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Ein Pikser, der Leben retten kann

Seniorenzentrum in Nauen ist das zweite märkische Pflegeheim, in dem gegen Corona geimpft wird

  • Von Andreas Fritsche, Nauen
  • Lesedauer: 4 Min.
In Großräschen impfte Ärztin Elke Obst am Sonntag die Pflegeheimbewohnerin Elfriede Seefeld.
In Großräschen impfte Ärztin Elke Obst am Sonntag die Pflegeheimbewohnerin Elfriede Seefeld.

»Wir freuen uns sehr über diesen guten Anfang zu einem guten Ende. Bisher läuft alles reibungslos«, sagt am Montagmorgen Chefarzt Martin Stockburger von den kommunalen Havelland-Kliniken in Nauen. Im benachbarten Seniorenpflegezentrum, das zur Unternehmensgruppe der Kliniken gehört, sind gerade die Corona-Impfungen angelaufen. Los ging es mit den Impfungen in Brandenburg am Sonntag im Seniorenwohnpark des Deutschen Roten Kreuzes in Großräschen. Nauen ist am Montag das zweite Pflegeheim im Bundesland, das damit dran kommt. Am Dienstag ist ein drittes Pflegeheim in Cottbus an der Reihe.

Gemessen daran, dass der Impfstoff erst vor einigen Tagen eine Zulassung bekommen hat, geht es seit Sonntag europaweit und auch in Brandenburg sehr schnell, findet Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne), die nach Nauen gekommen ist. Immerhin müssen die Senioren vorher über die Impfung und die möglichen Nebenwirkungen aufgeklärt werden, auch die Hausärzte und gegebenenfalls die Angehörigen sind einzubeziehen. Es sei eine große Aufgabe für die Heimleitungen, dies alles in der Kürze der Zeit zu organisieren, und dann auch noch zwischen Weihnachten und Neujahr zu realisieren, erklärt Nonnemacher. Dabei sei »sorgfältiges Arbeiten das Gebot der Stunde«.

Noch mehr lässt sich im Moment nicht leisten, da Brandenburg, ebenso wie alle anderen Bundesländer außer Bremen, aus der ersten Lieferung des Impfstoffs nur 9750 Dosen des Herstellers Biontech/Pfizer zur Verfügung gestellt bekommen hat. Für die Impfungen im Seniorenpflegezentrum in Nauen sind davon rund 100 Dosen abgefallen, erläutert Jörg Grigoleit, Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Havelland-Kliniken.

Diese Menge machte die Entscheidung leicht, in welchem ihrer vier Pflegeheime die Tochterfirma Wohn- und Pflegezentrum Havelland GmbH mit den Impfungen beginnt, wie der Chef Burkhard Krüger erläutert. Sein Unternehmen betreibt zwei Heime in Rathenow mit jeweils mehr als 200 Bewohnern, ein Heim in Premnitz mit 93 und das in Nauen mit 69 Bewohnern. Dazu kommen noch zwei Tagespflegeeinrichtungen mit je 18 Plätzen. In Rathenow hätten die Dosen nicht ausgereicht, wenn sich alle Senioren impfen lassen möchten. Deshalb erschien es als die praktischste Lösung, im kleinsten Heim in Nauen zu starten.

Hier betreten am Montag mehrere ältere Damen den Raum im Erdgeschoss des Seniorenpflegezentrums, in dem sie Platz nehmen, einen Ärmel hochstreifen und die erste von zwei Spritzen erhalten. Die zweite Dosis muss nach 21 Tagen verabreicht werden. Weitere sieben Tage danach ist man nach Einschätzung der Experten zu 95 Prozent sicher vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus. »Ein kleiner Pikser, der Leben retten kann«, sagt Wolfgang Gall, in der Kreisverwaltung als Dezernent für das Gesundheitswesen zuständig. »Ich hoffe, dass sich viele impfen lassen, dass sich viele Menschen überzeugen lassen, dass dies eine große Chance ist, die Pandemie zu besiegen.«

Gesundheitsministerin Nonnemacher hat bereits festgestellt, dass die Bereitschaft unter den Senioren insgesamt hoch ist, bei den Altenpflegern indes nicht so sehr. Was die Ärzte und Krankenschwestern in seinem Krankenhaus betrifft, kann Chefarzt Stockburger aber mitteilen, dass sie der Impfung gegenüber aufgeschlossen sind. Sie gehören zu den Beschäftigten von acht Krankenhäusern in Brandenburg, die sich jetzt zuerst impfen lassen dürfen.

Auch bei den Altenpflegern der Unternehmensgruppe dürfte sich die Impf-Skepsis in Grenzen halten. Immerhin erwischte es in der ersten Welle der Pandemie im Frühjahr einen ihrer Kollegen – einen Wohnbereichsleiter in Rathenow. Dem sei es, nachdem er sich infiziert hatte, zunächst sogar wieder besser gegangen. Da habe er mit ihm noch telefoniert, erinnert sich sein Chef Burkhard Krüger. Doch dann habe er jedoch Atemnot bekommen, musste ins Krankenhaus und sei bald darauf gestorben.

Es sei zwar ein älterer Mitarbeiter gewesen, aber so alt nun auch wieder nicht und durchaus fit, sagt Krüger. Der Chef der vier Pflegeheime mit insgesamt 600 Bewohnern und 400 Mitarbeitern erzählt das nicht zuletzt als Hinweis an jene, die immer noch glauben, Corona sei lediglich für Hochbetagte und chronisch Kranke lebensgefährlich. Wo sich der Mitarbeiter angesteckt habe, wisse man nicht. Dass es auf der Arbeit bei den Senioren geschah, sei aber unwahrscheinlich. In den Pflegeheimen habe es zwar den einen oder anderen Ausbruch von Corona gegeben, diese konnten aber alle eingedämmt werden.

Am Nachmittag schaut sich Gesundheitsministerin Nonnemacher dann noch die Metropolis-Halle in Potsdam an. Hier werden Kabinen eingerichtet, um darin die Bevölkerung zu impfen. Die Metropolis-Halle und die Messe Cottbus werden ab 5. Januar als die ersten zwei Impfzentren in Brandenburg starten, weitere neun sollen später dazukommen.
Die Gesundheitsministerin warnt, bloß nicht vorschnell in eine »Sorgloshaltung« zu verfallen. Abstand halten und Hygieneregeln beachten bleibe nach wie vor unerlässlich. »Wir sind noch lange nicht über den Berg.« Für die sogenannte Herdenimmunität sei es erforderlich, dass mindestens 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sind. Bis es so weit ist, »dauert es noch Monate«, sagt sie.

Derweil geht es im Erdgeschoss des Seniorenpflegezentrums voran. Die Nadeln der Spritzen dürfen nicht zu dünn sein, um die Struktur des Impfstoffs nicht zu beschädigen, was ihn unwirksam machen könnte, erläutert Chefarzt Stockburger. Das lässt sich aber aushalten. Von den Senioren hören er und seine Kollegen hinterher oft: »Das war ja gar nicht so schlimm.«

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