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Verbindendes Virus

Corona Privat

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 3 Min.

Es war ein schöner Frühling. Und das nicht nur, wenn man über das Wetter redet. Raus aus der verordneten Ruhezeit in der Wohnung, an die frische Luft - wer wollte das nicht ab und an? Ich musste, zwangsweise. Bewegung auf Rezept: Nach einer Sportverletzung war Laufenlernen mit zwei Krücken angesagt. Dankbar war ich da für jeden Sonnenstrahl. Und für die vom Lockdown leer gefegten Straßen und gelegentlichen Sitzplätze zum Verschnaufen.

Das ist in meinem Kiez alles andere als selbstverständlich. »GENTRI FICK DICH« - dieser gesprühte Protest gegen die durch horrende Mietpreise vorangetriebene Veränderung ist auf den Straßen rund um den Berliner Helmholtzplatz nicht zu übersehen. Diese Gegend in Prenzlauer Berg gilt vielen neben dem Kollwitzplatz als Symbol der Gentrifizierung. Nicht zu Unrecht. Aber: Ich bin noch da. Und viele andere auch. Nur sind sie oft nicht mehr wahrzunehmen - zwischen all den supernetten Menschen, bei denen immer alles super läuft und die in ihren superschönen Ausgehuniformen kommen, um hier erst ihren Latte macchiato und später dann Aperol Spritz zu trinken (nichts gegen Modebewusstsein, Lebensfreude, Kaffee, Alkohol sowie Neues und Veränderungen im Allgemeinen).

Plötzlich waren sie weg. Danke! Dies dem Virus zuzurufen, wäre unangebracht. Also einfach so: Danke! Der Kiez konnte jetzt wieder seine schöne, liebenswerte Seite zeigen. Täglich um 18 Uhr schallte vom Dach eines Eckhauses eine E-Gitarre. Eine knarzige Stimme sang dazu Lieder über das Leben, die Liebe und andere wunderbare Dinge. Wie es der Zufall wollte, fielen zu dieser Tageszeit auch die letzten Sonnenstrahlen durch die langsam grüner werdenden Bäume auf diese Ecke am Helmholtzplatz.

Von Tag zu Tag versammelten sich hier mehr Menschen - mit Abstand, aber nicht in Panik verfallend. Und weil alsbald auch die ersten Läden mit ihrem Außerhausverkauf begannen, wurde es, auch mit Latte und Spritz, schnell angenehm gesellig. Die ersten Gespräche hatten meist nur das Brandaktuelle zum Thema. Aber schon das zweite war ein Kennenlernen - meist mit der Feststellung, dass man sich trotz langjähriger Nachbarschaft noch nie gesehen hatte.

Freundschaften können daraus entstehen, müssen es aber keineswegs. Ein gutes Gefühl von Heimat, genau hier zu Hause zu sein, jedoch schon - oder einfach etwas weniger Anonymität in der großen Stadt. So fiel mein stetig geschmeidiger werdender Gang, bald ohne Krücken, auf. »Wie geht’s?« Ob damit nach dem persönlichen Befinden, dem Arbeitsverhältnis oder dem coronabedingten Stress in der Familie gefragt wurde - oberflächlich war es nicht gemeint. Sondern interessiert. Sonst hätte ich nicht sieben Videofilme für eine ältere Nachbarin von der anderen Straßenseite rausgekramt. Ihr Fernsehempfang war gestört, sie brauchte neue Abendunterhaltung.

Das Virus kann verbindend wirken. Alle, die ich damals kennengelernt habe, grüße ich noch immer. Sie mich auch. Zeit für einen kurzen Plausch bleibt fast jedes Mal. Es war ein schöner Frühling.

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