Mit Bitcoin gegen das US-Embargo

Weil das Land von Devisen abgeschnitten ist, setzt ein kubanisches Start-up auf Kryptowährungen

  • Von Andreas Knobloch, Havanna
  • Lesedauer: 4 Min.

Ende November wickelte der US-Zahlungsdienstleister Western Union die vorerst letzten Geldüberweisungen zwischen den USA und Kuba ab. Wegen neuer Sanktionen des scheidenden US-Präsidenten Donald Trump gegen Kuba mussten die mehr als 400 Unternehmensfilialen auf der Insel schließen. Das ist ein harter Schlag für die sogenannten Remesas. Einen Großteil dieser Geldüberweisungen von Auslandskubanern an ihre Familienangehörigen auf der Insel wickelte Western Union ab.

Die Kubaner suchen deswegen nach neuen Wegen, um die so wichtigen Geldtransfers aus dem Ausland aufrechtzuerhalten. Eine solche Alternative bietet das kubanische Start-up BitRemesas. Es organisiert Geldüberweisungen in Form von Kryptowährungen wie Bitcoin, Ethereum, Dogecoin und anderen. »In Kuba gibt es eine wachsende Gemeinde von Kryptogeld-Anhängern«, sagt Erich García, Programmierer und Software-Entwickler aus Havanna. Der 34-Jährige, der auch einen eigenen Kanal auf der Videoplattform Youtube mit Ratschlägen und Lösungen für das Internet bespielt, hat die Plattform BitRemesas Ende September ins Leben gerufen.

Normalerweise geht ein Kunde, um Geld zu überweisen, zu Western Union oder einer Bank. Die behalten eine Kommission ein und zahlen das Geld am Bestimmungsort aus. »In unserem System ist der Prozess ähnlich, nur dass keine Bank dazwischengeschaltet ist«, sagt García. »Das Geld wird digital in Form von Kryptogeld an uns gesendet, und wir kümmern uns darum, das Geld physisch an den Kunden in Kuba auszuzahlen.«

Der Mechanismus von BitRemesas ist denkbar einfach. García gibt ein praktisches Beispiel: »Jemand aus den USA überweist an einen Familienangehörigen über BitRemesas 100 US-Dollar in Bitcoins. Wir erhalten diese 100 US-Dollar in Bitcoins und organisieren eine negative Versteigerung. Es gibt viele Kubaner, die Kryptowährungen erwerben wollen. Versteigert wird die kleinstmögliche Summe an Bitcoins. Es gibt Fälle, da ersteigert jemand 88 oder 92 oder 93 US-Dollar in Bitcoins. Die Differenz an Bitcoins ist in diesem Fall der Gewinn von BitRemesas.«

Wenn der Gewinner der negativen Versteigerung die volle Überweisungssumme an den Empfänger überwiesen hat, in diesem Fall also 100 Konvertible Pesos (CUC), überweist BitRemesas ihm die ersteigerte Menge in Bitcoins. Dazu muss man wissen, dass der CUC seit der Teil-Dollarisierung des kubanischen Einzelhandels gegenüber der US-Währung stark abgewertet hat. Während der offizielle Wechselkurs 1:1 ist, muss man auf dem Schwarzmarkt mittlerweile für einen US-Dollar 1,50 CUC und mehr zahlen.

Rund 400 Nutzer hat BitRemesas derzeit. Tendenz steigend, so García. Geschätzt 10 000 Kubaner nutzen Kryptowährungen. Es gebe recht viele Überweisungen, oft aber in Kleinbeträgen von 10, 15 oder 20 US-Dollar, erzählt García. »Manchmal auch 100 US-Dollar, aber generell sind es eher kleine Summen.« Da im Gegensatz zu Western Union oder Banken keine Gebühren anfallen, können die Leute auch Kleinbeträge schicken. Garcías Plattform kassiert eine kleine Marge der jeweiligen Kryptowährung. Und der- oder diejenige, die das jeweilige Kryptogeld ersteigert, erhält eine alternative Währung im Tausch für CUC. Es ist also eine Win-Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

»Die Kryptowährungen bieten uns gewisse Freiheiten, die wir normalerweise nicht haben, da die Verwendung von Finanzin-strumenten wie Visa, Mastercard, Paypal oder anderer Bezahlmechanismen für Kubaner schwierig ist«, sagt der Unternehmer. Für García ist dies der große Vorteil von Kryptowährungen allgemein und von BitRemesas im Speziellen. »Es ist eine komplett deregulierte Plattform. Es gibt keine Entität, die sie blockieren oder sanktionieren kann, da Kryptogeld nicht reguliert werden kann und BitRemesas auf Kryptowährungen basiert.« Nicht einmal das US-Justizministerium habe eine rechtliche Handhabe.

Die jahrzehntealte US-Blockade schneidet die Kubaner von konventionellen internationalen Zahlungssystemen und Finanzmärkten ab. Bewohner der Insel erhalten keine international einsetzbaren Kredit- oder Debitkarten. Die US-Sanktionen gegen das kubanische Finanzinstitut Fincimex, die zur Schließung der Western-Union-Filialen auf der Insel führten, sind nur die letzte einer langen Liste von Maßnahmen Washingtons gegen Kubas Finanzsektor.

Selbst die kubanische Regierung erklärte im Juli 2019, sie untersuche den möglichen Einsatz von Kryptowährungen als Teil einer Reihe von Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft, deren Krise durch die US-Sanktionen noch verschärft wird. Doch die großen Wertschwankungen von Bitcoin & Co. scheinen die Überlegungen ausgebremst zu haben. »Stellen Sie sich vor, wir akzeptieren, dass das Finanz- oder das Wirtschaftsministerium ein Kryptogeld-Wallet haben und mit Bitcoin handeln«, sagte Juan Luis Gamboa, Generaldirektor der kubanischen Zentralbank, in einem Interview mit staatlichen Medien im September vergangenen Jahres. »Was tun, wenn wir eine Schiffsladung Reis oder Weizen kaufen wollen und das Kryptovermögen abgewertet hat? Sie können die Ressourcen des Landes nicht in etwas stecken, das nicht sicher ist.«

Anders verhält es sich bei Privatpersonen: »Immer mehr Kubaner verwenden Kryptowährungen, um im Internet einzukaufen oder Dienstleistungen zu bezahlen«, sagt García. »Es ist eine alternative Währung, zu der wir in Kuba Zugang haben und die uns Möglichkeiten bietet.«

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