Die neue Systemrelevanz

Gewerkschaften waren in der Pandemie weniger sichtbar, erreicht haben sie dennoch einiges

  • Von Jörn Boewe
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Corona-Pandemie hat im zurückliegenden Jahr auch die Arbeit der Gewerkschaften massiv beeinflusst: In vielen Branchen kam es zu wirtschaftlichen Einbrüchen, Kurzarbeit und Stellenabbau waren die Folge. Strukturelle Veränderungen - wie der Vormarsch des Onlinehandels, Digitalisierung und Rationalisierungsprozesse - beschleunigten sich. Kontaktbeschränkungen erschwerten das bisherige gewerkschaftliche Leben: Versammlungen, Seminare, kollektive Aktionen, aber auch die allgemeine Ansprache am Arbeitsplatz konnten nur noch eingeschränkt stattfinden. Der Anteil von Beschäftigten, die überhaupt keinen Zugang mehr zu Gewerkschaften haben, dürfte 2020 vermutlich gewachsen sein. Ergebnisse systematischer Forschung gibt es dazu aber noch nicht.

Aus tarifpolitischer Sicht ist die Bilanz des Corona-Jahres 2020 ambivalent. So stiegen die Tariflöhne gegenüber 2019 im Schnitt immerhin um 2,0 Prozent, wie das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung in seiner vorläufigen Jahresbilanz vorrechnet. Zu einem Großteil geht dies allerdings auf Abschlüsse der Vorjahre zurück. Die Neuabschlüsse von 2020 liegen bei durchschnittlich 1,5 Prozent. Dennoch konnte, wie der Leiter des WSI-Tarifarchivs, Thorsten Schulten, betont, die Tarifpolitik 2020 »einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung der Lohneinkommen« leisten.

Im Vordergrund standen 2020 aber Vereinbarungen zur Beschäftigungssicherung und Aufstockung des gesetzlichen Kurzarbeitergeldes. So wurde in der Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie im März ohne Warnstreiks und lange Verhandlungen die bestehende Entgeltvereinbarung bis zum Jahresende verlängert. Ergänzt wurde diese De-facto-Verschiebung um ein »Krisenpaket« mit Regelungen zu erweiterten Arbeitszeitkonten, zusätzlichen freien Tagen für Eltern von Kleinkindern und einem Härtefallfonds für Kurzarbeitende. In der Mitte Dezember begonnenen Tarifrunde 2020/21 fordert die IG Metall vier Prozent mehr Lohn sowie weitere individuelle Wahlmöglichkeiten zur Arbeitszeitverkürzung - etwa eine Vier-Tage-Woche mit teilweisem Lohnausgleich.

Auch die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) verschob 2020 eine große Tarifrunde. Die ursprünglich für den Frühsommer angesetzten Verhandlungen im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen fanden im Herbst statt. Die Einigung vom 25. Oktober sieht für das laufende Jahr sieben Nullmonate und eine »Corona-Prämie« von bis zu 600 Euro vor, gestaffelt nach Entgeltgruppen. Im April 2021 gibt es eine Entgelterhöhung um 1,4 Prozent, ein Jahr später um weitere 1,8 Prozent. Hinzu kommen verschiedene Zulagen für Beschäftigtengruppen im Gesundheitswesen von bis zu 300 Euro.

Verändert hat sich in der Pandemie der gesellschaftliche Diskurs über Beschäftigtengruppen im Organisationsbereich von Verdi - festzumachen am neuen Gebrauch des Wortes »Systemrelevanz«. War es in der Krise von 2008/09 noch ein Attribut zur Klassifizierung von Banken, wurde es 2020 für die Arbeit von Beschäftigten in diversen Dienstleistungsbranchen verwendet: in Gesundheitsberufen, aber auch bei Paketdiensten und in Supermärkten. »Erfreulicherweise zieht das Forderungen nach einer der Bedeutung angemessenen Bezahlung nach sich«, so Verdi-Sprecher Jan Jurczyk, »wenngleich dort noch einiges nachzuholen ist.« Ein Schritt nach vorne sei es, dass »die Menschen in diesen Tätigkeiten endlich wahrgenommen werden«.

Die veränderte öffentliche Wahrnehmung betraf auch eine wichtige Branche im Bereich der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG): die Fleischindustrie. Unter den Bedingungen der Pandemie gerieten seit Jahrzehnten überwiegend ignorierte skandalöse Wohn- und Arbeitsbedingungen der meist aus Osteuropa stammenden »mobilen« Beschäftigten in den Blick einer breiten Öffentlichkeit. Ein echter Durchbruch: Mit dem kurz vor Weihnachten verabschiedeten weitgehenden Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit wird das bisherige Geschäftsmodell der Branche illegalisiert.

Weniger im Fokus der Medien war, dass die NGG 2020 so viele Arbeitskämpfe führte wie nie zuvor. Nach einer »Schockstarre« während des ersten Lockdowns ab Mitte März sei »die Bereitschaft unserer Mitglieder zu Streiks so groß wie nie« gewesen, so NGG-Sprecherin Karin Vladimirov. »Die Erfahrung der Menschen in der Lebensmittelindustrie und im Handwerk war, dass sie hart weiterarbeiten mussten, teils mit Sonderschichten, während überall von Schutz, Abstand, Home-office geredet wurde.« Dies habe vielen Unternehmen »fantastische Umsatzmonate« beschert. Dennoch hätten Arbeitgeber in Tarifverhandlungen mit stereotypen Verweisen auf die Krise Nullrunden verlangt - was wiederum die NGG-Basis »zu Recht erbost« habe, so Vladimirov. Unter dem Motto »Lohnmauern einreißen« gelang es der Gewerkschaft in der ostdeutschen Ernährungsindustrie die bisherige Ost-West-Lohnlücke zu schließen.

Die Folgen des Corona-Jahres 2020 für die Gewerkschaftsbewegung kann man allerdings nicht allein aus den Tarifabschlüssen ableiten. Andere »harte« und »weiche« Fakten spielen eine Rolle. Interessant werden die Zahlen zur Mitgliederentwicklung, die der DGB im Januar veröffentlichen wird. Auch welche Folgen der Digitalisierungsschub für die Gewerkschaften mittel- bis langfristig haben wird, ist derzeit schwer abzuschätzen.

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