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Der Plön-Fluch

In Corona-Zeiten steht bei vielen höchstens ein Weihnachtsbesuch in der Heimatstadt an. Selten ist das wirklich vergnüglich. Im Gegenteil.

  • Von Marit Hofmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Besuch in der Heimatstadt. Am »schönsten Bahnhof Deutschlands« (Initiative Schönes Plön), bekannt aus der Vorabendserie »Kleinstadtbahnhof« mit Heidi Kabel, informiert ein Plakat der Tourismuszentrale unter dem Titel »Plön! Schon gewusst?« über die Historie des Städtchens in der sogenannten Holsteinischen Schweiz. Nach einem Schnelldurchlauf (Eiszeit, Slawen, dänischer König, preußische Kadettenanstalt im Schloss) heißt es lapidar, Plön habe »zum Ende des 19. Jahrhunderts «immer mehr Bedeutung als Erholungsort» gewonnen. Und danach? «Aufgrund der zwei Weltkriege musste Plön viele Kriegsflüchtlinge aufnehmen.»

Diese mehr als knappe Zusammenfassung erinnert mich daran, dass noch zu meiner Schulzeit einem Schild am Plöner Schloss zu entnehmen war, das Gebäude sei seit der Kaiserzeit «zu pädagogischen Zwecken» genutzt worden. Die Lehranstalt, die von 1933 bis 1945 im Schloss «pädagogische Zwecke» verfolgte, hieß Napola. Erst seit Anfang der 90er Jahre wird das auf Betreiben einer Geschichts-AG auf einem Schild am Schloss erwähnt. Doch auch die Tafeln zur Stadthistorie, die die Initiative Schönes Plön in diesem Jahr in der Bahnhofsunterführung angebracht hat, unterschlagen dieses nicht ganz unerhebliche Detail wieder.

Auf die Regierungsgeschichte ihrer Stadt scheinen die Schildbürger*innen ebenso wenig stolz zu sein: Kein Wort davon, dass der von Hitler zu seinem Nachfolger ernannte Admiral Dönitz in der «Stadt der Seen und Wälder» unmittelbar vor Kriegsende sein Hauptquartier mit dem Tarnnamen Forelle aufgeschlagen hatte. Immerhin erinnerte sich in den 80er Jahren noch so mancher gern an die vorbildliche Haltung der Nazis in diesen letzten Kriegstagen. So wies der 1986 von der Stadt herausgegebene Sammelband «1000 Jahre Plön» darauf hin, dass sich «der Umbruch» hier «ohne Auflösungserscheinungen bei der Truppe und ohne die damals weithin übliche Würdelosigkeit vollzog».

Brillenmogul Günther Fielmann, seit 2017 Ehrenbürger der Stadt, nutzt seine Funktion als heutiger Plöner Schlossherr, der hier seinen Optikernachwuchs ausbilden lässt, ebenfalls zu pädagogischen Zwecken: Die Fielmann AG wollte das breite Bündnis «Plön bleibt bunt», das 2010 gegen eine DVU-Kundgebung mit dem Holocaustleugner Christian Worch protestierte und dem sich (in meiner Jugend undenkbar) auch Plöner Geschäftsleute anschlossen, nicht unterstützen und belehrte die Aktivist*innen: Man biete «Brillen für jedermann», da könne man sich nicht «ideologisch» festlegen.

Die Plöner Rösterei des ehemaligen NPD-Landesvorsitzenden Uwe Schäfer (bei dem, wie man kalauerte, «nicht nur der Kaffee braun» war) beliefert indes in guter alter Tradition Krankenhäuser des Kreises. Das Geschichtsbewusstsein der hier Ansässigen richtet sich (statt auf solche Nebensächlichkeiten der jüngeren Geschichte) mit um so mehr Eifer auf die Kaiserzeit, in der Wilhelm II. hier seine Söhne aufziehen ließ und Kaiserin Auguste Victoria, wie jedes Grundschulkind zu erzählen weiß, zu ihrem Lieblingsplatz an der Spitze der Prinzeninsel zu lustwandeln pflegte.

Was das Stadtmarketing noch verschweigt: Keine zweite Stadt versteht es so erfolgreich, ihre Einwohner*innen an den Kindheitsort zu binden. Selbst die widerspenstigsten Heimatverächter*innen können sich nicht lange glücklich schätzen, das Kaff hinter sich gelassen zu haben. Aufgewachsen in dem Kinderglauben, dass alle Städte von Wasser umgeben seien, sind sie dazu verdammt, bei sommerlichen Hitzeeinbrüchen immer wieder zu den glasklaren Seen zurückzukehren und sich als Regionalpatriot*innen belächeln zu lassen. Dass im Krieg in einem der schönsten Gewässer des «Erholungsortes» nicht mehr einsatzfähige Zwangsarbeiter*innen laut Polizeibericht reihenweise «beim Baden ertrunken» waren, gehört zu den bestgehüteten Geheimnissen der Kleinstadt.

Subversive Umtriebe hatten in meiner Jugend, schon wegen der Unmöglichkeit, Anonymität zu wahren, erst gar keine Chance. Wer sich von der Ortsgemeinschaft abgrenzen wollte und um eine reelle Chance zu haben, ihr langfristig zu entkommen, einen höheren Schulabschluss anstrebte, sah sich in den Achtzigern am einzigen Gymnasium der Stadt Erziehern gegenüber, die wegen Neigung zu unzeitgemäßen Züchtigungen vom Internatsdienst suspendiert worden waren und sich umso eifriger der Lehrtätigkeit widmeten. Eine von übergeschnappten Halbwüchsigen gegründete Antifa-Gruppe wurde schon bald von Jusos unterwandert und unterschied sich nicht mehr grundlegend von der Schützengilde oder anderen Ablegern des sprießenden örtlichen Vereinswesens.

Für alle Plöner*innen, die es wider Erwarten hinaus in die Welt zieht, gibt es die Einrichtung des Butenplöner-Vereins, in den ganze Abiturjahrgänge geschlossen eintreten, um auf den zugehörigen Gelagen die zehn- bis sechzigjährigen Jubiläen ihres Wiedersehens bei den Geräuschen einer schettrigen Dorfkapelle zu feiern und sich in Abendgarderobe von den Fortschritten der auf die gute Plöner Schulbildung gestützten Karriere zu unterrichten. Vor lauter Dankbarkeit lassen die Heimgekehrten im Lärm des alljährlichen Großereignisses die Warnungen ungehört verhallen, die Maler Klecksel, ein stadtbekannter Outlaw und der letzte Oppositionelle, nachts beim Dosenbier von einer der tagsüber von entzückten Seniorenreisegruppen besetzten Bänke aus über die weite Wasserfläche des Großen Plöner Sees schickt: «Alles Lügerei und Betrügerei!»

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