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Alles, was klickt

Embleme einer digitalen Volkskultur: Bücher über die Ästhetik der Memes und GIFs.

  • Von Vincent Sauer
  • Lesedauer: 5 Min.

ReReRe, PoPoPerPro, MiMiMi - so lässt sich das Buch des Digitaljournalisten Dirk von Gehlen über Memes lautmalerisch zusammenfassen. Im knappen Umfang von 80 Seiten geht es darum, wie die digitalisierten Bilder mit Schriftzügen in den sozialen Medien den Leuten seit Jahren das Gefühl geben, Teil einer künstlerischen und klugen Community zu sein. Der Antichrist und Evolutionsfetischist Richard Dawkins ließ den Begriff »Mem« 1976 wirkmächtig in seinem Buch »Das egoistische Gen« fallen und meinte damit wenig: einen Bewusstseinsinhalt, den andere nachmachen können und der sich deshalb verbreitet - wie ein Virus, aber auch ohne sterbliche Körper in der Nähe. Das überträgt Gehlen auf Internet-Memes und kommt dabei einem wichtigen Zusammenhang auf die Spur: Sie sind »Meta-Maschinen der Aufmerksamkeit«.

User filtern ihr Interesse nicht nach Content, sondern Kontext. Um in der Informationsflut der Newsfeeds nicht unterzugehen, fragen wir also, wer wann wo was postet, statt uns des Inhalts ernsthaft anzunehmen. Es entstehen von Unternehmen begehrte Metadaten, die zeigen, worauf lange gestarrt wird. Gehlen staunt über die »absurd anmutende Logik«, dass folglich meist erfolgreich wird, wovon man statistisch weiß, dass es erfolgreich wird. Was Metadaten aus dem Internet machen, ist nicht sein Thema. Er beschäftigt sich stattdessen damit, dass die »Demokratisierung der Publikationsmittel« im Netz den Leuten »aktive Teilhabe« biete - im Gegensatz zu TV und Radio; bei denen war man allerdings noch live auf Sendung.

Gehlen verklärt die Point-and-Click-Apathie der clevereren Verbraucher zu Kreativität, indem er den Meme-Bau lateinisch aufmöbelt, zu Reproduktion, Rekombination, Referenz. Hinter dem ReReRe versteckt sich die Tätigkeit, dass man ein Foto oder Filmstill nimmt, einen eigens ausgedachten Satz draufschreibt und dabei auf Vorlieben im kollektiven Gedächtnis achtet. Allzu ausgefallene Memes gehen dabei unter. Die von Gehlen daraus abgeleitete »digitale Volkskultur« witzelt über Politiker, gibt sich aber auch damit zufrieden: Man fühlt sich ihr zugehörig, weil man - meist über den Ursprung - den Sinn eines Bildes identifizieren kann, deshalb etwas vom Witz mitkriegt und sich distinguiert fühlt. Dass ein eingebildetes Massengeheimnis und die digitale Geborgenheit von rabiaten Rechten effektiver genutzt werden, wundert kaum, widerspricht es auch Gehlens Meme-Verständnis als »eher fröhliche, offene und menschenfreundliche Kommunikation«.

Politische Kommunikation zeichnet sich für Gehlen derzeit durch Popularisierung (einfach halten), Polarisierung (lieb/fies), Personalisierung (eine Community, ein Leader) und Prozess (Kampagnendenken) aus: PoPoPerPro. Da soziale Medien es erschweren, sich langfristig auf ein Thema einzulassen, hilft ein Meme, in dem möglicherweise ein treffender Witz steckt, kaum bei der besonnenen Meinungsbildung, geschweige denn Standpunktfindung. Die im Buch zitierte Bemerkung eines Trump-Fans, man habe ein Meme zum Präsidenten gemacht, ist Quatsch. Aber um das Bedürfnis der rechten Reiz-Reaktions-Bündel nach Autorität und Authentizität zu verstehen, braucht es einen Blick in die miserable Lebenswirklichkeit derer, die klare Ansagen verlangen und sich nicht auf der Höhe aktueller Diskurse halten.

Warum Memes eher ein Symptom des Rückzugs der User aus Gesellschaft und Politik sind, verrät der Verweis auf den »Lebenszyklus eines Memes«: Laut der Journalistin Morgan Sung endet der, wenn digitale Distinktion dadurch flöten geht, dass Politiker ein Meme nutzen. Sobald es ins Licht der realen Macht gelangt, wird es fallen gelassen: Aua, es gibt ein Außen meiner Identität. MiMiMi.

Einen anderen Weg geht Tilman Baumgärtels Text über GIFs, der ebenfalls in der Edition Digitale Bildkulturen des Wagenbach-Verlags erschienen ist. Von Vorteil ist für den Medienwissenschaftler, dass das Graphic Interchange Format eine lange Geschichte vorweisen kann, die mit der des Internet und seiner Nutzung verknüpft sind. Dabei geht es nur am Rande um die seit den 2010ern in den Webforen rege gebrauchten Videoschnipsel-Loops, die von einer vorzensierten Datenbank mittels Schlagwortsuche geliefert werden. Deren psychopolitischer Fluchtpunkt ist die Unheimlichkeit, dass in ewiger Wiederholung die mimische und gestische Reaktion, also das sichtbare Gefühl einer Person herhalten muss, um das eigene zu ersetzen. Im Unterschied zu Memes kann man diese GIFs bei genauerer Betrachtung auch gegen ihre Kategorisierung verstehen.

Für Baumgärtel sind aber vor allem die GIFs vor den sozialen Netzwerken von Interesse: Zunächst handelte es sich bei dem GIF-Format nämlich »um eine technische Lösung für ein technisches Problem«. So spinnt er eine Technik-, Bild- und Wirtschaftsgeschichte. Der von Intel geschluckte Internetanbieter CompuServe entwickelte 1987 ein digitales Bildformat für die Computersysteme dieser Zeit, das auch einfache Animationen erlaubte. Das hatten die Programmierer selbst gar nicht geplant. Diese »Laborratte«, so Baumgärtel, konnte noch rechtzeitig vor der Durchpatentierung in den 90ern vor dem New-Economy-Markt flüchten und brachte in das statische Internet etwas Bewegung.

Heute finden sich auf alten Homepages noch kleine 8-Bit-Animationen, von Arbeitern etwa, die versprechen, alles sei noch »under construction«. Das macht sie für Baumgärtel eben nicht zu postmodernen, referenzlosen Bildern, wie sie Theoretiker ohne IT-Kenntnisse aufpolierten, sondern im Gegenteil: Sie erfüllen ihren Zweck und fertig. Im Gegensatz zu anderen Bildformaten kann GIF auch einen kleinen Wirtschaftsskandal in seiner Geschichte verbuchen: Die Firma Unisys entdeckte 1999, dass CompuServe ein Datenkompressionsverfahren für GIF verwendet hatte, für das Unisys ein Patent besitzt. In der Logik der digitalen New Economy sollte nun jeder, der ein GIF nutzt, Lizenzgebühren zahlen. »Burn all GIFs« antwortete das langsame, aber selbstbewusste Internet und drohte, eine unansehnliche digitale Welt zu hinterlassen, schalteten sie tatsächlich alle GIF-Animationen ab. So weit kam es nicht, aber erst 2006 war die Lizenz abgelaufen und GIFs weltweit wieder legal unentgeltlich zu gebrauchen.

Längst war da ein GIF-Nachfolger entwickelt, PNG, das allerdings wiederum, genauso wie das am höchsten auflösende Format JPEG, keine Animationen erlaubt. GIFs sind grobkörnig, aber in Bewegung, kommen einem überfordert von ihrer Aufgabe vor, stemmen sie aber. Statt das symptomatische Geschehen auf dem Bildschirm mit Bedeutung zu versehen und als Demokratisierungsvehikel schönzureden, gelingt es Baumgärtel lehrreich, einem das Schicksal des unmündigen Users madig zu machen. Und der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass das Internet auch ganz anders aussehen könnte, würde man basteln, statt nur Daten zu liefern.

Dirk von Gehlen: Meme. Digitale Bildkulturen. Verlag Klaus Wagenbach. 80 S., br., 10 €;

Tilman Baumgärtel: GIFs. Digitale Bildkulturen. Verlag Klaus Wagenbach. 80 S., br., 10 €.

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