Werbung

Die Hauptstadt macht dicht

In der City West ist der bundesweite Lockdown bereits am ersten Tag zu spüren

  • Von Maximilian Breitensträter
  • Lesedauer: 4 Min.

Anfang der Woche noch geschäftiges Weihnachtsshopping mit proppenvollen Geschäften, am Mittwoch dann nahezu menschenleer: Auf dem Kurfürstendamm und der Tauentzienstraße in der Berliner City West macht sich der bundesweite Lockdown bereits an Tag eins bemerkbar. Die meisten Einzelhandelsgeschäfte auf der beliebten Einkaufsmeile, von den Luxusläden rund um den Adenauerplatz bis zu den großen Modeläden an der Nürnberger Straße, sind dicht - gemäß der Bund-Länder-Beschlüsse mindestens bis zum 10. Januar. Lediglich Geschäfte des täglichen Bedarfs wie Supermärkte und Drogerien sind geöffnet. Nur so, das ist die Hoffnung von Virologen und dem rot-rot-grünen Senat, lässt sich die Covid-19-Pandemie in den Griff bekommen.

Für Feinschmecker gibt es am Tauentzien immerhin einen kleinen Lichtblick: Die Feinkostabteilung in der sechsten Etage im Edelkaufhaus KaDeWe bleibt, anders als beim Lockdown im Frühjahr, geöffnet - auch am Heiligen Abend bis zum Mittag. Auch die Restaurants, die es in den Nebenstraßen von Kudamm und Tauentzien reichlich gibt, dürfen ihre Speisen weiter zum Mitnehmen anbieten. Ob sich das Geschäft für die Gastronomen allerdings noch lohnt, wenn die Kaufwilligen weg bleiben, bleibt abzuwarten. Am ersten Lockdown-Tag ist in den Gaststätten in der Rankestraße gegenüber vom Breitscheidplatz nicht viel los.

Etwas zum Beißen zu bekommen ist für Martin Lehmann ein guter Grund, die eigene Wohnung für eine Weile zu verlassen. »Ich bin seit heute im Homeoffice und das bleibt auch wohl bis zum Ende des Shutdowns so«, sagt der junge Mann, der in der Kantstraße wohnt und in Mitte arbeitet. »Ich finde die Maßnahmen komplett richtig und bin auch froh, dass mein Arbeitgeber verantwortungsvoll handelt«, sagt er. »Aber den ganzen Tag nur Zuhause sitzen kann ich nicht«, meint Lehmann und zieht sich seine weiße medizinische Mund-Nase-Bedeckung zurecht. Ein kleiner Spaziergang zur Mittagszeit von seiner Wohnung wie heute zur Gedächtniskirche - verbunden mit dem Gang zu seinem Lieblings-China-Restaurant - ist für ihn ein Muss, »um das Hirn auszulüften«.

Die letzten Tage vor dem Lockdown hat den Charlottenburger nichts auf den Kudamm gezogen. »Es war viel zu voll, die Leute haben wie blöde noch hektisch Weihnachtsgeschenke eingekauft. So, als gäbe es den Onlinehandel überhaupt nicht«, erzählt er. Jetzt müsste die Prachtstraße wie die ganze Stadt für ein paar Wochen runterkommen. »Es muss sein, die Infektionszahlen sind viel zu hoch«, sagt Lehmann und verabschiedet sich. Auch im Homeoffice gibt es nur eine Stunde Mittagspause.

Tatsächlich war die Lage kurz vor dem Lockdown einigermaßen paradox. In den Tagen vor der großen Schließung hatten sich noch einmal Hunderttausende Menschen in die Shopping-Distrikte und die Malls aufgemacht, um noch rasch Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Politiker und Einzelhandelsvertreter hatten sogar zu längeren Öffnungszeiten bis in die Nacht hinein aufgerufen. Und das, obwohl der Shutdown doch gerade die Kontakte zwischen den Menschen drastisch reduzieren soll. Nun fürchten Mediziner, dass der Shoppingexzess der vergangenen Tage ein Superspreader-Event war, das sich wegen der Inkubationszeit frühestens Anfang der kommenden Woche bemerkbar machen könnte.

Dem Einzelhandel geholfen hat der Ansturm auf die Einkaufsstraßen jedenfalls nicht. Der Handelsverband Berlin-Brandenburg berichtet von einem ausgesprochen schlechten Geschäft in der Coronakrise. Sowohl was die Kundenzahlen als auch was den Umsatz angeht, blieben die Unternehmer an den vergangenen Adventswochenenden zum Teil deutlich unter dem sonst üblichen Niveau der Vorjahre.

Leonie Wang ist froh, dass jetzt dank des Lockdowns Schluss ist mit der Geschäftemacherei. Die 34-Jährige arbeitet in einem Modegeschäft am Tauentzien und konnte durch die Maßnahmen früher ihren Urlaub antreten. »Ich war gerade bei meinem Hausarzt und fahre jetzt nach Hause zurück«, sagt Wang, die als einziger Fahrgast an einer Bushaltestelle am U-Bahnhof Kürfürstendamm steht. Einen Corona-Hintergrund hatte ihre Arztvisite nicht. »Aber ich bin jetzt doch froh, dass wir nicht mehr zur Arbeit gehen müssen. In den letzten Tagen gab es schon einen kleinen Ansturm«, sagt die Verkäuferin. Nicht alle Kunden hätten sich dabei immer an die Hygiene-Regeln gehalten. »Ich musste Kunden ermahnen, ihre Masken richtig zu tragen«, berichtet Wang. Für die krisengebeutelten Einzelhändler sei der Kaufrausch natürlich gut gewesen, glaubt sie.

Leonie Wang machen die aktuell hohen Todeszahlen im Zusammenhang mit Covid-19 aber große Sorgen. »Eigentlich auch gerade mehr Sorgen, als die Frage, wann und ob wir im Januar wieder normal arbeiten gehen können.« Zu Beginn des Lockdowns am Mittwoch hatten die Todeszahlen bundesweit mit 952 einen neuen Höchstwert erreicht. Auch für die Hauptstadt war am Dienstag mit 53 Menschen, die innerhalb von 24 Stunden an und mit Covid-19 gestorben sind, ein neuer Negativrekord erreicht worden.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln