrangieren, auch wenn das bedeutet, dass sie ihren Traum vom Auto vorerst aufgeben muss, weil das Geld an anderer Stelle dringender gebraucht wird. Olas Konfrontation mit der Realität macht sie weniger egoistisch - aber sie verlernt auch das Träumen und die Weigerung, Ungerechtes zu akzeptieren. Eine Weigerung, die kindlich-naiv erscheint, wenn der Alltag davon bestimmt ist, irgendwie genug Geld zu verdienen, um die Familie durchzubringen, und die Hoffnung auf Veränderung nur dringend nötige Energie raubt.

»I never cry« ist ein trauriger und schöner Film über den Spielraum, den ein ungerechtes System den Einzelnen lässt, und über die Frage, wie viel Unterstützung man von Menschen erwarten kann, die selbst kaum etwas haben. Die Antwort ist nicht ganz so ernüchternd, wie man vielleicht erwarten würde.

Der russische Spielfilm »Conference« ist ein weiterer Höhepunkt unter den Wettbewerbsbeiträgen. Den realen Hintergrund für das filmische Kunstwerk von Ivan I. Tverdovskiy bildet die Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater von 2002. Tschetschenische Terroristen hatten das Theater während einer Musical-Aufführung gestürmt und 850 Zuschauer*innen mehrere Tage lang festgehalten. Bei der umstrittenen Stürmung des Theaters, bei dem betäubendes Gas zum Einsatz kam, starben über einhundert Geiseln. »Conference« handelt davon, wie die Überlebenden heute mit der Geiselnahme umgehen.

Eine Frau, die sich mit ihrer Tochter unter den Geiseln befand, will im Theater eine Gedenkveranstaltung durchführen, doch das Theatermanagement hat dafür wenig Verständnis. Nur mit einer größeren Summe Geld und viel Überredungskunst gelingt es der Betroffenen, das Theater zu mieten. Im Vertrag muss die Art der Veranstaltung angegeben werden. Gedenken gehört nicht zu den vorgegebenen Optionen, also kreuzt sie »Konferenz« an.

Während ihre Tochter nichts von gemeinsamem Gedenken hält, steckt die ältere Frau viel Energie in die Organisation der »Konferenz«. Sie will, dass viele Leute kommen, leidet darunter, dass die Erinnerung an die Geiselnahme in der Öffentlichkeit kaum noch eine Rolle spielt. Und tatsächlich ist ihre Veranstaltung nur schlecht besucht und wirkt unbeholfen. Doch was man anfangs mit leichter Fremdscham betrachtet, zieht einen schnell immer mehr in seinen Bann. Die Anwesenden erzählen die Geiselnahme aus ihrer Sicht nach, berichten, wie sie die Bewaffneten erst für einen Scherz oder Teil der Aufführung hielten und erst begriffen, als das erste Blut floss.

Für die einen geht es darum, die Erinnerung wachzuhalten und gegen das Vergessen zu kämpfen. Die anderen wollen sich nicht mehr erinnern, nicht mehr in Angst leben und endlich neu anfangen. Die Erzählungen werden immer wieder vom Theaterpersonal gestört, das Feierabend machen will, und auch nicht alle Anwesenden verstehen, warum man noch einmal dort sitzen soll, von wo man glücklicherweise entkommen war. In skurriler Überspitzung macht die Organisatorin sich und die die Anwesenden noch einmal zu Geiseln, indem sie sich im Theater verbarrikadiert, um nicht herausgeworfen zu werden.

Die Kamera verharrt auf den Figuren, seziert sie mit quälend langsamen Einstellungen. Tverdovskiy zwingt die Zuschauer*innen seines Films, genau hinzusehen und das langweilig Alltägliche und Peinliche im Blick zu behalten. So schaut man am Anfang minutenlang dabei zu, wie eine Frau den Boden des Theaters saugt. Die Bilder haben eine Intensität, der man sich kaum entziehen kann. Es gibt kaum Musik, neben Alltagsgeräuschen hört man nur ab und an ein dumpfes Dröhnen oder sakrale Gesänge im Hintergrund. Rhythmus und Stimmung des Films sind brillant komponiert. »Conference« ist ein Meisterwerk über Trauma und Erinnerung.

Neben den Wettbewerbsfilmen in den Kategorien Spielfilm, Kurzfilm und Jugendfilm gibt es zahlreiche weitere Filme. Eine Sektion widmet sich der filmischen Thematisierung des Zweiten Weltkriegs, eine andere nimmt die Nachwendezeit und ihre Auswirkungen in (Ost-)Deutschland und den Nachbarländern in den Blick. Auch die »Baseballschlägerjahre« und rechtsradikale Subkulturen in Ostdeutschland sind Thema. Filme aus der Region Nieder- und Oberlausitz finden ebenso ihren Platz wie experimentelle filmische Entdeckungen. Aktuellen Filmen aus Tschechien, Russland und Polen ist je eine eigene Sektion gewidmet.

30. Filmfestival Cottbus vom 8. bis. 31. Dezember auf www.filmfestivalcottbus.de

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