Japan baut an der Wasserstoffgesellschaft

Toyota, Honda & Co. setzen auf eine Technologie, von der die deutsche Konkurrenz wenig wissen will

  • Von Felix Lill, Tokio
  • Lesedauer: 4 Min.

Honda rast in Zukunft nicht mehr mit. Ab der Saison 2022 wird die Formel 1 ohne die Antriebe des japanischen Autobauers auskommen müssen. Dieser teilte vor einigen Wochen mit, die lauten, schmutzigen Flitzer passten nicht mehr ins Konzept. Bis 2050 will das Unternehmen CO2-neutral werden. Um dies zu erreichen, wolle man in die Entwicklung von Autos investieren, die mit Brennstoffzellen oder Batterien laufen. »Die Automobilindustrie befindet sich in einem riesigen Umbruch, wie es ihn nur einmal in hundert Jahren gibt«, heißt es bei Honda. Den dürfe man nicht verpassen.

Im Vergleich zur Branche des größten Konkurrenten, Deutschland, klingt dies geradezu visionär. In diesem Jahr hat der deutsche Verband der Automobilindustrie (VDA) in der Coronakrise viel Zeit darauf verschwendet, von der Regierung Kaufprämien zu fordern - auch für Autos, deren Antriebe auf fossilen Brennstoffen basieren. VDA-Präsidentin Hildegard Müller behauptete sogar, Dieselantriebe seien ein »erheblicher Beitrag für Umwelt- und Klimaschutz«. Trotz teurer Werbekampagnen für E-Autos deutet nach wie vor einiges darauf hin, dass die deutsche Branche die seit Jahren laufende Verkehrswende verpasst. Und dass ihr gerade die Konkurrenz aus Japan davonfährt.

Honda ist nämlich nicht einmal der erste Hersteller, der sich von Dieseln und Benzinern allmählich verabschiedet. Der weltweit erste serienmäßig produzierte Pkw mit Wasserstoffantrieb stammt vom Konkurrenten Toyota. Bereits 2015 kam das Modell Mirai (Zukunft) auf den Markt. Das Auto kann bis zu 500 Kilometer weit fahren, ohne zu tanken. Er kostet allerdings knapp 80 000 Euro, und neben dem Preis ist der Mangel an Tankstellen ein weiteres Kaufhindernis. So wurden bis jetzt nur rund 10 000 Stück verkauft.

Bei Toyota sieht man das Ganze dennoch nicht als Misserfolg oder Verlustgeschäft. Für den Mirai, dessen zweite Version mit noch mehr Reichweite und einem Preis von 64 000 Euro vor wenigen Tagen vorgestellt wurde, hat der Konzern die Baupläne offengelegt, damit andere Autofirmen an dem Technologiesprung mitwirken. Zudem arbeitet man mit dem Institute for Fundamental Energy Research aus den Niederlanden an einer photoelektrochemischen Zelle, die mit Hilfe von Sonnenlicht feuchte Luft in Wasserstoff umwandeln soll. Eines Tages, so das Forschungsteam, sollen dadurch auch Strom und Wärme für Häuser erzeugt werden.

Im ersten Halbjahr 2021 will Toyota zudem den Prototypen eines neuen, mit Wasserstoff angetriebenen Lkw vorstellen. Die Tochter Hino will damit vor allem den US-Markt erobern. Auch Mitsubishi arbeitet mit seiner Nutzfahrzeugtochter Fuso, an der Daimler beteiligt ist, an einem solchen Laster.

Im Unterschied zur Einstellung deutscher Autobauer ist man in Japan davon überzeugt, dass die Zukunft im Wasserstoff steckt. Die Regierung hat sogar das Ziel vorgegeben, »eine Wasserstoffgesellschaft zu bauen«. Seit Jahrzehnten wird an dem Thema geforscht. Rund 60 Prozent der weltweiten Patentanmeldungen bis 2015 stammen von hier, nicht wenige aus dem Autosektor. Bis 2030 soll sich der inländische Markt bei Wasserstoff um den Faktor 56 auf 409 Milliarden Yen (rund 3,5 Milliarden Euro) erhöhen. Der Energiemix der Volkswirtschaft soll dann zu einem signifikanten Anteil aus Wasserstoff bestehen. 5,3 Millionen Haushalte sollen bis dahin mit Wasserstoff versorgt sein. Bisher wird er klimaschädlich vor allem als Abfallprodukt der chemischen Industrie gewonnen. Ab 2030 will man einen vollständig CO2-neutralen Weg etabliert haben. Eine photoelektrochemische Zelle könnte eine Lösung sein.

Es wäre nicht das erste Mal, dass die Zukunft der Mobilität in Japan gebaut wird. Auch bei Elektro- und Hybridantrieben war Toyota Vorreiter - viele heimische Konkurrenten folgten. Es verwundert nicht, dass sich Japan erneut zum Pionier entwickelt. Mit der Havarie des Atomkraftwerks Fukushima 2011 mussten zwischenzeitlich alle 54 AKW heruntergefahren werden, wodurch eine der wichtigsten Energiequellen plötzlich wegfiel. Derzeit laufen wieder neun Reaktoren, aber statt 30 Prozent tragen AKW nur noch fünf Prozent zur Stromversorgung bei. Dafür importiert Japan vermehrt Öl und Gas aus dem Nahen Osten, was teuer und angesichts der dortigen Konflikte auch unsicher erscheint.

Wasserstoff soll diese Lücke mittelfristig schließen. Mit dem Rennwagengeschäft der Formel 1 ist dieses Ziel kaum vereinbar.

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