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Das Wort beim Wort nehmen

Milo Rau stellt in »Das neue Evangelium« die Frage, für wen und mit wem Jesus heute kämpfen würde

Als Franziskus 2018 über den Kapitalismus sagte: »Diese Wirtschaft tötet«, war das Bruch und Kontinuität zugleich. Denn die Religion, deren stärkster Konfession er vorsteht, ist von dieser paradoxen Zwiegestalt. Der feurige Antikommunismus eines Wojtyla und die reaktionäre Misanthropie eines Ratzinger markierten bloß die letzten Enden einer hartnäckigen Tradition unbedingter Treue für das je herrschende System (mit Ausnahme des Sozialismus, versteht sich). Wer damit aufwuchs, musste sich immer wieder selbst erinnern, dass diese Religion auch eine Botschaft hat und dass das Christentum aus einem Urchristentum hervorging, dessen Kampf sich gegen die Repression der Klassengesellschaft richtete. Im Anfang war das Wort, und das Wort blieb bei Gott. Wenigstens daran erinnert zu haben scheint eine Art Minimalvermächtnis des gegenwärtigen Papstes, ein ebenso frommes wie folgenloses Wort zum Sonntag. Was aber, wenn man das Wort beim Wort nimmt?

Diese Frage stellt Milo Rau in »Das neue Evangelium«. Jesus kommt ins heutige Matera, wo ein großes Auffanglager für Flüchtlinge vor sich hin siecht. Er findet die Ärmsten der Armen Europas, formt und führt sie. Es folgen die Taufe durch Johannes, die Versuchung durch Satan, der Verrat des Judas, die Verleugnung des Petrus, die Passion und Kreuzigung Jesu - alle wesentlichen Motive der Evangelien bei erfreulicher Aussparung des Kitschs der Weihnachtsgeschichten, wodurch der Regisseur beiläufig die unerhebliche Frage umgeht, welches der Evangelien genau er nun hier mit seinem »neuen« revidiere.

Die Handlung des Films ist nicht leicht nachzuerzählen, was an seinem fragmentarischen Charakter und der Montage aus Spiel-Szene und Making-of-Dokumentation liegt. Der Film erzählt seine Handlung und zugleich sich selbst. Das Pathos früherer Evangelien-Filme, Pier Paolo Pasolinis »Das 1. Evangelium - Matthäus« (1964) und Mel Gibsons »Die Passion Christi« (2004), auf die Rau seinen Film mehrfach Bezug nehmen lässt und die am selben Ort, dem italienischen Matera gedreht wurden, kann so nicht aufkommen. Diese Schwäche gleicht sich durch ein Mehr an Reflexion aus. Allerdings bleibt die Sache auch in dieser Hinsicht auf halbem Weg stehen. Wenn man sich etwa des souveränen Kommentars erinnert, mit dem Al Pacino das Publikum durch sein ähnlich angelegtes Making-of-Werk »Looking for Richard« (1996) führt, wirkt »Das Neue Evangelium« eher so, als meide es mit Absicht einen roten Faden und brenne vorsätzlich auf halber Flamme. Das ist bedauerlich, denn Rau stellt sich dieselbe Frage wie damals Pacino: Wie würde ich diesen Stoff (»Richard III« / Evangelien der Bibel) inszenieren, welche der tradierten Momente sind heute relevant?

Der hybride Charakter des Werks spiegelt sich allerdings nicht nur in der Stellung zwischen Inszenierung und Inszenierungskommentar, er zeigt sich auch im Setting selbst und wird damit inhaltlich wichtig. Denn Rau verlegt die antike Handlung in unsere Gegenwart. Das klingt zunächst wenig originell, man hat es oft gesehen und öfter gehört, aber hier funktioniert es. Es geht nämlich gerade darum, herauszufinden, was Jesus heute täte, käme er zwischen uns. Wie würde er sich in unseren heutigen Kämpfen verhalten? Damit löst Rau ein, was bei Franziskus im Wort steckenbleibt. Das Wort wird zur Tat, die Botschaft zum Kampf. Der verschüttete Kern des Urchristentums, sein revolutionärer Charakter, seine unbedingte Feindschaft gegen die Klassengesellschaft, kehrt zurück ins Bewusstsein und auf die Straßen.

In diesem Zusammenhang wirkt es nachgerade subtil, dass der Regisseur das Setting in Matera nimmt, wie er es daselbst vorgefunden hat. Wir sehen antik kostümierte Darsteller im kargem Gewand und mit bunten Einkaufstaschen zwischen archaischer Architektur und Telegrafenmasten heimwärts ziehen. Manchmal brummt ein Auto vorbei. Das wirkt nicht seltsam, weil das seltsame Nebeneinander von Modernität und Armut zur Lebenswirklichkeit heutiger Armut gehört, wo im Auffanglager das nötige Medikament und die nächste Nahrung oft weiter entfernt scheint als das Smartphone, das gleichfalls zum Lebensmittel geworden ist.

Zum dritten findet man das Beieinander von Kunst und Alltag, Poesie und Prosa, in der Besetzung, indem Rau überwiegend mit Laiendarstellern arbeitet, was im politischen Film eine lange Tradition hat, vom Frühwerk Sergej Eisensteins (»Streik«, »Panzerkreuzer Potemkin«, beide 1925) bis hin zu Stéphane Brizés »Streik« (2018). In seinen besten Momenten wird »Das neue Evangelium« dem heiligen Ernst und der ruppigen Ästhetik dieser Werke gerecht.

Für wen würde Jesus heute kämpfen - und wer stünde dabei an seiner Seite? Zunächst einmal: Dieser Jesus ist schwarz. Milo Rau besetzte die Rolle des Erlösers mit dem politischen Aktivisten Yvan Sagnet, der von Kamerun nach Süditalien kam, reichlich Erfahrung im Kampf gegen den Kapitalismus sammeln konnte und tatsächlich Szenen erlebt hat, wie sie Alice Rohrwacher in »Glücklich wir Lazzaro« (2018) und James Franco in seiner Steinbeck-Verfilmung »Stürmische Ernte« (2016) erzählen. Damit eint er in sich die beiden großen Tendenzen der politischen Linken unserer Zeit: den Emanzipationskampf für die Rechte von Minderheiten und den Kampf gegen die Ausbeutung des Kapitalismus. Man kann nämlich - nur unsere Stegemänner und Lafontaines wissen das nicht - den Kampf führen, ohne Arbeiterklasse und Flüchtlinge gegeneinander auszuspielen. Diese Spaltung scheint Milo Rau, der in seinen Production Notes den diversen Cast hervorhebt, überwinden zu wollen; sein Widerstand gegen den Kapitalismus ist breit angelegt.

»Sprich mit den Pharisäern wie ein Marxist, der auf bürgerliche Bürokraten einredet.« Diesen Ratschlag erhielt der Hauptdarsteller von Enrique Irazoqui, der im »Neuen Evangelium« als Johannes der Täufer zu sehen ist und vor 58 Jahren bei Pasolini den Jesus gespielt hatte. Der Johannes der biblischen Evangelien ist eine Art Protojesus. Rau stellt also durch die Besetzung seines Johannes mit dem vormaligen, dem Pasolini-Jesus einen subtilen Bezug seines »neuen« Evangeliums zum »1. Evangelium« her. Wir sehen hier wirklich mehr als eine Aktualisierung. Es ist der Traum von einem, der Licht ins Dunkel bringt, die Traurigen, Verdrängten, Armen einsammelt, doch anders als ein unlängst abgewählter Volkstribun in Übersee tatsächlich deren Interessen vertritt und nicht ihre Wut gegen die noch Schwächeren lenkt. Der Rest ist Passion, während vom Abgewählten nur die Posse bleibt.

»Das neue Evangelium« (»The New Gospel«): Deutschland, Schweiz, Italien 2020. Regie und Drehbuch: Milo Rau. Mit: Yvan Sagnet, Maia Morgenstern, Enrique Irazoqui. 107 Minuten. Starttermin: 17. Dezember 2020 (digital). Mehr Infos: www.dasneueevangelium.de

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