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Zu weit gedacht

Lucien Favre ist beim BVB am Druck und seiner Zaghaftigkeit gescheitert, meint Alexander Ludewig.

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 2 Min.

Wenn der BVB an diesem Dienstag in Bremen antritt, wird man eine andere Dortmunder Mannschaft erleben. Weil jeder Trainer seine eigene Philosophie hat - und der 38-Jährige Edin Terzic im Gegensatz zum am Sonntag entlassenen Lucien Favre emotionaler ist. Und da zu wenig Zeit ist, um viel Neues zu versuchen, wird der ehemalige Co-Trainer in seinem ersten Spiel als Chef vor allem motivationsstark coachen.

Das war noch nie Favres Stärke. Der 63-jährige Schweizer ist ein Fußballdenker. Auch daran ist er bei der Borussia gescheitert. Eine Schwächephase hat jede noch so gute Mannschaft, aber dann helfen selten weitere Taktikstunden oder Systemanalysen, sondern Appelle ans Herz der Spieler. Dass den Dortmundern bei zuletzt drei sieglosen Ligaspielen in Folge Leidenschaft und Zusammenhalt gefehlt haben, wurde bei der nahezu wehrlos hingenommenen 1:5-Niederlage am Sonnabend gegen Aufsteiger Stuttgart deutlich.

Einen Tag danach zog der BVB den Schlussstrich unter eine mit zwei Vizemeisterschaften durchaus erfolgreiche Zeit mit Favre. Weil, wie Sportdirektor Michael Zorc sagte, die Saisonziele »stark gefährdet« seien. Dabei hat die Borussia offiziell gar keine Erfolgsvorgaben gemacht. Intern dürfte der Druck dennoch hoch sein. Denn wer in der vergangenen Saison die Meisterschaft als Ziel ausgerufen hatte, sich im Sommer ordentlich verstärkt hat sowie mit einer nach wie vor sehr talentierten und an Erfahrung gewachsenen Mannschaft an den Start geht, der wird seine Ziele kaum nach unten korrigieren.

Den zu hohen Druck in Dortmund hat Favre des Öfteren kritisiert. Dann aber war er am falschen Ort: Das Streben nach Höherem ist überall wichtige Antriebskraft, folgerichtig will die Nummer zwei im deutschen Fußball den Ersten angreifen. Der stete Verweis des Trainers auf das junge Team war mehr Alibi als berechtigter Einwand. Einerseits hat die Borussia genug erfahrene Spieler: Mats Hummels, Thomas Meunier, Emre Can, Axel Witsel oder Marco Reus. Andererseits müssen Talente, das beweist Stürmer Erling Haaland, nicht zwangsläufig langsam herangeführt werden. Jadon Sancho bringen Spielpausen wahrscheinlich auch nicht mehr viel weiter. Zu zaghaft war Favre zudem beim Thema Belastungssteuerung: Ständig wechselnde Aufstellungen führen nicht zu notwendigen Automatismen im Spiel, sondern zu Niederlagen gegen Köln oder Stuttgart. Der Fußballdenker Favre hat für den in Dortmund gewünschten Erfolg immer etwas zu weit gedacht.

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