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Unsicherheit im Klassenzimmer

Nach dem Covid-19-Tod eines Lehrers erhöht die Gewerkschaft den Druck auf Senatorin Scheeres

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Tod eines Berliner Lehrers an den Folgen einer Corona-Infektion bringt die Senatsbildungsverwaltung in Erklärungsnot. Schließlich steht die Frage im Raum, ob sich der Lehrer an seiner Schule in Kreuzberg infiziert hat, an der es immerhin etliche Corona-Fälle gegeben haben soll. Davon überzeugt ist ein Mitglied des Gesamtpersonalrats der allgemeinbildenden Schulen, der den Todesfall am Freitagabend öffentlich gemacht hatte. Über den Kurznachrichtendienst Twitter teilte der Personalrat mit: »Die Infektion erfolgte höchstwahrscheinlich im Dienst!«

Gesichert ist das nicht. Auch Berlins Landeschef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Tom Erdmann, sagt, dass es »schwer nachweisbar ist, ob sich der Kollege tatsächlich in der Schule angesteckt hat«. Zugleich kritisiert Erdmann aber Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), die das Infektionsrisiko an Schulen insgesamt herunterspiele. »Die Senatorin muss endlich einsehen, dass es auch hier zu Ansteckungen kommen kann«, so Erdmann zu »nd«.

Tatsächlich verweist Sandra Scheeres seit Monaten immer wieder öffentlich darauf, dass Schulen und Kitas »sichere Orte« seien, »um Infektionsketten zu durchbrechen«. Für Gewerkschafter Erdmann sind solche Sätze ein klares Zeichen dafür, »dass die Senatorin das Problem und die Ängste der Beschäftigten nicht ernst genug nimmt«.

Ein Vorwurf, den wiederum die Bildungsverwaltung nicht unwidersprochen hinnehmen will. »Natürlich nehmen wir die Sorgen und Ängste sehr ernst«, sagt Scheeres’ Sprecher Martin Klesmann zu »nd«. Die Vorwürfe der GEW seien schon allein deshalb haltlos, weil die Senatorin nie behauptet habe, dass man sich in Schulen und Kitas gar nicht infizieren könne, so Klesmann weiter. Und was die »sicheren Orten« betreffe, so berufe man sich dabei nun mal auf die Einschätzungen von Experten, auf die in der Bildungsverwaltung viel Wert gelegt werde. »Die Bildungssenatorin bespricht sich nahezu täglich mit Amtsärzten und Medizinern, um die aktuelle Lage zu bewerten und darauf zu reagieren.«

An dem Punkt springt auch die bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Marianne Burkert-Eulitz, für die Senatorin in die Bresche. »Niemand nimmt irgendetwas billigend in Kauf, auch Frau Scheeres nicht.« Wie viele andere sei aber auch die Bildungsverwaltung gezwungen, verschiedene Seiten gegeneinander abzuwägen, wozu eben auch das Recht auf Bildung gehöre. »Bei all diesen Entscheidungen sind wir eben alle auf die Expertise von Fachleuten angewiesen, und daraus werden dann Rückschlüsse gezogen.« Mit Blick auf die Zeit nach dem 10. Januar, dem offiziellen Ende der aktuellen Schulschließungen, setzt die Grünen-Politikerin vor allem auf massenhafte Schnelltestungen an den Schulen. »Die müssen jetzt rasch ausgerollt werden.«

Die GEW fordert von der Bildungsverwaltung darüber hinaus ein generelles Konzept zum Schutz der Gesundheit von Lehrkräften, Erziehern und Schülern, das über den Corona-Stufenplan für die Schulen hinausgeht. »Der Stufenplan ist nur reaktiv angelegt, nicht präventiv, das ist einfach ein Konstruktionsfehler«, sagt Berlins GEW-Chef Erdmann.

Vor dem Hintergrund der jetzt entdeckten Mutation des Coronavirus könnten - unabhängig von den Gewerkschaftsforderungen - demnächst ohnehin ganz andere Maßnahmen ergriffen werden. »Im Licht dieser neuen Entwicklung lassen wir uns beraten, welche Schlüsse wir daraus ziehen«, so der Sprecher der Bildungsverwaltung. Man bereite sich aktuell »auf verschiedenste Szenarien« vor. Unausgesprochen heißt das wohl: Die Schulen könnten über den 10. Januar hinaus noch deutlich länger dicht bleiben.

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