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Das Ende

Best of Menschheit, Teil 50: Verklärung

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 4 Min.

Nun ist sie am Ende. Nicht die Menschheit, nicht ihre Zivilisation - die wird noch lange gegen die Verwüstungen ankämpfen, die sie mit der ungebremsten Entfesselung des Marktes und seiner immensen Kräfte verursacht hat. Nein, diese Kolumne ist am Ende. Und ich bin erleichtert. 50 Ausgaben eines Best of Menschheit genügen. Die Menschheitsgeschichte bietet zwar bestimmt noch zig Tausende Anlässe zum Lob, echtem wie vergiftetem. Aber das ganze Konstrukt dieser Kolumne ist geboren aus einer Verzweiflung - und man spürt es.

Es gibt keine Klimapolitik. Man muss nur die Daten der internationalen Beschlüsse an der Kurve des Ausstoßes klimaschädlicher Gase markieren und sieht: Nichts, absolut nichts gibt es, was diese Entwicklung auch nur verlangsamt. Und das, obwohl jetzt schon Klimakastrophenfolgen zu beobachten sind, die die Wissenschaft in ihren Worst-Case-Szenarien fürs Ende des Jahrhunderts befürchtet hat. Die innere Logik des die Welt dominierenden Kapitalismus lässt nichts anderes zu. Noch der letzte Tropfen, das letzte Korn fossiler Brennstoffe wird die Menschheit aus dem Planeten ziehen und verbrennen. Denn ohne Verbrennung keine »Wirtschaft«, kein Wachstum, kein Wohlstand - dazu gibt es keine Alternative mehr, seit die, die Kommunisten sein wollten, nur autoritäre Staaten zustande brachten, die sich selbst wie Unternehmen am Weltmarkt gerierten.

Es gibt nichts, was einem auch nur bei oberflächlicher Beschäftigung mit den Aussichten Hoffnung macht. Und wer so glücklich war, das bisher ignorieren zu können, müsste spätestens in der Pandemie begriffen haben, wie kurzfristig das Herrschende agiert. Nicht mal ein präventiver Halt der kapitalistischen Produktionsmühlen für zwei Wochen ist in den reichsten Ländern des Planeten möglich; es wird gewartet, bis die Katastrophe nicht mehr zu verstecken ist. Und sie im Zweifel dann doch einfach laufen gelassen, weil auch pandemisch überproportional betroffen ist, wer ohnehin schon unwichtig oder gar lästig ist fürs Funktionieren des Betriebs.

Diese Kolumne wollte dieser Verzweiflung entfliehen, indem sie vorsorglich schon mal mit allem abgeschlossen hat: Die Menschheit ist durch mit ihrem Projekt Zivilisation, blicken wir ein letztes Mal noch zurück, und zwar mal ernsthaft, mal scheinbar positiv. Denn die Kritik am Falschen ist im besten Falle Lob eines Potenzials. So oder so: Es war doch nicht alles schlecht. Man muss die Spezies nicht von ihrem Ende her bewerten.

Das ist eine ironische Haltung. Also nicht im landläufigen Sinne von Ironie. Keine simple Umkehrung, sondern Ambivalenz zwischen eigentlichem und uneigentlichem Meinen, existenzielle Unsicherheit. Wäre das hier proklamierte Ende gänzlich sicher, gäbe es ja gar nichts mehr zu schreiben.

Das ist also auch eine vorgespielte zynische Haltung, die sich ihren Zynismus austreiben will. Denn wenig ist dümmer als die Misanthropie, die die Menschheit oder gar alle einzelnen Menschen für etwas verantwortlich macht, das systemisch ist. Diese Misanthropie ist sogar fester Bestandteil dieser Systeme, denn sie produziert Lethargie genau an den richtigen Stellen.

Dann lieber, und sei es ironisch, Verklären. Denn auch das kann der Homo sapiens gut. Würde er das nicht besonders gut können, rückblickend noch im Schlimmsten Gutes entdecken, käme sein höheres Bewusstsein nicht aus der Depression heraus, die der nicht zu verhindernde Tod verursacht.

Verklärung ist das Wesen jeder Beerdigung. Insofern werde ich bestimmt auch einmal auf die ein oder andere Ausgabe dieser Kolumne mit Freude zurückblicken, auch wenn sie mich nie ganz von der Verzweiflung befreien konnte. Und ich stets das Gefühl hatte, dass in ihr höchstens fünf oder zehn gute Texte möglich sind. Und womöglich verschwindet mit der Zeit und der einsetzenden Verklärung dann auch mein Eindruck, dass es nur drei geworden sind. Als Mensch kann man so etwas.

Dies ist die letzte Folge von »Best of Menschheit« von Tim Wolff. Wir bedanken uns herzlich für die gute Zusammenarbeit.

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