Gaumenfreuden

Von Iris Rapoport, Boston und Berlin

Weihnachten ist das Fest der kulinarischen Versuchungen. Da bangt wohl so mancher um sein Gewicht. Gleichwohl gilt als gesichert, dass es einen Gewichts-Sollwert gibt, den der Körper zu halten bestrebt ist. Der ermöglicht, dass die Nahrung in Menge und Zusammensetzung erstaunlich variieren und unsere körperliche Aktivität schwanken kann, ohne dass sich das Körpergewicht über Jahre, gar Jahrzehnte, stark ändert. Leider wird in den Industrienationen diese Regelfähigkeit des Organismus durch Essgewohnheiten und Lebensweise oft überfordert. Die Folge: der Sollwert wird ausgehebelt. Tatsächlich bringt mehr als die Hälfte der Erwachsenen zu viel Gewicht auf die Waage.

Während die Mechanismen, die den Energiestatus des Körpers über lange Zeiträume messen und regulieren - und damit den Gewichtssollwert bestimmen - noch weitgehend im Dunklen liegen, ist die tägliche Steuerung von Hunger und Sättigung schon gut verstanden. Die ursprüngliche Annahme, dass dabei die Füllung des Magens, seine Dehnung, die entscheidende Rolle spielt, griff eindeutig zu kurz. Die Regulationszentren für Hunger und Sättigung sind im Gehirn. Durch eine Vielzahl von Signalen werden sie ständig mit Informationen über den Energiehaushalt versorgt. Das löst die Ausschüttung verschiedenster Neurotransmitter aus, die unser Verhalten bestimmen: gesättigtes Zurücklehnen oder den hungrigen Griff in den Kühlschrank.

Viele Signale kommen aus Magen und Darm und gelangen über den Blutstrom zum Gehirn. Eines davon ist das »Hungerhormon« Ghrelin. Dieses kleine Peptidhormon wird vom Magen produziert und ausgeschüttet, wenn uns der Magen knurrt, weil der Kaloriennachschub ausbleibt. Wichtigster Gegenspieler des Ghrelins ist ein anderes Peptidhormon, das Leptin. Es wird vom Fettgewebe in die Blutbahn geschickt und drosselt den Hunger.

Geradezu euphorisch waren die Erwartungen, als das Leptin in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts entdeckt wurde. Man glaubte, damit ein Wundermittel gegen Übergewicht gefunden zu haben. Doch diese Hoffnung zerstob. Kaum je ist Übergewicht durch zu geringe Leptinproduktion bedingt. Im Gegenteil. Der Leptinspiegel im Blut Übergewichtiger ist generell hoch. Eher scheint unter diesen Bedingungen das Sättigungszentrums nicht mehr ausreichend auf das Hormon anzusprechen.

Nach einer Mahlzeit überwiegt die Wirkung des Leptins. Das Gehirn quittiert das mit einem Sättigungsgefühl. Nachts sorgt ein ausreichend hoher Leptinspiegel dafür, dass wir durchschlafen, ohne von Hunger geplagt zu werden. Erst beim Aufwachen übernimmt das Ghrelin die Regie und meldet den Kalorienbedarf. Viel spricht dafür, dass die Signale für die langfristige Regulation vor allem aus unserem wichtigsten Energiespeicher, dem Fettgewebe, stammen. Vielleicht ist auch das Leptin daran beteiligt.

Zurück zur Weihnachtszeit. Was uns verführt, mehr zu essen, als uns frommt, ist nicht Hunger, es ist Appetit. Auch der wird im Gehirn reguliert, aber an ganz anderem Orte. Der Appetit ist mit dem Belohnungszentrum verbunden. Das kann den Hunger bekanntlich oft leicht überlisten. Dabei sind einmalige oder sporadische kalorische Sünden durchaus tolerabel. Das eigentliche Problem sind ständige Überschreitungen einer ausgeglichenen Energiebilanz. Die können, selbst wenn sie klein sind, den Sollwert verändern und langfristig das Körpergewicht stark erhöhen.

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