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Wessi-Schnüffler

NETZWOCHE: Sachsen ist mal wieder Problemgebiet. Sind die Medien schuld?

  • Von Fabian Hillebrand
  • Lesedauer: 3 Min.

Sachsen blüht der größte Shopping-Samstag in der Geschichte des Freistaats. Während in Dresden, Leipzig und Freital panisch die letzten Weihnachtsgeschenke eingekauft werden, bevor der Laden dicht macht, fragt man sich anderswo: Warum Sachsen? Kam das Bundesland im März noch glimpflich durch die Pandemie, liegen aktuell sechs von zehn der Landkreise mit den meisten Ansteckungen der vergangenen Woche in Sachsen. Eine Recherche des WDR-Magazins Monitor über Bautzen schlug dabei fast so hohe Wellen wie die Inzidenz in der ostsächsischen Kreisstadt. Die Journalist*innen vom WDR gingen in ihrem Beitrag einem möglichen Zusammenhang zwischen den hohen Fallzahlen und der Stadt als einem Epizentrum von verschwörungstheoretischem Denken nach. Eine solche Verbindung zwischen hohen Fallzahlen und rechtem Denken behauptete jüngst auch der Soziologe Mathias Quent. Gemeinsam mit seinen Kollegen untersuchte er den Zusammenhang zwischen den Infektionszahlen in einer Region und der dortigen Unterstützung für die AfD. Sein Ergebnis: »Die Korrelation zwischen dem AfD-Wahlergebnis bei der Bundestagswahl 2017 und der Coronainzidenz laut RKI vom 4.12.2020 findet sich nicht nur in Einzelfällen, sondern ist auch statistisch stark und signifikant«, schreibt der Jenaer Soziologe auf Twitter. Signifikant stark heißt nun noch lange nicht belegt und vor diesem Hintergrund scheint das Anliegen der Journalist*innen von Monitor, diese Verbindung genauer zu beleuchten, durchaus unterstützenswert. Die Reaktion von Teilen der Stadtgesellschaft glichen dann aber eher der einer mittelalterlichen Stadt hinter hohen Mauern. Der Bürgermeister der Stadt, Alexander Ahrens, bezichtige den Monitor-Bericht »in reißerischer Manier die Menschen einer ganzen Region zu diffamieren«. Für den SPD-Mann stellt der Bericht einen »weiteren Tiefpunkt« journalistischer Arbeit dar. Und dann kamen die Journalisten auch noch aus dem Westdeutschland: Auf dem Kornmarkt hatte ein Mann im Vorbeigehen den Journalist*innen »Scheiß-Wessis, hört auf in Bautzen rumzuschnüffeln!« zugeraunt.

Nun mutet die Berichterstattung über Ostdeutschland tatsächlich oft an, wie als würden Reporter in den Nahen Osten fahren. Beispiele dafür sammelt der Blog einwende.de, darunter ist eines aus den letzten Tagen. Eine eigentlich recht gelungene Dokumentation in der ARD »Wir Ostdeutsche« wird angerissen mit dem Satz: »Der Osten ist bis heute anders, und die Ostdeutschen sind es auch«. Als Westdeutscher kann ich ihnen versichern: Auch der Westen ist anders, und die Westdeutschen sind es auch!

Die einseitige Berichterstattung von ARD und ZDF kritisierte Brandenburgs Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) am Montag. Er forderte, den öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse Stück für Stück ostdeutscher werden. Er hat Recht: Tatsächlich hat man oft das Gefühl, wenn der Tatort in einer ostdeutschen Stadt spielt, ist die Tapete immer mindestens 30 Jahre älter als im Westpendant. Nun braucht es, um diese Missstände aufzuheben, wahrscheinlich keine »Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaftler sucht Frau«-Serie (Titanic). Auch eine Quote würde nur an der Fernsehoberfläche kratzen. Das Problem sind wie immer die Eigentumsstrukturen - bis auf das bescheidene Blatt, das sie in der Hand halten, und ein oder zwei weitere Postillen werden die meisten Medien in Ostdeutschland von Verlagen aus dem Westen vertrieben, darüber können Namen wie »Leipziger Volkszeitung« kaum hinwegtäuschen.

Ist eine gewisse Medienskepsis in Ostdeutschland also berechtigt? Sicherlich! Doch sie ist keine Kritik, wenn sie nur dann laut wird, wenn vermeintlich das eigene Nest beschmutzt wird. In dem Monitor-Bericht kommen viele Menschen zu Wort: Unter anderem eine Pflegeheimleiterin aus Bautzen, die beklagt, dass selbst im Krankenhaus viele Besucher*innen sich weigern würden, eine Maske zu tragen. Die gesellschaftlichen Gräben werden immer tiefer, das wird in dem Beitrag deutlich. Und ja, gerade in Sachsen zeigt sich eine tiefe Spaltung anhand der Coronapolitik. Darüber muss geredet werden und darüber muss berichtet werden. Nicht zuletzt wegen all der Bautzener, die bangen müssen, weil einige Teile der Stadtgesellschaft die Gefährlichkeit der Pandemie nicht einsehen wollen.

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