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Von schlechten Witzen und Chancen

Wie die deutschen Handballerinnen bei der EM vorankommen wollen

  • Von Michael Wilkening
  • Lesedauer: 4 Min.

Bundestrainer Henk Groener ist ein äußerst höflicher und ausgeglichener Mensch. Selbst in kritischsten Momenten bleibt der Coach der deutschen Handballerinnen am Spielfeldrand ruhig und überlegt. Wutausbrüche sind aus seiner Zeit als Chef des deutschen Nationalteams nicht überliefert - und die dauert immerhin schon knapp drei Jahre. Diese Tatsache ist relevant, weil sie verdeutlicht, wie sehr sich der Niederländer am Mittwoch geärgert haben muss. »Das ist ein Witz«, schimpfte der 60-Jährige, nachdem der Spielplan bei der Europameisterschaft in Dänemark vor dem Start der Hauptrunde kurzfristig verändert wurde.

Es ist selbstredend, dass Groener nicht danach war, über die Verschiebungen zu lachen. »Das ist kein fairer Spielplan«, sagte der Bundestrainer. Ursprünglich sah das Tableau vor, dass das deutsche Team, das in der Vorrundengruppe Zweiter geworden war, am Donnerstag, am Sonnabend und am Dienstag seine Partien der zweiten Turnierphase austragen sollte. Nach den Änderungen geht es für die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) jetzt erst am Sonnabend gegen Ungarn los, danach folgen die Partien gegen die Niederländerinnen am Montag und die Kroatinnen nur 24 Stunden später. Groener fühlt sich ungerecht behandelt und sieht seine Spielerinnen im Nachteil, weil sie drei schwierige Spiele innerhalb von vier Tagen absolvieren müssen, während beispielsweise die Rekordeuropameisterinnen aus Norwegen von der Umgestaltung profitierten und ausreichend Ruhe zwischen ihren Partien bekommen.

Nun ist ein Teil des Problems grundsätzlicher Natur, denn der europäische Verband hat den Spielplan bei Europameisterschaften der Männer und Frauen seit 2016 verändert und dafür gesorgt, dass jeweils ein Team nach der Vorrunde zunächst eine lange Pause hat, ehe es danach drei Matches in kurzer Abfolge austragen muss. Im Rahmenterminplan ist vorgesehen, dass es jeweils die Gewinner der Vorrundengruppen erwischt. Allerdings gab es nun eine Verschiebung, weil Norwegen als ursprünglich angedachter Co-Gastgeber seinen Einfluss geltend machte und deshalb die Spielansetzungen der Skandinavierinnen mit denen der Deutschen getauscht wurden. »Es war im Vorfeld klar, dass Norwegen als vorgesehenes Gastland bestimmte Vorzüge hat«, sagte Groener verärgert: »Es war aber nicht klar, was das für die anderen Mannschaften heißt.«

Nach dem für Groener ungewohnten Gefühlsausbruch hat beim Bundestrainer inzwischen aber wieder der Pragmatismus die Kontrolle übernommen. Immerhin sei nun unerwartet viel Zeit, um im Training Schwächen und Fehler aufzuarbeiten, die es bislang gab. Weil der Niederländer wegen einer Corona-Infektion die komplette Vorbereitung und sogar das erste Match seiner Handballerinnen bei dieser EM verpasst hatte, hat er nun Nachholbedarf in der konzentrierten Arbeit mit seinem Team. Während eines internationalen Großturniers ist es äußerst ungewöhnlich, dass vier spielfreie Tage am Stück zur Verfügung stehen. Dieser Umstand soll nun genutzt werden.

An diesem Sonnabend haben die deutschen Handballerinnen jetzt in jedem Fall schon mal die Gelegenheit, mit einem Erfolg gegen die Ungarinnen eine Platzierung unter den besten Acht zu sichern. Im Vergleich zur EM vor zwei Jahren, die für die DHB-Auswahl letztlich auf Rang zehn endete, wäre das ein Fortschritt. Doch für Groener und die Spielerinnen geht es nicht darum, mit einer Endplatzierung eine Vorwärtsentwicklung zu dokumentieren. Das Heranrücken an die besten Teams des Kontinents soll auf dem Feld fühlbar sein und sich im besten Fall mit dem Einzug ins Halbfinale ausdrücken. Bei den bisherigen Auftritten während der Vorrunde in Kolding fehlte das Gefühl des Vorankommens aber noch. Kampf, Leidenschaft und eine in weiten Teilen stabile Abwehr sorgten für das Weiterkommen, aber im Offensivspiel fehlten die erhoffte Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit. »Wir müssen uns steigern«, forderte Marlene Zapf, die im Alter von 30 Jahren zu den Erfahrenen gehört. Die Rechtsaußen aus Metzingen ist eine der wenigen Konstanten und hat bei drei Einsätzen erst einen Fehlwurf in ihrer Statistik.

Möglichkeiten zur Steigerung haben dagegen andere, von denen mehr erwartet wird. Emily Bölk hatte vor dem Turnier angekündigt, gerne aus der Rolle des Supertalents hin zu einer Anführerin schlüpfen zu wollen. Bislang ist dieses Vorhaben nicht geglückt. Die Rückraumspielerin, die seit einem halben Jahr für Ferencváros Budapest in der ungarischen Liga spielt, um im Ausland persönlich und sportlich zu reifen, schwankte in ihren Leistungen ebenso wie Kapitänin Kim Naidzinavicius oder Xenia Smits. Es ist bezeichnend, dass Julia Maidhof als Turnierdebütantin bislang den besten Eindruck aller Rückraumspielerinnen hinterließ. Das bedeutet andererseits aber auch, dass noch einiges Potenzial im deutschen Team schlummert. »Wir wollen ins Halbfinale«, sagte Naidzinavicius vor dem Start der EM. An ihrer Haltung konnten weder die bisherigen Auftritte noch das Terminwirrwarr vor dem Hauptrundenstart etwas ändern.

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