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Fruchtbarkeitsverlust

Die Beschleunigung der Landwirtschaft und die Folgen für die Böden

  • Von Florian Schwinn
  • Lesedauer: 6 Min.

Wenn ich derzeit durch den Garten gehe, fühle ich nicht nur, dass es für die Jahreszeit zu warm ist, ich sehe es auch. Jede Nacht arbeiten die Regenwürmer auf Hochtouren. Sie sollten sich jetzt eigentlich schon in tiefere Erdschichten zurückgezogen haben. Stattdessen schaffen sie unermüdlich gefallenes Laub und verdorrte Gräser in ihre Röhren. Was im Gegensatz zur Wetterlage eine gute Nachricht ist. Sie sorgen so nämlich dafür, dass ein Teil des Kohlendioxids, mit dem wir die Erde anheizen, im Boden verschwindet. Sie bauen den Kohlenstoff in Humus um. Die Regenwürmer und die Milliarden anderer Bodenlebewesen sind unsere natürlichen Helfer gegen den Klimawandel. Oder sagen wir besser: Sie könnten es sein. Denn wir lassen sie nicht helfen. Im Gegenteil, unsere industrialisierte Landwirtschaft setzt dem Bodenleben zu und verliert Humus, statt ihn aufzubauen. Einer der Gründe dafür ist Beschleunigung.

»Zeit ist Fläche«, hätte Benjamin Franklin wohl in sein 1748 erschienenes Buch geschrieben, wenn es ihm nicht um »Ratschläge für junge Kaufleute« gegangen wäre, sondern um solche für Landwirte. Früher war die Zeit das Maß der landwirtschaftlichen Fläche. Die Zeit, die ein Bauer brauchte, um mit einem von Pferden oder Rindern gezogenen Pflug eine Fläche zu bearbeiten. Ein Hektar hat vier Morgen. Ein Morgen ist die Fläche, die mit zwei Pferden und dem Einscharpflug von früh bis mittags zu schaffen ist. Die Maßeinheit Morgen existiert noch immer im Sprachgebrauch vieler Bauern. Letztens stand ich mit einem alten Bauern am Feldrand und wir schauten seinem jungen Kollegen zu, der mit dem Trecker den Acker zerfurchte. Unser Gespräch dauerte keine halbe Stunde, dann war gepflügt. »Früher habe ich für diesen Acker einen ganzen Tag gebraucht«, sagte er. Und sein Früher meint nicht die Pferdezeit, so alt ist er dann auch wieder nicht. Wenn an Feiertagen im Dorf mit den gepflegten alten Traktoren Parade gefahren wird, kann man sehen, was in den letzten dreißig Jahren in der Landtechnik geschehen ist. Die Oldtimer verschwinden nahezu hinter dem Hinterrad eines modernen Traktors.

Früher brauchte ein mittelgroßer Hof mit dreißig Hektar Land viele helfende Hände. Heute kann ein Ackerbaubetrieb mit 300 Hektar von einem Betriebsleiter gemanagt werden, der für Saisonarbeiten einen Lohnbetrieb beschäftigt. Dafür mussten allerdings nicht nur die Maschinen wachsen, sondern auch die Flächen. Gräben wurden zugeschüttet, Wege weggepflügt, Hecken entfernt, Felder zusammengelegt. Die Flur wurde »bereinigt«, das Land maschinengerecht umgebaut. Das ging im Osten Deutschlands schneller und einfacher, weil man sich bis 1989 kaum um Eigentumsrechte kümmern musste. Entsprechend sind dort die zusammenhängenden Ackerflächen auch größer als im Westen. Und die damit zusammenhängenden Probleme auch.

Mit der Industrialisierung hat die Landwirtschaft den Turbo gezündet. Alles wurde beschleunigt, alles musste größer werden. Wer nicht mitmachte, wurde untergepflügt. Jahrzehnte später bemerken wir, dass darunter nicht nur die Tiere leiden, sondern auch die eigentliche Ressource der Landwirtschaft: der Boden.

Durch die immer größer gewordenen Ackerflächen in ausgeräumten Landschaften erhöhte sich die Gefahr der Erosion der Böden. Der Wind hatte freie Bahn. Und da die Böden in den immer größer werdenden Monokulturen langsam verarmten, wuchs auch die Gefahr des Abdriftens, der Ausspülung bei Starkregen. Niedersachsen ist das Bundesland, das die Erosion seiner Böden am längsten systematisch beobachtet. Seit dem Jahr 2000 werden dort durch Erosion gefährdete Flächen registriert und kartiert. In einer Zwischenbilanz wurde festgehalten, dass der durchschnittliche Bodenverlust auf den beobachteten Flächen zwischen 1,4 und 3,2 Tonnen pro Hektar liegt. Bei einzelnen Starkregenereignissen waren bis zu fünfzig Tonnen Boden weggeschwemmt worden.

Was da verloren geht, ist immer die oberste Schicht des Bodens. Dort greifen Wind und Wasser an. Die oberste Schicht ist aber genau der Hort der Fruchtbarkeit, dort ist das Bodenleben am aktivsten. Alles, was auf dem Boden liegt an totem organischem Material, wird von den Schnecken, Asseln, Käfern und Regenwürmern, von den Springschwänzen, Milben, Fadenwürmern, Weißwürmern und Myriaden von Mikroorganismen von oben nach unten in den Boden um- und eingebaut. So entsteht Humus, der Nährstoffspeicher unserer Böden, aber auch ihr Kohlenstoffspeicher.

In einem gesunden, fruchtbaren Boden ist etwa zehn Prozent des Humus in ständiger Bewegung. Er wird vom Bodenleben auf- und von den Pflanzen wieder abgebaut. Das ist der sogenannte Nährhumus, der direkt dem Wachstum der Pflanzen dient. Die restlichen neunzig Prozent sind sogenannter Dauerhumus, bestehend aus schwer zersetzbaren Huminstoffen, die mit mineralischen Bodenpartikeln verbunden sind. Diese Ton-Humus-Komplexe sind der Kohlenstoffspeicher der Böden. Humus besteht zu rund sechzig Prozent aus Kohlenstoff, den die Pflanzen eingeatmet haben und den die Bodenorganismen aus dem abgestorbenen pflanzlichen Material in den Boden eingebaut haben.

Wenn nun durch Wind- und Wassererosion der Oberboden abgetragen wird, geht der Humus verloren. Die Böden setzen Kohlenstoff frei und beteiligen sich damit an der Aufheizung des Klimas. Gleichzeitig verlieren sie an natürlicher Fruchtbarkeit. Das Bodenleben verarmt. Das bedeutet, dass mehr organischer Dünger und Kunstdünger zugeführt werden muss, um die Feldfrüchte zu ernähren. Da dieser Dünger vom kaum mehr vorhandenen Bodenleben nicht in den Humus eingebaut wird und die Pflanzenwurzeln ihn nicht sofort komplett aufnehmen können, besteht die Gefahr, dass der nächste Starkregen nun auch den Dünger wegspült in die Gewässer.

Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft zählt regelmäßig Regenwürmer, um die Qualität der landwirtschaftlich genutzten Flächen einzuschätzen. Für die Bodenforscher ist der Regenwurm, was für die Auenschützer der Storch ist: die Zeigerart für die Bodenqualität. In den intensiv genutzten Ackerböden finden die Wissenschaftler rund sechzig Regenwürmer pro Quadratmeter Oberboden. Wenn es weniger werden, gelten die Böden bereits als degradiert. In den Böden der Landwirte, die sich um Humusaufbau kümmern und mit ständiger Bodenbedeckung und Zwischenfrüchten der Erosion vorbeugen, werden bis zu 400 Regenwürmer gezählt. Die allerdings leben nicht in ausgeräumten Landschaften, nicht in den riesigen Ackerflächen, die schnell und rationell mit den großen Traktoren bearbeitet werden können.

Gesundes, vielfältiges Bodenleben findet sich da, wo auch die Landschaft vielfältig ist und die Felder kleiner sind, von Hecken umgeben, von Baumstreifen durchbrochen. Dort wird dann auch kleinräumiger angebaut. Ein Acker bleibt dennoch zumeist eine Monokultur, aber eben nicht mehr eine, die sich bis zum Horizont erstreckt. Kleinräumigere Landwirtschaft in abwechslungsreicheren Landschaften bieten auch den Nützlingen wieder Lebensraum. Die vielen Helfer der Bauern kommen zurück – Insekten und Vögel, die Schädlinge jagen. In den ausgeräumten Landschaften ist der Schädlingsdruck deutlich höher, die Giftspritze entsprechend häufig im Einsatz.

Aber: Kleinere Äcker machen mehr Arbeit. Wenn es wieder Feldraine mit Hecken gibt, wollen auch die gepflegt werden. Wenn die Landwirtschaft Humus aufbauen soll, wenn sie helfen soll, den Kohlenstoff aus der Luft in den Böden zu binden, wenn sie vom Klimatäter zum Klimaretter werden soll, dann muss sie kleinräumiger werden. Wir müssen uns verabschieden von den riesigen Flächen, von den überdimensionierten Maschinen, die die Böden kaputtfahren. Wir müssen die Landwirtschaft entschleunigen. Das allerdings hat seinen Preis. Den müssen wir bereit sein, zu zahlen. Zuerst durch den Umbau der Subventionspolitik: weg von der Flächensubvention. Am Ende durch höhere Lebensmittelpreise. Den ersten Schritt kann die Europäische Union jetzt machen, wenn die EU-Kommission bei den Verhandlungen über die Gemeinsame Agrarpolitik auf dem »Green Deal« besteht.

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