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Wir können nicht allein gewinnen

Klimaaktivist*in Hannah Harhues über Lehren aus der gemeinsamen ÖPNV-Kampagne mit Busfahrern und das tolle Gefühl als Streikposten

  • Von Ines Wallrodt
  • Lesedauer: 7 Min.

Klimaschützer interessieren sich zu wenig für die Beschäftigten, Gewerkschaften nicht genug für Klimaschutz. Nach neun Monaten gemeinsamer Tarifbewegung im kommunalen Nahverkehr: Stimmt das?

Ich denke, dass wir daran durch diese Kampagne etwas ändern konnten. Am Anfang war es natürlich super schwierig: Bei Fridays for Future (FFF) wurde durchaus gefragt, was wollen wir eigentlich mit Gewerkschaften? Da gab es keine explizite Ablehnung, aber da waren Zweifel.

Warum?

Vor allem, weil man bisher kaum miteinander zu tun hatte. Fridays for Future ist eine riesige Bewegung, in der es viele verschiedene Ansätze gibt. Ein Ziel der Tarifkampagne für einen besseren öffentlichen Personennahverkehr war daher auch, das Thema innerhalb von FFF zu setzen, dass Klimaschutz nur sozialverträglich geht. Wegen der ÖPNV-Beschäftigten, aber auch, weil wir unsere Ziele sonst nicht erreichen. Denn es ist doch so: Die größte Bewegung in Deutschland seit der Wende hat natürlich großes Potenzial, aber uns fehlt der ökonomische Druck. Man braucht zusätzliche Machtressourcen, als sich nur von Global Strike zu Global Strike zu hangeln und mit Politiker*innen zu sprechen.

Bus- und Straßenbahnfahrer sollen mit fürs Klima streiken?

Wir können nicht alleine gewinnen als Fridays for Future. Und darum war unser Ansatz, auch als Linke in der Klimabewegung, zu zeigen: Es funktioniert nur, wenn wir mit Beschäftigten zusammenarbeiten. Die Offenheit dafür war auf jeden Fall da, es fehlte nur der konkrete Ansatz. Den hat uns diese Tarifrunde geboten. Dadurch konnten wir konkret Streikerfahrungen machen - ich meine echte betriebliche Streiks.

Und wie war das?

Viele Klimaaktive haben zum ersten Mal die Lebenswelten der Beschäftigten kennengelernt. Wir haben gemeinsam um vier Uhr nachts am Streiktor gestanden und protestiert. Ich erinnere mich an eine Tarifrunde im nordrhein-westfälischen Langenfeld, wo wir mit unseren Students-for-Future-Fahnen und in Verdi-Westen eine Kundgebung gemacht haben. Und parallel fuhren die Chef*innen der Verkehrsunternehmen vorbei, alle im Porsche oder Landrover. Das alles waren wichtige Lehren für uns als Klimabewegung, die halt hauptsächlich akademisch ist.

FFF-Aktive kommen typischerweise nicht aus Busfahrerfamilien, was auch eine Kritik an der Bewegung ist.

Abstrakt war mir schon klar, wir brauchen die Arbeiter*innen. Aber ich kannte bis dahin keine*n Busfahrer*in persönlich. Jetzt habe ich fast das ganze Jahr super eng mit ihnen zusammengearbeitet, quasi täglich telefoniert, nicht nur die Streiks als sozusagen Soli-Onkel begleitet, sondern auch gemeinsam Strategien entwickelt. Ich habe auch erst dadurch erfahren, wie prekär die Situation der Busfahrer*innen in NRW ist, besonders die der Privatbeschäftigen. Die verdienen knapp überm Mindestlohn, müssen 250 Stunden im Monat arbeiten und teilweise noch Flaschen sammeln, um überhaupt über die Runden zu kommen. Durch die Tarifkampagne sind wir ein bisschen aus der eigenen Bubble rausgekommen und haben enge Bande für kommende Kämpfe geknüpft.

Welchen Stellenwert hatte dieses Projekt in der Klimabewegung? Voll darauf orientiert schien sie nicht ...

Fridays for Future hat eine sehr eigene politische Kultur mit Bundesstrukturen, Arbeitsgruppen, Abstimmungen über Delegiertentreffen und gleichzeitig sehr unabhängigen Ortsgruppen. Da war der erste Schritt, überhaupt diese Ortsgruppen zusammenzubringen und von dem Projekt zu überzeugen. Und dann passierten in NRW zum Beispiel solche Sachen wie, dass Kernaktive plötzlich Klimalisten gründeten und zur Kommunalwahl im September angetreten sind. In der Hochphase der Tarifauseinandersetzung steckten die also im Wahlkampf. Aber am Ende haben Klimaaktive in über 30 Städten mitgemacht und viele involvierte Aktivist*innen sind von diesem sozial-ökologischen Ansatz überzeugt.

Wie haben Sie andere überzeugt?

Wir haben dabei einen Organizing-Ansatz, angelehnt an die US-Gewerkschafterin Jane McAlevey, verwendet. Vor allem muss man rüberbringen, welchen Bezug man selbst zu dem Thema hat. Ich kann für mich zum Beispiel sagen, dass ich vom Dorf komme. Der ÖPNV war sozusagen der Weg in die Freiheit, in die große Stadt. Und darum finde ich, wir brauchen mehr ÖPNV, denn den gibt es auf dem Land immer weniger. Und dann braucht man nur noch eine Brücke, die uns zusammenbringt. Und eine Dringlichkeit, die mobilisiert. Aber man muss überhaupt auch erst mal den Mut finden, in Köln, Bergisch-Gladbach oder Aachen anzurufen und zu sagen: Hey, wir sind von Students for Future und wir würden euch gerne in eurer Tarifrunde unterstützen.

War das überall sofort willkommen?

Das war regional unterschiedlich. Die ermutigendste Erfahrung war, als wir einmal beim Streik einfach durch die geschlossenen Werktore marschieren konnten, dort auf einen Kaffee eingeladen und gefragt wurden, wie unser letzter Klimastreik gelaufen ist. Da haben sich also Fahrer*innen, mit denen wir davor noch nie geredet hatten, erkundigt, wann sie uns da mal unterstützen könnten. Gleichzeitig gab es aber auch Beispiele in anderen Städten, wo die Fridays-Aktiven mit der Frage empfangen wurden: Was wollt ihr eigentlich hier?

Und wie funktionierte die Zusammenarbeit mit Verdi?

Auch das war sehr von der Region abhängig. Viel lief über die Bundesebene von Verdi, die sich gewünscht hatte, dass wir diese Tarifrunde unterstützen. Natürlich hatten wir keinen Einfluss auf Streiktermine, aber ich hatte oft das Gefühl, auf Augenhöhe zu diskutierten.

Gar keine Konflikte, wenn eine junge, spontane, digital vernetzte soziale Bewegung auf eine alte soziale Bewegung wie die Gewerkschaft trifft?

Naja, vor allem mussten wir die Verdi-Strukturen überhaupt erst mal durchblicken. Uns war es wichtig, direkt mit den Arbeiter*innen in Kontakt zu kommen. Man will ja nicht nur mit den Gewerkschaftssekretär*innen zusammenarbeiten. Aber das hat, ehrlich gesagt, manchmal zu Problemen geführt.

Das war nicht überall gewünscht?

Manche Gewerkschaftssekretär*innen wollten, dass der Kontakt ausschließlich über sie läuft. Einige hatten auch einfach was gegen Fridays for Future und haben innerhalb der Betriebe Lügen über uns verbreitet.

Obwohl die Bundesebene die Kooperation mit FFF beschlossen hat?

Genau. Aber dann war natürlich der Weg, die Bundesebene einzuschalten, und dann hat sich das auch gebessert.

Es gab große Erwartungen an die neue Allianz aus Klimabewegung und Gewerkschaft. Doch die Tarifrunde hat ihre Hauptziele nicht erreicht, die Zersplitterung im Nahverkehr zurückzudrehen und die Unterfinanzierung des ÖPNV zum großen Thema zu machen. Woran lag das?

Ja, das stimmt. Natürlich hat die Corona-Pandemie den Arbeitgeber*innen ein Argument gegeben, es ist doch Krise, wir können jetzt nicht mehr zahlen. Vielleicht hätten auch ein bisschen mehr Kampfgeist von Seiten der Gewerkschaft und mehr Streiks zu besseren Ergebnissen geführt. Und dann ist es auch einfach eine krasse Arbeitsbelastung. Wir haben als Kampagnenverantwortliche fast jeden Tag zwölf Stunden für dieses Projekt gearbeitet, mussten uns gleichzeitig mit dem Verdi-Apparat, mit Fridays for Future und den Beschäftigten auseinandersetzen und versuchen, das alles zusammenzubringen. Das hat uns manchmal einfach überfordert. Deshalb ist auch eine Lehre, so etwas beim nächsten Mal auf mehr Schultern zu verteilen.

Gibt es ein nächstes Mal?

Ausnahmslos alle haben gesagt, wir müssen unbedingt weiter zusammenarbeiten. Wir haben in NRW deshalb die Verbindungen, die über die Kampagne entstanden sind, in ein langfristiges Bündnis überführt. Unabhängig von den Tarifergebnissen haben wir gezeigt: Soziale Bewegung und Gewerkschaft bzw. Beschäftigte - das geht zusammen. Es wäre illusorisch gewesen, davon auszugehen, durch eine einzige Kampagne einen linken Ansatz innerhalb der riesigen und extrem diversen Fridays-for-Future-Bewegung zu setzen. Aber ich bin mir sicher, dass wir die Grundsteine gelegt haben. Eigentlich haben wir doch die gleichen Ziele, wir wollen eine Verkehrswende. Dafür brauchen wir mehr ÖPNV, und das funktioniert nur, wenn mehr Leute diese Busse fahren wollen. Es wird ja gern geredet von verbindender Klassenpolitik: Wir konnten das jetzt tatsächlich mal mit Leben füllen.

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