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Mit Wut im Gesicht

Zwei Jahre nach Beginn der Proteste gegen das Militärregime im Sudan ist nur die Spitze ausgetauscht

  • Von Philip Malzahn, Khartum
  • Lesedauer: 7 Min.

Es ist der 19. Dezember, und überall im Sudan demonstrieren Menschen. Die meisten mit Maske wegen Corona, auch wenn in Sudan keine Maskenpflicht verordnet wurde und die Pandemie bisher nicht im großen Maßstab wütet. Mehrere Tausend Demonstranten sind es auch auf den Straßen der Hauptstadt Khartum. Wie viele genau, lässt sich nicht sagen. Wer sie sind, lässt sich jedoch gut beschreiben. Auf der Al-Qasr Straße, die zum Präsidentenpalast führt, steht ein zierliches Mädchen, umhüllt in ihrem schwarzen Gewand. Die Wut steht ihr ins Gesicht geschrieben. Schnurstracks läuft sie auf einen Autoreifen zu. Mit großer Mühe hievt die zierliche Gestalt, die wohl kaum älter ist als 15, den Reifen auf ihre Schulter und schmeißt ihn ins Feuer. Sie ist umzingelt von jungen Männern; Jubel bricht aus. Gemeinsam stimmen sie an: »Nieder mit dem Militär; nieder mit den Verrätern.« Die Protestierenden rennen auf einmal wie von der Tarantel gestochen die Straße hinunter. Dort, hinter dem Park der Märtyrer, wartet der ausgemachte Feind: die Soldaten.

Mit ihren improvisierten Gesichtsmasken und dicken Wollhandschuhen, um Tränengasgranaten zurückzuschleudern, erinnern die Jugendlichen, die die staubige Straße in der glühenden Mittagssonne hinunterstürmen, an die dystopische Filmreihe Mad-Max. Dort kämpfen nach einem verheerenden Dritten Weltkrieg diverse Fraktionen um die begehrten Ressourcen Wasser und Benzin. Auch wenn im Sudan kein nuklearer Krieg vorangegangen ist, ist das Szenario ähnlich. Versorgungsengpässe und Inflation haben das Land an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Alleine im Jahr 2020 lag die Inflationsrate über 230 Prozent. Devisen, die man aufgrund von Sanktionen an keinem Bankautomaten im Land abheben kann, werden auf dem Schwarzmarkt für das Fünffache des offiziellen Kurses gehandelt. Wer Zugang zu Euro oder US-Dollar hat, der kann in diesen Tagen leben wie ein König - dieses Privileg gebührt jedoch den wenigsten in einem Land, in dem ungefähr 40 Prozent der 41 Millionen Einwohner in Armut leben. Dass das Geld von Tag zu Tag wertloser wird, ist nur eins der Probleme: Ein Großteil des Tages verbringen Sudanesen derzeit mit Schlangestehen. An den Tankstellen etwa, denn Benzin ist knapp. In den nördlichen Landesteilen wird jedem Auto sogar nur acht Liter auf einmal ausgehändigt. Die Regierung hat zudem die Subventionierung vieler Medikamente gestrichen, das Gleiche gilt für Brot - dem Grundnahrungsmittel der Allermeisten.

Im Februar 2020 hatte sich die Regierung sogar offiziell für die Versorgungsengpässe entschuldigt. Seitdem hat sich die Lage jedoch weiter verschlechtert. Man muss jedoch erwähnen: Die Krise hat ihren Ursprung noch in der 30 Jahre währenden Regierungszeit des im April 2019 gestürzten Präsidenten Omar Al-Baschir. Die Übergangsregierung, die das Land in drei Jahren zu freien Wahlen führen soll, hat ein marodes Staatssystem und korrupte Strukturen geerbt. Doch das ist den Menschen auf der Straße egal. Ihr Ziel war es nicht nur, den Präsidenten zu stürzen, sondern eine Verbesserung der allgemeinen Lebensumstände.

»Das ist unsere erste Demo«, sagen die beiden Freunde Farid und Abdo. Ein Bekannter von ihnen ist am Massaker des 30. Juni 2019 gestorben. Damals, in der chaotischen Phase nach dem Sturz Al-Baschirs und vor der Bildung des Übergangsrats, eröffnete das Militär das Feuer auf Demonstranten. Auf denselben Straßen, auf denen das Blutbad stattfand, wollen die beiden nun für Gerechtigkeit kämpfen. Sie kommen aus einem armen Teil der Hauptstadt und nehmen nun zum ersten Mal die Gelegenheit wahr, ihre Unzufriedenheit öffentlichkeitswirksam zum Ausdruck zu bringen.

»Seit der Revolution geht das«, wissen sie zu schätzen. Denn tatsächlich hat sich seit dem Sturz Omar Al-Baschirs einiges verändert. Polizei und Militär halten sich an diesem 19. Dezember weitgehend zurück, sie wehren sich eigentlich nur bei Angriffen aus der Demonstration heraus. Doch über gewisse politische Freiheiten hinaus hat sich die Situation noch nicht entwickelt. Das soll sie aber: »Deshalb ist der 19. Dezember ein wichtiger Tag. Wichtig vor allem, um der unfähigen Übergangsregierung und dem Militär, das daran arbeitet, die Macht vollständig zu übernehmen, zu zeigen, dass wir noch da sind!«, sagt die 33-jährige Womda. Sie ist seit Anfang der 2000er Jahre gemeinsam mit ihrem Mann Mitglied in der unter Al-Baschir noch verbotenen Kommunistischen Partei des Sudans. Ihre politischen Überzeugungen stehen jedoch bei den Protesten nicht im Vordergrund. »Den gewöhnlichen Sudanesen interessiert es nicht, welche Partei ihn regiert, solange er sich nicht darum sorgen muss, dass er trotz Zwölf-Stunden-Arbeitstag verhungert.« Neben politischer Freiheit sei es eben auch soziale Gerechtigkeit, die die Menschen anstreben. Doch dass die jetzigen Machthaber es nicht hinkriegen, die Grundbedürfnisse der Menschen zu decken, sieht Womda auch als eine Chance, die Revolution weiterzuführen.

An der Übergangsregierung halten vor allem das Militär und jene etablierten Parteien fest, die durch Ministerialposten oder Mitglieder in anderen hohen Positionen profitieren. Viele der Gewerkschaften und Syndikate wollen zumindest Neuverhandlungen über die Aufgaben der Übergangsregierung; andere wollen einen kompletten Umbruch.

An diesem 19. Dezember spiegeln sich die verschiedenen Ansichten auch auf der Straße wider. Jung und Alt sind unterwegs, es wehen Flaggen diverser Parteien. Am Rand kommt es immer wieder zu heftigen Diskussionen. Meinungsunterschiede über die Zukunft des Sudans sind älter als die Revolution selbst. Um solche Differenzen zu ertragen, ist die sudanesische Protestbewegung gut aufgestellt. Anders als in vielen arabischsprachigen Ländern arbeiten etliche Organisationen, Parteien und Gewerkschaften seit Jahren an der Revolution. Dazu gehören politische Berufssyndikate von Bauarbeitern und Händlern wie auch von Ärzten und Ingenieuren. »Der Zeitpunkt war eher Zufall. Die Regierung hatte 2018 die Preise auf Brot verdreifacht. Das war ein Grund für viele, die nicht politisch organisiert waren, sich den Demonstrationen anzuschließen«, sagt Womda. Dass es jedoch zur Revolution kam, sei das Ergebnis jahrelanger und gefährlicher Vorarbeit, die viele nicht überlebt haben.

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Die Übergangsregierung hat auf diplomatischer Ebene gewisse Erfolge vorzuweisen. Mit einigen Rebellengruppen in den südlichen Regionen wie Darfur wurden Friedensabkommen geschlossen. Mit der SPLM-N, die vor allem im Blauen Nil und Südkordofan großen Einfluss hat, wird verhandelt. Im November wurde ein historisches Abkommen zur Normalisierung der Beziehung mit Israel unterschrieben. Unter Al-Baschir war es israelischen Staatsbürgern verboten, das Land zu betreten. Im Dezember strichen die USA das Land von der schwarzen Liste jener Staaten, die als Förderer des internationalen Terrorismus gelten, und hoben die damit verbundenen Sanktionen auf.

Womda ist jedoch vorsichtig, diese Erfolge zu loben. Zum einen, weil das für sie alles Maßnahmen sind, das Land reichen Investoren zu öffnen, staatliche Strukturen zu privatisieren und aus dem Sudan ein Einkaufsparadies im neoliberalen Sinne zu schaffen, von dem alle profitieren werden, »außer jene, die es am meisten bräuchten«. Dazu kommt, dass erst im November die Übergangsregierung eigenmächtig ihre Amtszeit um 14 Monate verlängert hat. Die im Dezember vom obersten General und derzeitigen Vorsitzenden des Souveränen Rats, Abdel Fattah al-Burhan, getätigte Aussage, lässt aufhorchen: Die Übergangsregierung habe »ihre Unfähigkeit unter Beweis gestellt, die Ziele des Volkes und der Revolution zu verwirklichen«. Dadurch wächst die Sorge der Menschen, dass sie in Zukunft »nicht mal selbst auf demokratische Art wählen dürfen, wer ihre Wirtschaft in den Boden fährt«, sagt Womda. Denn was wie ein augenscheinlicher Widerspruch klingt, dass der mächtigste Mann im Staat seine eigene Regierung kritisiert, ist für viele Sudanesen in Wirklichkeit ein ausgeklügelter Plan, den Ausnahmezustand zu verlängern und damit die eigene Macht zu sichern. Doch mindestens so lange, wie die Regierung die Grundversorgung der Menschen nicht garantieren kann, wird man auf den Straßen Sudans weiter singen: »Nieder mit dem Militär, nieder mit den Verrätern.«

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