Urbane Mythen Berlins

Der Fotograf Eiko Grimberg hat sich über neun Jahre hinweg mit dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses auseinandergesetzt. Nun erscheint sein Bildband rechtzeitig zur Eröffnung des Humboldt-Forums

  • Von Mira Anneli Naß
  • Lesedauer: 4 Min.

Real verlorene Tradition«, schreibt Theodor W. Adorno 1968, »ist nicht ästhetisch zu surrogieren.« Was Adorno mit seinen Thesen »Über Tradition« meint, ist: Die Sehnsucht »nach dem, was noch nie war«, lässt die »Tradition als Ornament« und somit als »täuschende Herstellung eines Sinns, der nicht ist«, erscheinen. Ein gegenwärtiger Trend zur Rekonstruktionsarchitektur kann als Symptom für diese Form der (kollektiven) Nostalgie gelten. Der Architekturtheoretiker Philipp Oswalt geht sogar so weit zu behaupten, die Deutschen würden mit vielen Rekonstruktionsprojekten weniger »von einer anderen Zukunft, sondern eher von einer anderen Vergangenheit« träumen. Dass etwa die umstrittene Rekonstruktion der Altstadt von Frankfurter am Main wesentlich von völkischen und rechtspopulistischen Positionen initiiert und verteidigt wurde, untermauert diese These einer Tendenz der Rekonstruktionsarchitektur hin zu einem »Schlüsselmedium« (Stephan Trüby) der geschichtsrevisionistischen Rechten.

»Rückschaufehler« nennt der Berliner Fotograf Eiko Grimberg vielleicht deshalb sein Langzeitprojekt, bei dem er sich über neun Jahre hinweg mit einem der zentralen Rekonstruktionsprojekte der bundesdeutschen Städteplanung auseinandersetzte: dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Im nun diese Woche bei Kodoji Press erscheinenden Fotobuch meint der »Rückschaufehler« nicht nur den verzerrten Blick auf einen historischen Verlauf im Wissen um seinen Ausgang. Indem er spezifischen urbanen Mythen Berlins nachspürt, nähert sich Grimberg diesem »Rückschaufehler« auch als Versuch einer Korrektur der Vergangenheit.

Exemplarisch hierfür steht die Aufnahme eines Affen. Vor einer ruinösen Säulenlandschaft blickt er sich über die eigene Schulter. Diese Fotografie ist eine von mehreren aus dem Tierpark Berlin-Friedrichsfelde. Es heißt, die DDR-Administration habe hier die Trümmer des 1950 gesprengten Hohenzollernschlosses verbaut. Bis heute sollen die Säulen den Affen zum Spielen dienen. Auch viele der heroischen Tierstatuen wurden in den Tierpark ausgelagert, darunter August Gauls Löwen des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals. Einer der Architekten des Ostberliner Zoos war Heinz Graffunder. Später verantwortete dieser auch den Bau des Palasts der Republik, der nun wiederum für das Humboldt-Forum weichen musste.

Dem Blick des Affen folgend steht ihm gegenüber auf der anderen Seite die Fotografie eines einsamen Fassadenstücks des neuen Berliner Schlosses. Die DDR habe es als einziges Originalteil aufbewahrt, weil Karl Liebknecht aus jenem Fenster 1918 die »freie sozialistische Republik Deutschland« ausgerufen haben soll. Als einzig historischer Fassadenteil stellt es heute dennoch nur die Kulisse einer fragwürdigen Aufführung dar, nämlich der einer deutschen Geschichte ohne Nationalsozialismus und DDR, aber mit Kolonie in Westafrika. Wie Anna Yeboah, die Koordinatorin des Projektes »Dekoloniale - Erinnerungskultur in der Stadt«, in einem Text für die Architekturzeitschrift »ARCH+« deutlich machte, wurde die barocke Originalfassade des Künstlers Andreas Schlüter durch Gewinne aus der ersten kurbrandenburgischen Kolonie Groß-Friedrichsburg im heutigen Ghana mitfinanziert.

Diese Doppelseite ist eine der eingängigsten des Fotobuchs, denn sie visualisiert die Sehnsucht danach, Geschichte umschreiben zu können. Darin gleicht sie der Aufnahme eines bronzenen Säbelzahntigers im Berliner Tierpark, von dem es heißt, er sei aus einem eingeschmolzenen Stalin hervorgegangen. Hier verdichten sich Zeitläufe, die Fragen nach Authentizität oder Linearität längst hinter sich gelassen haben. In der konkreten Gegenüberstellung von Tierpark und Schlossneubau zeigen sich beide als kulissenhafte Orte, an denen Realität und Gegenwart verklärend imaginiert wird. Ist der Zoo das utopische Gegenmodell zum Schloss? Oder sind beide nur unterschiedliche Formen der Freizeitideologie? Die Fotografien jedenfalls erzählen von soziopolitischen Räumen, die sich in der Rückschau lediglich als Orte temporärer Nutzung erwiesen haben. Wird auch das Neue Berliner Schloss entgegen eines Mythos vom »Ende der Geschichte« nur eine Zwischennutzung sein?

Augenscheinlich ist Grimberg von Orten fasziniert, in denen sich ein Dazwischen-Sein vor allem architektonisch, also räumlich, materialisiert. Die knapp 90 Fotografien in »Rückschaufehler« zeigen die Zwischenlagerung imposanter Statuen und Skulpturenfragmente in Depots; die Umnutzungsphase des heruntergekommenen Palasts der Republik vor seinem Abriss; die wachsende Baustelle auf der Museumsinsel; den zunächst verloren geglaubten, dann abgetragenen Mosaikfußboden des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals; eine Glaswand, die sich passgenau an eine steinerne Säule schmiegt. Grimberg füllt diese Zwischenräume weniger mit neuen identitären Konstruktionen auf. Seine fotografische Analyse fokussiert vielmehr die architektonischen und historischen Bruchstellen, an denen unterschiedliche Formen ästhetischer Ideologisierung aufeinanderstoßen. Das merkt vor allem auch die Leserin, die sich auf starken Doppelseiten in vergleichendem Sehen übt. In dieser assoziativen Bild-Verknüpfung entfaltet sich das volle Potenzial seines dialektischen Bildgebrauchs: Diskontinuitäten sichtbar halten.

Eiko Grimberg: Rückschaufehler. Kodoji Press, 116 S., 85 Abb., br., 30 CHF.

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