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»Sex ist eine Form von Kommunikation«

Isaak Rion erforscht, wie sich Sensibilitäten trainieren und schärfen lassen, um sinnstiftenden und erfüllenden Sex zu haben. Intimität sei erlernbar, sagt er

  • Von Inga Dreyer
  • Lesedauer: 7 Min.

Sie beschäftigen sich mit professioneller Intimität. Was bedeutet das?

Professionelle Intimität ist der Raum, in dem wir mit bestimmten Strategien bewusst Nähe, Intimität und Lust herstellen. Intimität ist nichts, was uns einfach überkommt. Ich fühle mich schon lange unwohl damit, wie hegemonial die Begriffe »Liebe« und »sich verlieben« in unserer Gesellschaft sind. Dabei schwingt immer die pathetische Vorstellung mit, dass man nichts dagegen tun könne. Das empfinde ich in weiten Teilen als Bullshit. Intimität ist etwas, was wir tun. Wir können sie wahrnehmen und steuern. Ein großes Forschungsfeld, in dem professionelle Intimität praktiziert wird, ist die Sexarbeit. Mich interessiert, welche Kompetenzen trainiert werden. Und zwar nicht technische Fertigkeiten wie Knoten beim Bondage oder die Inszenierung bestimmter Settings.

Sondern? Sie forschen dazu auch im Projekt »Layers of Intimacy«. Was passiert dort?

Wir sind eine Gruppe von acht Leuten, die im Rahmen des Projekts am Institut für Körperforschung und sexuelle Kultur in Berlin zusammenarbeiten. Wir führen Interviews mit Sexarbeitenden und organisieren Workshops im Studio, die leider gerade wegen Corona nicht stattfinden können. Ich nutze dabei Improvisationsmethoden, die aus dem Tanz kommen und in denen es viel um Wahrnehmung geht. Es geht darum zu erforschen: Wie können wir die Sensibilitäten trainieren und schärfen, die wir nutzen, um sinnstiftenden und erfüllenden Sex zu haben?

Welche Fähigkeiten sind das?

Wir brauchen beim Sex genau die gleichen Kompetenzen und Intelligenzen wie in anderen Bereichen unseres Alltags. Wenn wir mit sieben Freunden im Café sitzen und uns unterhalten, entsteht ein kompositorisch total komplexes Gewebe. Einer fragt, wie es der Mutter geht, dann kommt jemand dazu und sagt etwas ganz anderes. Die unterschiedlichen Gesprächsebenen managen wir, ohne darüber nachzudenken. Dieselbe Sensibilität brauchen wir, wenn wir uns auf Sex einlassen: Was ist das gerade für eine Dynamik? Wie verbinden wir die einzelnen Sequenzen? Wie genau hören wir dem anderen Körper zu? Wollen wir da ein bisschen tiefer rein? Man ist immer noch ein soziales Wesen. Sex ist eine Form von Kommunikation, so wie auch Tanz.

Körperliche Nähe spielt auf beruflicher Ebene nicht nur in der Sexarbeit eine Rolle, sondern auch beispielsweise in der Pflege. Gibt es da Überschneidungen?

Das ist etwas, was ich noch herausfinden möchte. Wie die Sexarbeit wird auch die Pflege zu wenig beachtet. Seit Jahrzehnten ist klar: Es gibt zu wenig Personal, die Menschen arbeiten am Limit. Und sie machen extrem wichtige Arbeit, die viel abverlangt und sie eigene Grenzen überschreiten lässt. Auch gegenüber der Sexarbeit gibt es den Vorwurf, dass Leute Dinge tun, die sie nicht immer freiwillig tun. Das ist so, weil wir in einem kapitalistischen System leben und die Arbeitsbedingungen teilweise schlecht sind. Dann können wir nicht »nein« sagen, wenn wir das Geld brauchen. Deshalb ist der Kampf um sichere und gute Arbeitsbedingungen so wichtig. Ich denke, eine Überschneidung der Berufsfelder ist auch der Umgang mit Ekel und Abneigungen, die uns anerzogen sind. Gerade in der Schwulenwelt ist der Marktwert von Körpern total wichtig. Junge Menschen schämen sich, mit einem sehr alten Körper intim zu werden. Nicht deswegen, weil sie das ernsthaft so spüren, sondern weil sie es so gelernt haben. Körpernormen sind etwas, worüber Pflegekräfte nicht nachdenken können. Sie müssen den Po abwischen, sie müssen mit Körperflüssigkeiten umgehen.

Was hat sich durch die Erfahrung professioneller Intimität bei Ihnen persönlich verändert? Sie haben Sex mit Männern unterschiedlichen Alters - wahrscheinlich eher mit solchen, die Geld haben?

Das ist unterschiedlich. Es gibt auch diejenigen, die darauf hinsparen. Was sich verändert hat, ist auf jeden Fall, dass ich ein Gefühl von Demut entwickelt habe. Außerdem habe ich mich selbst besser kennengelernt und weiß, welche Grenzen mir wichtig sind. Demut deshalb, weil Leute Geld investieren, um mit mir Zeit zu verbringen. Am Anfang ist man total aufgeregt, weil sie dazu bereit sind.

Dass Sexualität professionell ausgeübt werden kann, irritiert manche Menschen. Warum?

Das liegt an der Kirche (lacht). Wir leben in keiner sexpositiven Gesellschaft. Sie besteht aus allem Möglichen, und dann gibt es eine rote Linie, hinter der wir Sex haben. Diese Trennung existiert natürlich so nicht. Hinter der roten Linie sind wir immer noch derselbe Mensch. Professionelle Sexualität zu akzeptieren ist für viele schwierig, weil sie bestimmte Glaubenssätze und das eigene Verhältnis zu Sex in Frage stellt. Sie zeigt: Sex ist nichts Magisches, was ich nur dann tun kann, wenn es mich überkommt. Was nicht bedeutet, dass Sexarbeitende keine Grenzen haben und immer alles mit jedem machen können.

Sie sind ausgebildeter Tänzer, arbeiten im soziokulturellen Bereich mit Jugendlichen, als Coach und Pornodarsteller. Wie sind Sie zur Sexarbeit gekommen?

Quasi zufällig. Das geht vielen schwulen Männern so, die im Escort-Bereich arbeiten. Ich war 20 und hatte gerade ein Praktikum in Hamburg gemacht. Ich war auf einer schwulen Datingplattform unterwegs. Mich hat jemand angeschrieben - online gab es damals noch den Ausdruck »Sex mit Taschengeld«, um nicht »Escorting« zu sagen. Also bin ich nachts mit dem Fahrrad in die neugebaute HafenCity gefahren. Am Ende kam er wirklich und hatte einen Butler und ein krasses Auto. Er hat mich in einem Filmstudio gefickt, in dem er gearbeitet hat. Das war ziemlich banal und kurz. Danach hat er mich nach Hause gefahren und mir mehr Geld gegeben als vereinbart.

Wie hat sich das angefühlt?

Da war nie ein Gefühl von Scham oder so. Es hat sich nicht verwerflich angefühlt, Geld für Sex zu nehmen. Auch als ich es noch nicht professionell gemacht habe, dachte ich schon: Es gibt so viel Geld in der Welt und es ist extrem ungerecht verteilt. Deshalb ist es okay, wenn es fließt. Sex war schon damals etwas, das ich sehr bewusst gemacht habe. Ich habe ja eine Tanzausbildung und weiß, dass ich meinen Körper sehr gut einsetzen kann.

Inzwischen haben Sie sich professionalisiert, engagieren sich im Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen und im Kollektiv »Objects of Desire«. Worum geht es Ihnen dabei?

Das ist ein Kollektiv von Sexarbeitenden, Künstler*innen und Anthropolog*innen. Wir sammeln Geschichten aus der Sexarbeit - und zwar über Objekte und in unseren eigenen Worten. Das ist ein simpler, aber sehr wirksamer konzeptueller Kniff. Wir lenken den voyeuristischen Blick von den Sexarbeitenden auf ihre Geschichten, um damit den Diskurs zu bereichern und zu verändern. Wir haben ein Online-Archiv mit Bildern und Texten und organisieren Workshops. Unsere Ausstellung war im Schwulen Museum in Berlin und in London zu sehen.

Was für Geschichten erzählen die Sexarbeitenden?

Die Geschichten sind teilweise sehr lustig, teilweise sehr traurig. Sie kommen aus allen Bereichen: Bordell, Straßenstrich, Porno, Webcam oder Escorting. Es sind Erzählungen von Männern und Frauen, darunter viele trans* Personen. Es geht vor allem um die Frage: Wie managen wir Beziehungen - zum Geld, zur Familie, zum Staat, zu Kunden? Vieles dreht sich um Geschenke. Zum Beispiel erzählt eine Sexarbeiterin von einem Kunden, der ihr immer selbstgemachte Marmelade und Dinge für den Haushalt schenkte. Ihr ist dann klargeworden, dass er in ihrem Alltag einen Platz einnehmen will.

Was denken Sie: Wie sollte sich der gesellschaftliche Diskurs über Körper und Nähe entwickeln?

Ich wünsche mir - ganz banal gesagt - dass Sex als etwas verstanden wird, was einem gut tut und bei dem man etwas lernen kann. Man muss sich nicht mit dem begnügen, was man vom Patriarchat oder von Pornos mitbekommt. Es kann auch anders laufen. Dabei geht es auch um Selbstermächtigung: Das ist mein Körper und ich bin die einzige Person, die weiß, wie sich etwas anfühlt. Ich kann kreativ sein und Dinge ändern. Wichtig ist aber dabei, anderen zuzuhören. Wenn wir so ein Verhältnis zu unserem Körper hätten, würde Sex in unserer Gesellschaft komplett anders aussehen. Dann hätten wir auch nicht mehr so ein Problem mit Misogynie und anderen hässlichen Machtverhältnissen im Patriarchat.

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