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Tritt auf die Bremse

BVG-Verkehrsvertrag nimmt Tempo aus Bus-Elektrifizierung

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 3 Min.

So stürmisch, wie die Elektrifizierung des Busverkehrs in Berlin zunächst begonnen hat, wird sie zunächst nicht weitergehen. Das ergibt sich aus dem am Dienstag vom Senat beschlossenen Nachträgen zum Verkehrsvertrag mit den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Bis 2025 sollen nach nd-Informationen nur rund 370 Elektrobusse in Betrieb stehen. Davon immerhin rund 160 Gelenkbusse. Dennoch entspricht das nicht mal einem Drittel der aktuell betriebenen Flotte von rund 1400 Bussen. Ob so die im Mobilitätsgesetz vorgesehene vollständige Dekarbonisierung des Busverkehrs der BVG bis 2030 erreicht werden kann, scheint zumindest fraglich.

Im August hatte die BVG den Betrieb mit den ersten elektrischen Gelenkbussen in Berlin auf der Linie 200 aufgenommen. Am 13. Oktober hat das Landesunternehmen den 100. Akkubus in den Fahrgastbetrieb gebracht. Bis Jahresende sollen 137 Busse in Betrieb sein, 17 davon mit Gelenk. Letztere haben kleine Akkus, die an der Endhaltestelle in wenigen Minuten aufgeladen werden. Der Rest der Flotte sind sogenannte Depotlader, zwölf Meter lange Stadtbusse mit größeren Batterien, die einige Stunden brauchen, bis sie voll geladen sind. Weitere 90 solcher Busse sollen ab 2022 ausgeliefert werden, die Ausschreibung wird derzeit vorbereitet.

Für den Betrieb dieser Charge hätte eigentlich ein neuer Betriebshof namens »Süd-Ost« zur Verfügung stehen sollen, der auf zwei Standorten an der Minna-Todenhagen-Brücke errichtet werden soll (»nd« berichtete). Doch Probleme mit dem Baugrund sorgen für Verzögerungen. Stattdessen sollen nun auf den drei bestehenden Betriebshöfen Britz, Cicerostraße und Indira-Gandhi-Straße Ladeplätze für jeweils 30 E-Busse entstehen. Ein weiterer E-Betriebshof soll bis 2025 an der Säntisstraße in Marienfelde gebaut werden.

An die 220 Millionen Euro müssen für diese Infrastruktur inklusive Planungskosten schätzungsweise fließen, dafür soll die BVG Kredite aufnehmen. Das Land übernimmt die Abschreibungen und Zinsen dafür.

Insgesamt soll sich die erste Phase der Bus-Elektrifizierung mit Investitionen von rund 700 Millionen Euro niederschlagen, gerechnet für den Zeitraum 2020 bis 2035. Die Mehrkosten gegenüber dem Dieselbetrieb bei nicht mal einem Drittel der Busflotte sollen in den 15 Jahren über 120 Millionen Euro betragen.

Bis 2025 soll auch die Buslinie M32 auf elektrisch betriebene Doppelgelenkbusse umgestellt werden, den Fahrstrom sollen sie zum Teil aus Oberleitungen beziehen. Damit kehrt der Obus nach rund 50 Jahren zurück.

Um die Kosten des Verkehrsvertrags zu drücken - die Haushaltspolitiker der Koalition hatten das verlangt - musste die BVG ihr Angebot neu kalkulieren. Real gelungen scheint dies beim Fahrzeugkauf. Bis zu 1500 U-Bahnwagen liefert der Hersteller Stadler Pankow, das ist seit einem Gerichtsurteil vom März klar. Am Dienstag konnte auch die Bestellung von bis zu 117 neuen Straßenbahnen beim Hersteller Bombardier offiziell bekanntgegeben werden. Sie werden bis auf die Länge wahrscheinlich den bereits seit 2008 gelieferten Wagen vom Typ Flexity des gleichen Lieferanten sehr ähneln. Mit 50 Metern werden die längsten Exemplare zehn Meter mehr messen als die bisher auf dem Netz verkehrenden.

Ob andere Posten, wie durch Synergien erwartete Einsparungen bei den Kosten der Fahrgastinformation und Personaleinsparungen, sich nicht doch im Angebot niederschlagen werden, bleibt abzuwarten.

Trotzdem hat Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) recht, wenn sie sagt: »Mit diesem BVG-Verkehrsvertrag bewegen wir uns in eine neue Dimension: Es ist ein klarer Wachstumsvertrag - und die Unterlegung unseres politischen Anspruchs, die Verkehrswende voranzutreiben.«

Neu und bundesweit einmalig ist die mit der BVG vereinbarte Mobilitätsgarantie: Auch wenn Fahrstühle ausfallen oder andere Probleme auftreten, sollen mobilitätseingeschränkte Fahrgäste ohne zusätzliche Kosten an ihr Ziel kommen können. Ende 2021 soll eine einjährige Pilotphase dafür beginnen. BVG-Chefin Eva Kreienkamp hatte kürzlich erklärt, dass ihr Unternehmen eine Ausschreibung vorbereitet, die diesen Service, Rufbusse und das Sammeltaxiangebot Berlkönig umfasst.

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