Tierwelt

Rätselhaftes Leuchten

Schnabeltier, Wombat und andere Tiere fluoreszieren im UV-Licht. Warum, darüber spekulieren die Wissenschaftler noch.

Von Michael Lenz

Allüberall auf den Tannenspitzen sah ich goldene Lichtlein sitzen«, dichtete einst Theodor Fontane zu Weihnachten. In Australiens Wäldern glitzern zwar keine goldene Lichtlein auf Baumwipfeln. Dafür leuchtet es umso mehr im Gestrüpp und unter Wasser. In einer Serie von Entdeckungen fanden Forscher in den letzten Wochen, dass unter UV-Licht das kuriose Schnabeltier Platypus, der knuddelige Wombat und der gefährlich aussehende Beutelteufel grün und blau leuchten. Biofluoreszenz nennt man dieses für das menschliche Auge unsichtbare Phänomen.

Biofluoreszenz entsteht, wenn kurzwelliges UV-Licht vom Fell des Tiers aufgenommen wird und dadurch Moleküle im Gewebe anregt, längerwelliges farbiges Licht abzustrahlen. Dieses Phänomen tritt nicht selten bei Fischen und Insekten, fleischfressenden Pflanzen, Orchideen und Pilzen auf. Unter den Säugetieren war es bislang beim Südlichen Gleithörnchen und einer amerikanischen Possumart bekannt.

Der Platypus ist mit seinem biberartigen Körper und Schwanz, Schwimmhäuten an den Vorderfüßen und einem flachen, entenähnlichen Schnabel ein kurioses Tier. Höchst ungewöhnlich ist auch das Fortpflanzungsverhalten der Kreatur aus der Ordnung der Kloakentiere. Der Platypus legt Eier und ist neben dem Ameisenigel das einzige verbliebene Säugetier, das seine Nachkommen nicht lebend gebärt.

Nun also kommt zur Liste seiner Eigenarten auch noch die Leuchtkraft, wie Wissenschaftler des Northland College im US-Bundesstaat Wisconsin im Fachblatt »Mammalia« berichten. Das Phänomen wurde zufällig entdeckt, als die Forscher im Field Museum Chicago die Biofluoreszenz bei Gleithörnchen dokumentierten. Die Wissenschaftler fragten sich, wie weit verbreitet diese Eigenschaft im Tierreich sein könnte. »Wir dachten, der Platypus als dämmerungs-nachtaktives Tier könnte ein guter Anfang sein«, erzählt der Biologe Erik R. Olson vom Northland College in einer E-mail an das »nd«. Und tatsächlich: Das Schnabeltier leuchtete grünlich-weiß. »So was passiert in der Wissenschaft - eine Frage führt zur anderen, und manchmal findet man entlang des Weges interessante Dinge«, freut sich Olson.

Angeregt von dieser Entdeckung der Kollegen vom Northland College bestrahlte Jacob Schoen vom Zoo in Toledo (US-Bundesstaat Ohio) ausgestopfte Museumsexemplare des Beutelteufels aus Tasmanien mit UV-Licht: Schnauze, Augen und das Innere der Ohren leuchteten blau auf. Der nächste »Trittbrettfahrer« war Kenny Travouillon, der im Western Australian Museum in Perth Wombats mit UV-Licht anstrahlte und so auch die biofluoreszente Leuchtkraft der Plumpbeutler entdeckte.

Die große Frage ist nun: Was haben Platypus, Tasmanischer Teufel und Wombat von ihrer Biofluoreszenz? Auf der Beutejagd im trüben Wasser würden sich die Schnabeltiere auf ihren Tastsinn verlassen und könnten zudem elektrische Felder im Wasser spüren, weiß Olson und spekuliert: »Wenn die Biofluoreszenz überhaupt eine ökologische Funktion hat, dann am ehesten für die Interaktion mit anderen Tieren.«

Jacob Schoen vom Zoo Toledo betont auf Facebook, dass die Erforschung der Biofluoreszenz bei Säugetieren erst am Anfang steht. Bei Fischen diene die Biofluoreszenz als Anreiz für Sexpartner und bei Pflanzen zum Anlocken von Insekten zur Bestäubung. »Beim Beutelteufel ist noch offen, ob die Biofluoreszenz einem ökologischen Zweck dient oder purer Zufall ist«, sagt Schoen. Mit der Interpretation müsse man also vorsichtig sein, mahnt Schoen, fügt aber fröhlich hinzu: »Eines ist sicher: der Beutelteufel macht seinem Namen in allen Spektren des Lichts alle Ehre!«

Menna Jones ist die Doyenne unter den Wissenschaftlern, die sich der Erforschung des Lebens, des Verhaltens und des Erhalts der Beutelteufel verschrieben haben. Der Raubbeutler ist heute nur noch auf Tasmanien zu finden und sein Bestand ist von einem seit Ende der 1990er aufgetretenen mysteriösen ansteckenden Gesichtstumor gefährdet. Die Biofluoreszenz begeistert die Wissenschaftlerin von der Universität von Tasmanien. »Ich finde, das ist eine wirklich aufregende Entdeckung, die darauf hindeutet, dass die Beutelteufel über ein sehr viel breiteres sensorisches Spektrum verfügen, als uns Menschen bisher bewusst war«, schreibt Jones in einer E-Mail.

Die Biofluoreszenz kommt nach bisheriger Kenntnis bei Tieren auf verschiedenen Kontinenten in unterschiedlichen Ökosystemen vor. »Die Biofluoreszenz bei Säugetieren ist nicht auf wenige eng verwandte Spezialisten beschränkt. Stattdessen erscheint es in der gesamten Phylogenie (stammesgeschichtlichen Entwicklung), was die Frage aufwirft: Ist Biofluoreszenz ein Merkmal der Vorfahren der Säugetiere?«, heißt es in der Arbeit der Experten des Northland College. Biologe Olson sagt: »Das gibt uns das Gefühl, dass die Natur noch immer voll von Rätseln ist, die es zu erforschen gilt.«

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