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Polarisierung in der Pandemie

Sri Lankas Regierung schürt anti-muslimischen Rassismus - und ignoriert soziale und ökonomische Probleme

  • Von Sowmya Maheswaran
  • Lesedauer: 3 Min.

In den letzten Monaten wurde im internationalen Pandemievergleich manchmal lobend auf Sri Lanka verwiesen. Durch effektives Handeln sowie kriegs- und tsunamibedingt geübtes Krisenmanagement habe das Land sehr geringe Fall- und Todeszahlen aufzuweisen. Nach Angaben der Regierung sind landesweit bisher »nur« 160 Menschen an Covid-19 gestorben. Doch der Preis, den die Bevölkerung im Alltag dafür zahlt, ist hoch. Zum einen nutzt die Regierung den globalen Ausnahmezustand, um die Militarisierung von Staat und Alltag voranzutreiben. Dem Militär werden immer mehr staatliche Verantwortungsfunktionen übertragen, und das nicht nur, wenn es um die militärisch kontrollierte Quarantäne geht, die alle Einreisenden erwartet. Zum anderen nutzt sie ihn, um die Ethnien des Landes weiter gegeneinander auszuspielen.

Die mehrheitsnationalistische buddhistisch-singhalesische Vormachtstellung, die sich durch die strukturelle Ausgrenzung der Tamil*innen und ihrer religiösen, sprachlichen und kulturellen Praktiken manifestierte, hat im multiethnischen Inselstaat postkoloniale Tradition. Präsident Gotabaya Rajapaksa greift nun die altbewährte Strategie der Polarisierung auf, um den Islam als neuen Sündenbock zu etablieren.

Dafür beschneidet die Regierung die Religionsfreiheit: Muslim*innen werden verpflichtet, die Körper ihrer im Verdacht eines coronabedingten Todes stehenden Angehörigen zur Bestattung zu verbrennen. Doch die Einäscherung ist im Islam verboten. »Dass sogar Babys so bestattet werden müssen, obwohl selbst die Weltgesundheitsorganisation deutlich sagt, dass Beerdigungsrituale nach unseren religiösen Regeln durchgeführt werden können, trifft uns schmerzlich und lässt die Frage offen, worum es hierbei eigentlich geht«, sagt die Aktivistin Juwairiya Mohideen gegenüber »nd«. Mohideen organisierte einen von Frauen getragenen Protest in der muslimisch dominierten Provinz Puttalam mit. Internationale und nationale Menschenrechtsorganisationen kritisieren, dass diese Spaltungen geschickt von eigentlichen Problemen ablenken: Die Nachkriegszeit gekoppelt mit der Pandemie lässt in Sri Lanka eine bevorstehende ökonomische und soziale Krise erwarten.

Wirtschaftlich betrachtet sind seit Pandemiebeginn drei existenzielle Einkommensquellen des Landes eingebrochen. Da es kaum möglich ist, auf die Insel zu reisen, gibt es seit April kaum Einnahmen bei der Tourismusbranche, die Rückführung Zehntausender migrantischer Arbeiter*innen reduziert Überweisungen aus dem Ausland und auch der Export verzeichnet Einbrüche. Hinzu kommt, dass Sri Lanka ohnehin hoch verschuldet ist, mit Korruption zu kämpfen hat und die Folgen des jahrzehntelangen Krieges gerade in den Minderheitengebieten schon lange für prekäre Lebensverhältnisse sorgen. Das alles lässt eine sozioökonomische Krise erwarten, die sich auf die Unter- und Mittelschicht aller Ethnien drastisch auswirken wird. Eine vergleichbare Situation fand sich in der Geschichte des Landes schon einmal und wurde von der Regierung ebenfalls durch Polarisierung verdeckt.

Wie kurz nach der Entkolonialisierung, als die zunehmend privatwirtschaftlich statt sozialistisch organisierte Ökonomie auf stetiges Bevölkerungswachstum traf, setzt die Regierung auch heute auf die Durchsetzung einer singhalesisch-buddhistischen Hegemonie mittels systematischer Diskriminierung, Marginalisierung und Unterdrückung anderer Gruppen.

Kaum zehn Jahre ist es her, dass der Bürgerkrieg zwischen tamilischen Rebell*innen und singhalesischem Militär endete. Erholt hat sich die Bevölkerung davon noch immer nicht. Und schon gibt es mit der wachsenden Islamfeindschaft neuen Grund zur Besorgnis - die islamistischen Osteranschläge im letzten Jahr beschleunigten diese Tendenz im Land.

Der eindeutige Wahlsieg Gotabaya Rajapaksas Ende 2019 ist indessen auf die rechtspopulistische Haltung von ihm und seiner Familiendynastie zurückzuführen. Das fand nicht nur bei einflussreichen radikal-buddhistischen Mönchen, sondern auch gesamtgesellschaftlich rasant Zuspruch. Seitdem reiht sich Sri Lanka mit dem Feindbild des Islams in einen globalen Trend ein. Menschenrechtsaktivist*innen befürchten nun, dass diese Spannungen gerade in der Coronakrise letztlich in islamophobe Gewalt umschlagen können. Auch sei nicht ausgeschlossen, dass Muslim*innen wiederum anfälliger für religiöse Radikalisierungen werden.

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