Rückfall in muffige Zeiten

Die Lockerungen der Kontaktbeschränkungen an Weihnachten sollten nicht nur die christliche Kernfamilie im Blick haben, meint Vanessa Fischer

  • Von Vanessa Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

Vater, Mutter, Kind, die an Heilig Abend mit Oma und Opa eine Gans verspeisen. Am zweiten Feiertag kommen dann die Schwiegereltern zu Besuch und zusammen mit Tante und Onkel wird am Tannenbaum »O du fröhliche« gesungen... So oder so ähnlich haben sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Regierungschef*innen wohl die Festtage vorgestellt, als sie am Sonntag die neuen Kontaktbeschränkungen beschlossen.

Ab Mittwoch geht Deutschland wegen der Corona-Pandemie in einen »harten« Lockdown. Bis mindestens 10. Januar 2021 dürfen sich dann maximal fünf Personen aus zwei Haushalten treffen. Für die Weihnachtsfeiertage wird diese Regelung jedoch gelockert: Vom 24. bis 26. Dezember dürfen vier weitere Personen aus dem »engsten Familienkreis« dazukommen.

Vor dem Hintergrund weiter ansteigender Infektionszahlen wirkt diese Regelung nicht nur verantwortungslos. Sie zeigt auch, welche Lebensentwürfe in der Krisenzeit zählen: In Deutschland hat die christliche Kernfamilie Konjunktur. Für sie wird (mal wieder) Politik gemacht, für sie werden (wenig überraschend) letzlich Menschenleben riskiert.

Dass in Deutschland aber gar nicht so wenige Menschen leben, die Weihnachten nicht feiern - etwa weil sie muslimisch oder jüdisch sind -, wird so ignoriert. Besonders ironisch ist das, weil dazu oft auch ausgerechnet jene »arabischen Großfamilien« gehören, denen noch im Sommer vorgeworfen wurde, die Pandemie durch »große Familienfeste« voranzutreiben. Und selbst unter denen, die Weihnachten feiern, wollen das längst nicht alle mit »vier weiteren Personen aus dem engsten Familienkreis« tun: Für Viele sind Wahlverwandtschaften und die Beziehung zu Freund*innen ihr engster Kreis. Auch für sie muss es möglich sein, die Feiertage mit geliebten Menschen zu verbringen.

Immerhin: Die LGBTI-Organisationen von Linken und Grünen haben die Regelungen bereits kritisiert: Dass sich drei befreundete Singles an Weihnachten nicht treffen dürften, fünf miteinander verwandte Personen hingegen schon, habe laut DIE LINKE.queer mit epidemiologischen Erkenntnissen nichts zu tun, mit einem völlig antiquierten Familien- und Gesellschaftsbild hingegen schon. »Ein Rückfall in die muffigen 1950er Jahre stellt keinen Schutz vor Sars-CoV-2 dar.«

Auch QueerGrün appellierte bereits an alle Entscheidungsträger*innen, die Ungleichbehandlung von »Beziehungen zweiter Klasse« zu korrigieren. Es dürfe kein Unterschied zwischen sozialer, rechtlicher oder biologischer Herkunft gemacht werden.

Dass es auch anders geht, macht indes die rot-rot-grün regierte Hauptstadt vor: Auf Twitter kündigte Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) an, dass dort »queerer und Singlerealität« zu Weihnachten »Rechnung getragen« werde. So dürfen sich in Berlin vom 24. bis 26. Dezember fünf Menschen aus bis zu fünf Haushalten begegnen, auch wenn sie nicht miteinander verwandt sind. In einem Tweet forderte der grüne Bundestagsabgeordnete Sven Lehnmann wenig später: »Andere Bundesländer: Bitte nachmachen!«

Zeit für eine bundesweite Regelung, die für Weihnachten nicht nur die christliche Kernfamilie im Blick hat, wäre es allemal: Immerhin ist es schon das Jahr 2020.

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