Werbung

Im Lockdown durch Berlin

Leser Florian Hinkelmann erkundete für »nd.Commune« die ruhiggestellte Hauptstadt

Als Ruhrpottkind bin ich mal wieder ein paar Tage in Berlin. Gemeinsam mit einem Geschäftspartner aus Hamburg, der kurzfristig absagen musste, wollte ich Geschäftliches in der Hauptstadt erledigen und mir nebenbei anschauen, was sich in Berlin alles verändert hat. Nun stehe ich alleine da und überlege, was man überhaupt noch unternehmen kann in einer Zeit von touristischem Beherbergungsverbot und Corona-Einschränkungen.

Soli-Öl und DDR-Rasierwasser

Ich miete erst einmal ein Fahrrad. Damit bin ich möglichst coronasicher und flexibel unterwegs. Der freundliche Vermieter ist sichtlich über Kundschaft erfreut (seine Bilanz für dieses Jahr fällt erwartungsgemäß mau aus), er geht auf Extrawünsche ein und trinkt mit mir ums Eck noch einen Kaffee. Dann radele ich zum Alexanderplatz. Dort sind gleich zwei Kundgebungen im Gange, trotz Corona: der Klima-Montag von Berlin4Future und eine MLPD-Unterschriftensammlung für die Zulassung zur Bundestagswahl 2021. Mit einer MLPD-Vertreterin komme ich ins Gespräch - sie schlägt mir vor, mich doch mal mit ihrem Mann Gernot Wolfer zu treffen, der sich politisch und gewerkschaftlich engagiert.

Abends im Berliner Dom ist eine ökumenische Liturgische Vesper. Weil Gottesdienste das einzige Kulturangebot darstellen, gehe ich mal hin. Außer mir gibt es noch eine Handvoll Teilnehmer, die Abstände können gut eingehalten werden; es wird gesungen, aber nur mit Maske.

Erfreulich menschenleer ist auch der Zoologische Garten. Das Aquarium und die Tierhäuser sind geschlossen, aber der gesamte Außenbereich ist zugänglich. Auf dem Breitscheidplatz ist ein Weihnachtsmarkt, zwar mit wenigen Ständen, aber ich hatte überhaupt nicht mit Derartigem gerechnet. Ein Straßenmusiker singt lauthals zur Gitarre. Die Reaktionen der Passanten sind höchst unterschiedlich, vom ungläubigen: »Oh, ein Konzert?« bis zum entrüsteten: »Dass der Blödmann jetzt noch singt!«

Weiter geht es zum nd-Shop, um Olivenöl und Kaffee zu besorgen. Ich hätte es ansonsten bestellt, so aber haben sich die Paketboten einen Gang gespart. Sie müssen momentan ohnehin bis in den Abend schuften. Ich schaue noch in einem Drogeriemarkt, wo ich Tüff-Rasierwasser erwerben möchte, das es schon zu DDR-Zeiten gab und das ich in meinem Freiwilligen Ökologischen Jahr in der Nähe von Torgelow 2013 schätzen gelernt habe. Allerdings erfahre ich, dass der Artikel ausgelistet wurde. Später werde ich immerhin in einem anderen Laden fündig.

Mit dem Rad auf der nd-Route

Ein Tag bleibt einer Radtour vorbehalten, die der Reisejournalist Oliver Gerhard auf einer nd-Reiseseite vorgestellt hatte und die ich noch etwas erweitere. Strausberg mit seiner gepflegten Geschäftsstraße und den kleinen, inhabergeführten Läden gefällt mir. Ebenso der äußerst schmackhafte Sauerbraten mit Klößen und Rotkohl aus der Fleischerei, auch wenn ich den auf der Parkbank verzehren muss.

Als ich durchgefroren die Berliner Stadtgrenze passiere, erreiche ich eine Gaststätte, die einen Außer-Haus-Verkauf von Glühwein anbietet, was mir gerade recht kommt. Der Wirt erzählt mir, dass jetzt viele Gastronomen dieses Schlupfloch nutzen; da aber anderswo teilweise übertrieben werde und größere Menschenansammlungen entstünden, weswegen die Branche mittlerweile im Fokus stehe, möchte er namentlich lieber nicht genannt werden. Das Geschäft, sagt er, lohne für die paar Stammgäste ohnehin nicht, er sei aber trotzdem lieber in seinem Lokal, als zu Hause herumzusitzen.

Trotz allem optimistisch

Schließlich ein Treffen mit Gernot Wolfer in Moabit. Der Metallfacharbeiter arbeitet im Siemens-Gasturbinenwerk, einem innerstädtischen Industriestandort, ist Vertrauensmann und neben seiner Mitgliedschaft in der IG Metall auch für die 2014 gegründete Umweltgewerkschaft aktiv, die er als wichtiges Bindeglied zwischen Arbeiter- und Umweltbewegung sieht. Diese Gewerkschaft sei basisdemokratisch organisiert und wolle auch Menschen erreichen, die oft von politischen Entscheidungen ausgeschlossen sind, Hausfrauen etwa oder Arbeitslose. Schließlich zeigt er mir noch historische Orte in Moabit, unter anderem den Standort eines früheren Barackenlagers für Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg - heute ein Parkplatz ohne Erinnerungstafel.

Ich beobachte auch, wie sich das gesellschaftliche Leben Berlins nach draußen verlagert: Trotz niedriger Temperaturen wird allerlei Sport getrieben, ob auf dem Tempelhofer Feld, im Gleisdreieckpark oder in den Neuköllner Grünanlagen. Beim »Wurstpaten« in der Köpenicker Straße spreche ich mit dem Wirt und einigen Gästen über die gerade beschlossenen härteren Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung. Sie sind verunsichert, wollen sich aber ihren Optimismus nicht nehmen lassen.

Der nächste Berlin-Besuch findet hoffentlich wieder in besseren Zeiten statt. Bleibt gesund!

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln