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Corona-Mutation isoliert Briten

Regierung von Boris Johnson gibt sich von Entwicklung überrascht

  • Von Peter Stäuber, London
  • Lesedauer: 3 Min.

Großbritannien ist von einem Tag auf den anderen von weiten Teilen der Welt abgeschnitten. Verantwortlich ist eine neue Variante des Coronavirus, die sich auf der Insel schnell ausbreitet. Mehr als dreißig Länder haben Flüge aus dem Land verboten, ebenso ist der Fährverkehr von England nach Frankreich zum Stillstand gekommen. Nebst etlichen europäischen Staaten haben auch Kanada, Indien und Russland die Flüge aus dem Königreich vorerst suspendiert.

Am folgenreichsten ist der Beschluss Frankreichs, seine Grenzen zu schließen - nicht nur für Reisende, sondern auch für den Frachtverkehr. So ist der Eurotunnel in eine Richtung gesperrt, auch setzen seit Sonntagnacht nur noch vereinzelt Fähren von Dover nach Calais über. Die Grenzschließung soll laut den französischen Behörden vorerst 48 Stunden dauern, also bis Dienstagabend.

Die britische Regierung wurde von der Grenzschließung auf dem falschen Fuß erwischt. Transportminister Grant Shapps sprach von einem »überraschenden« Entscheid. Die Behörden warnten am Montagmorgen, dass es in der Grafschaft Kent, wo der Großteil der Handelsgüter aus der EU ankommt, zu »schweren Störungen« kommen könnte. Normalerweise werden am Hafen von Dover jeden Tag rund 10 000 Lastwagen abgefertigt; fast ein Fünftel der Importe nach Großbritannien gelangen über diese Route ins Land.

Ein Sprecher der Supermarktkette Sainsbury’s sagte, dass es in den kommenden Tagen zu Engpässen bei Früchten und Gemüse kommen könnte. Denn zwar dürfen Lastwagen nach wie vor über den Kanal kommen, aber dann sitzen sie auf der Insel fest; Branchenverbände befürchten, dass Speditionsunternehmen aus diesem Grund komplett auf Fahrten nach Großbritannien verzichten werden. Rod McKenzie von der Road Haulage Association bezeichnete den Schritt Frankreichs gegenüber der BBC als einen »Hammerschlag«. Bereits in den vergangenen Wochen ist es zu massiven Staus auf den Autobahnen in Kent gekommen, weil viele Unternehmen im Hinblick auf das Ende der Brexit-Übergangsperiode Vorräte anhäufen.

Am Montagnachmittag versuchten Großbritannien und Frankreich einen Plan auszuarbeiten, damit der Grenzverkehr so schnell wie möglich wieder aufgenommen werden kann.

Dennoch müssen sich die Briten auf einige schwierige Wochen vorbereiten, möglicherweise sogar Monate. Was viele in diesem Fall besonders frustriert, ist die Tatsache, dass der Premierminister noch wenige Tage zuvor versichert hatte, dass Weihnachtsfeiern im Familienkreis auf jeden Fall möglich sein würden. »Weihnachten zu verbieten« wäre geradezu »unmenschlich«, hatte er am Mittwoch gesagt. Dabei war zu dem Zeitpunkt bereits bekannt, dass sich das Virus im Südosten Englands schnell ausbreitet.

Bereits vor einer Woche warnten medizinische Fachleute, dass eine Lockerung der Beschränkungen über Weihnachten ein »großer Fehler« wäre. Erneut hat Johnson erst in letzter Minute gehandelt.

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