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  • Bild.Macht.Deutschland?

Die smarte Meinungsfabrik

Die Filmdokumentation »Bild.Macht.Deutschland?« zeigt nicht nur, wie Europas größte Tageszeitung funktioniert, sondern auch deren vertraute Verbindung zur politischen Macht

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

Amazon, darüber herrscht konsumkritischer Konsens, ist das Böse unter der Sonne des Kapitalismus. Die »Bild«, auch hier sind sich vernunftbegabte Menschen einig, ist das Böse unter der Sonne des Journalismus. Man könnte also meinen, es entstünde ein teuflisches Werk von weltzersetzender Wucht, wenn beide ein Team bilden, und sei es nur auf Zeit. Von wegen!

Ein Jahr durfte Amazons Streamingdienst Prime Video die größte Zeitung Europas begleiten. Gefilmt wurde bei Sitzungen und Interviews. Bei Inlandsreportagen und Auslandseinsätzen. Bei der Arbeit und danach. Im Fahrstuhl rauf und im Fahrstuhl runter. Man war also vor Ort, wenn das Boulevardblatt Vorurteile bestätigt und neue schafft. Der filmischen Langzeitdokumentation »Bild.Macht.Deutschland?«, die ab diesem Freitag zu sehen ist, gelingt folglich etwas, das sehr wertvoll ist im Überangebot des gestreamten Entertainments: Sie ist wahrhaftig. Und damit unfassbar erschreckend.

Denn der Gegenstand der Dokumentation, das lernt man bereits in den ersten von insgesamt 350 Minuten erhellender Sendezeit, ist auf seine Art nicht nur genauso ehrgeizig, skrupellos und megaloman wie der struktur-, kultur- und naturvernichtende Onlinehändler. Die »Bild« ist all dies aus voller Überzeugung. Was wiederum viel mit Julian Reichelt zu tun hat. Gleich zu Beginn marschiert der Chefredakteur mit das Brusthaar zur Schau stellendem offenem Hemd in die Tageskonferenz und macht seine meist männlichen Mitarbeiter mächtig rund.

»Wo sind unsere Reporter?«, will der Mann in der Nachfolge Kai Diekmanns, der auf seinem Weg zur Spitze mit Tanit Koch die erste (und womöglich letzte) Frau auf diesem Posten weggebissen hat. Fast 500, zählt er zornig vor, könne man weltweit an die Front schicken. Doch ausgerechnet jetzt, da statt Dutzenden der üblichen »Bild«-Feinde von Islamisten über Flüchtlinge bis Claudia Roth nur ein einziger wartet, nämlich SARS-CoV-2 alias Corona alias Christian Drosten, fragt er seine Ressortleiter, wo ihre Korrespondenten seien. Für die nämlich, fügt der frühere Kriegsberichterstatter hinzu, »heißt Home-Office draußen arbeiten«. Damit scheint alles gesagt.

Am Ende aber ist nur die Messlatte für eine Dokuserie gelegt, nach der man den Infotainmentkonzern etwas besser kennt, als wünschenswert wäre. Schließlich ist nicht alles zynisch, bigott und niederträchtig, was Tag für Tag auf Papier und Bildschirm erscheint. Vieles davon entspringt der Gewissheit aller Beteiligten, das zu tun, was zu tun ist. Wenn Redakteur Filip Piatov mit verdrehten Fakten und falschen Zitaten auf Christian Drosten feuert und ihm nur 60 Minuten Reaktionszeit bis zur Veröffentlichung gibt, ist sein Selbstvertrauen so glaubhaft wie das Entsetzen, als Deutschlands führender Virologe zurückschießt und Piatovs Mail mitsamt der Mobilnummer twittert.

Sechs Stunden lang blickt das Publikum in das Alphatiergehege im Axel-Springer-Hochhaus in Berlin-Kreuzberg. Und man erschreckt ein bisschen vorm geraden Rückgrat der smarten Überzeugungstäter im Bann des größten davon: Julian Reichelt, ein kettenrauchender Macho traditioneller Prägung, bei dem die Politprominenz ein- und ausgeht - womit wir beim wahren Skandal wären. »Bild.Macht.Deutschland?« zeigt mehr als nur ein multimediales Bootcamp, in dem von Pädophilie bis Geisterspielen, von Judenhass bis Thaikönige, von Moria bis Sido jedes Thema mit maximaler Emotionalität gewissermaßen zum Volksbegehren aufgeblasen wird.

Am Hoftor dieser Meinungsfabrik mit eigenem TV-Kanal stehen Entscheidungsträger Schlange, um am Klebstoff der Aufmerksamkeitsindustrie zu schnüffeln. »Die ›Bild‹-Zeitung greift Stimmung auf und sie macht Stimmung«, lobt Julia Klöckner am Fuße des Springer-Hauses. Viele Etagen höher faselt Horst Seehofer, »sie orientiert sich sehr an der Wahrheit, an der Realität«. Und nachdem Heiko Maas seine Aufwartung an gleicher Stelle damit erklärt, der Gastgeber »vermittelt einem Zugang zur breiten Masse der Öffentlichkeit«, trinkt er mit Reichelts Vize Paul Ronzheimer ganz intim Kaffee. Das Böse unter der Sonne des Journalismus kann richtig nett sein.

»Bild.Macht.Deutschland?« auf Amazon Prime

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