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  • Berlin
  • Corona und Wohnungslosigkeit

Obdachlose zwischen Hilfe und Not

Erste Notunterkunft schließt wegen zu vieler positiver Fälle – Sozialverwaltung gerät unter Druck

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 4 Min.

Alexander Fischer zeigte sich selbstkritisch: »Wir sind zu langsam beim staatlichen Handeln«, erklärte der Sozialstaatssekretär am Freitag. Fischer war gemeinsam mit Sozialsenatorin Elke Breitenbach (beide Linke) vor die Presse getreten, um über die aktuelle Lage bei der Versorgung von Obdachlosen angesichts von Lockdown und hohen Infektionszahlen zu informieren. »Wir haben große Ausbrüche bei obdachlosen Menschen, viele positive Tests«, sagte Elke Breitenbach. Man komme bei der Einrichtung von Quarantänestationen nicht hinterher.

Wie drängend das Problem ist, hatte sich schon am Tag zuvor gezeigt. Am Donnerstag hatte die von der Berliner Stadtmission am Containerbahnhof in Friedrichshain betriebene Notunterkunft, in der coronabedingt noch 100 Menschen übernachten können (sonst 120), geschlossen werden müssen. Zehn Personen, die in der Notunterkunft übernachten wollten, waren positiv auf Corona getestet worden. 45 weitere Menschen wurden als Kontaktpersonen ersten Grades eingestuft und dann von Mitarbeitenden des Katastrophenschutzes des Deutschen Roten Kreuzes in ein vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg angemietetes Hostel gebracht. Die zehn Erkrankten verbringen nun ihre häusliche Quarantäne in der Traglufthalle, betreut von Mitarbeiter*innen der Stadtmission. Eine solche Situation wird für weitere Einrichtungen befürchtet.

Die Lage ist nicht nur deshalb sehr ernst, weil die zweite Welle in der Ausbreitung des Coronavirus wie befürchtet heftiger zuschlägt als die erste im Frühjahr. Auch die Temperaturen, die sich in den vergangenen Wochen jahreszeitengemäß um den Gefrierpunkt bewegen, bringen die mehreren Tausend wohnungs- und obdachlose Menschen in der Hauptstadt in eine schlimme Lage: Zwar stehen pro Nacht an sich 1000 Plätze in Notunterkünften der Kältehilfe zur Verfügung. Doch die sonst in der kalten Saison so wichtigen Tagesangebote zum Aufwärmen fallen aufgrund der Eindämmungsverordnung weg. Breitenbach bezeichnete die Situation als »dramatisch«. Zwar gibt es derzeit 230 Plätze in neu eingerichteten beziehungsweise aufgestockten Unterkünften in der Lehrter Straße, der Storkower Straße und der Kluckstraße, die 24 Stunden am Tag geöffnet sind. Aber dies ist nicht ausreichend für die mindestens 2000 obdachlosen Menschen in Berlin. Und wenn sich Vorgänge wie in Friedrichshain wiederholen, dann werden auch die Übernachtungsmöglichkeiten weiter eingeschränkt.

Das zivilgesellschaftliche Bündnis »Leave no one behind nowhere«, in dem neben dem Flüchtlingsrat Berlin auch der Arbeitskreis Wohnungsnot, die Berliner Obdachlosenhilfe, sowie die Selbstvertretung wohnungsloser Menschen vertreten sind, ist der Ansicht, dass es so weit nicht hätte kommen müssen. »Als Bündnis fordern wir bereits seit dem ersten Lockdown, die Massenunterbringungen zu schließen. Jetzt ist das Virus auch in den Einrichtungen und bestätigt unsere Ängste«, erklärte Martin Parlow vom Arbeitskreis Wohnungsnot dem »nd«. Das Bündnis verwies darauf, dass zeitgleich auch eine von Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten betriebene Gemeinschaftsunterkunft in Zehlendorf unter Vollquarantäne gestellt wurde. »Tagelang mussten sich negativ getestete Bewohner*innen darunter auch Risikogruppen, Küchen und Bäder mit positiv getesteten Bewohner*innen teilen«, heißt es in einer Erklärung. Man fordere daher die sofortige Unterbringung insbesondere von schutzbedürftigen Gruppen unter den wohnungslosen und obdachlosen Menschen in Ferienwohnungen, Businessappartements und Appartementhotels.

Elke Breitenbach sieht dieses Anliegen kritisch. Man könne nicht jeden wohnungs- oder obdachlosen Menschen einfach in eine Ferienwohnung einquartieren, wenn es darüber hinaus keine Möglichkeit der Beratung und Betreuung gebe, betont die Sozialsenatorin immer wieder. Nichtsdestotrotz hebt sie die »solidarische Stadtgesellschaft« hervor, die sich kreativ und engagiert an Lösungsversuchen beteiligt. Zuletzt hatte das Hofbräu Mitte am Donnerstag seine Pforten geöffnet. Der große gastronomische Betrieb am Alexanderplatz, sonst von hungrigen Tourist*innen bevölkert, hat durch eine Kooperation mit dem Land und dem Sozialträger Gewebo einen mit Hygienekonzept ausgestatteten Tagestreff eingerichtet.

Zunächst von Montag bis Freitag zwischen 10 und 16 Uhr können sich bis zu 80 Menschen in zwei Durchläufen gleichzeitig hier aufhalten. Die Räumlichkeiten sind barrierearm, das Mitbringen von Hunden ist gestattet. Neben einer Verpflegung durch die Küche des Wirtshauses wird es eine mehrsprachige Sozialberatung geben sowie ein medizinisches Angebot. Der Kontakt für die Zusammenarbeit entstand durch einen Mitarbeiter des Hofbräu Berlin, der sich ehrenamtlich in der Notübernachtung Storkower Straße engagiert, die von der Gewebo betrieben wird und seit dem 1. Dezember als 24-Stunden-Unterkunft geöffnet ist.

»Wir brauchen weniger improvisierte Lösungen, müssen schneller werden bei der Umsetzung und strategischer vorgehen«, sagte Alexander Fischer. Zwischen 10 und 13 Millionen Euro seien nötig, um bestehende Angebote weiter auszubauen, ergänzte Breitenbach. Erneut verwies sie zudem auf die Verantwortung der Bezirke, alle anspruchsberechtigten Personen unterzubringen.

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