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Hochburg mit Rissen

Dortmund galt lange als Nazi-Zentrum im Westen. Doch der Ruf bröckelt.

  • Von Sebastian Weiermann
  • Lesedauer: 2 Min.

Als Michael Brück 2008 mit 18 Jahren nach Dortmund zog, setzte sich der Nachwuchs-Neonazi ins gemachte Nest. In Dortmund gab es seit den 1980er Jahren gewachsene Neonazi-Strukturen.

Erst organisierte man sich in der Hooligangruppe Borussenfront, dann zusätzlich in der in den 1990er Jahren verboten Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei. Immer vorne dabei war Siegfried Borchardt, der auch Anfang der 2000er Jahre den Generationenwechsel in der Szene unterstützte. Skinheads und Hooligans wurden von »Autonomen Nationalisten« abgelöst. Ihr Motto: »Egal wie du aussiehst oder was für Musik du hörst, Hauptsache, du bist Nationalsozialist.« Als »Nationaler Widerstand Dortmund« traten die Neonazis äußerst aggressiv auf. Übergriffe gehörten zur Tagesordnung. In der Zeit zwischen 2000 und 2006 gab es fünf Morde durch Neonazis in Dortmund. Darunter der NSU-Mord an Mehmet Kubaşık, bei dem bis heute ungeklärt ist, ob es Verabredungen zwischen den Mördern und der lokalen Szene gab.

Brück wuchs in Dortmund schnell zum Führungskader heran. Nachdem der »Nationale Widerstand« 2012 verboten wurde, organisierten er und die restlichen Kader sich in der kurz zuvor gegründeten Partei »Die Rechte«. Übergriffe von Neonazis auf Migranten und Andersdenkende gab es immer noch, aber die Partei setzte auf etwas anderes: maximale Provokation. Im Stadtrat, in den sie 2014 einzog, wurde nach Zahl und Wohnorten der Dortmunder Juden gefragt, im selbst ernannten Nazi-Kiez wurden Häuser mit schwarz-weiß-roten Fahnen und Hitler-Transparenten geschmückt. Die Polizei und auch die Zivilgesellschaft schauten diesem Treiben lange zu, ohne wirksame Gegenmaßnahmen zu betreiben. Die Nazis fühlten sich in Dortmund sicher. Kader aus anderen Städten zogen in den Stadtteil Dorstfeld, in dem sich die Rechten ballten.

Das ist mittlerweile anders. Polizei und Staatsanwaltschaft fahren eine harte Linie gegen die Neonazis. Zahlreiche Führungsfiguren sind in den letzten zwei Jahren inhaftiert worden. Und auch die medienwirksamen Großaufmärsche, für die sich die Dortmunder Szene immer rühmte, wurden mit der Zeit kleiner. Im Jahr 2020 ist die Aktivität der Dortmunder Nazis fast komplett zum Erliegen gekommen. Im Kommunalwahlkampf gab es zwar noch einige Kundgebungen, aber das Wahlergebnis war kein Erfolg. Bildete man im letzten Rat noch eine Gruppe mit der NPD, was finanziell äußerst lukrativ war, sitzt »Die Rechte« nun alleine im Rat. Brück, der Spitzenkandidat war, gab sein Ratsmandat ab und zog nach Chemnitz. Für Dortmund sieht er offensichtlich keine große Zukunft. Schon »biologisch« sei der Westen nicht zukunftsfähig, sagte er im Interview mit »Zusammenrücken« und erklärte, auch in seinem Umfeld gäbe es Überlegungen zum Umzug. Die Nazi-Hochburg im Ruhrgebiet, sie bröckelt.

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