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Im Pause-Modus

Menschen in alternativen Beziehungsformen: »Wir hingen in dieser Poly-Kette und riskierten, Superspreader zu werden.«

  • Von Inga Dreyer
  • Lesedauer: 6 Min.

Cia lebt in einer Patchwork-Familie und polyamor. Sie und ihr Partner haben Liebesbeziehungen zu unterschiedlichen Menschen. Ihr dreieinhalbjähriges Kind hat vier Elternteile, die an drei unterschiedlichen Orten wohnen. Das zu managen, ist schon ohne Pandemie nicht einfach. 2020 schien der simple Grundsatz, Kontakte zu minimieren, schwer umsetzbar. In offiziellen Verlautbarungen ist häufig von »Familien«, »Haushalten«, »dem Lebenspartner« oder »der Lebenspartnerin« die Rede. Was aber, wenn die Familie groß und selbst gewählt ist? Wenn es mehrere Liebesbeziehungen gibt, die eine zentrale Rolle im Leben spielen?

Schnell sei klar gewesen: »So ein Leben, wie wir es leben, kann nicht regelkonform funktionieren«, sagt Cia. Trotzdem waren alle Familienmitglieder sehr vorsichtig. Was unter anderem bedeutete, dass der biologische Vater nicht beim dritten Geburtstag des Kindes dabei war, weil er im Krankenhaus arbeitet und Kontakt zu Corona-Patienten hatte. Es bedeutete auch, dass Cia ihren Partner, der in einer größeren Gemeinschaft in Brandenburg lebt, über viele Wochen nicht getroffen hat. »Im ersten Lockdown ist viel weggebrochen«, sagt Cia. Manche ihrer Bekannten zogen sich in Zweierbeziehungen zurück. Auch Cia legte Kontakte auf Eis. »Das war teilweise ziemlich schmerzlich.«

Auch für Simones Liebesleben bedeutete die Pandemie große Einschränkungen. Ihren echten Namen möchte sie nicht nennen. Die 40-Jährige führt mit ihrem Ehemann, mit dem sie ein Kind hat, eine polyamore Beziehung. »Wir begreifen uns als zusammengehörig, sind solidarisch miteinander, aber machen uns keine Vorschriften, was wir tun sollen«, erzählt sie. Wegen der Infektionsgefahr hat sie seit dem ersten Lockdown nur noch online geflirtet. »Es ist, als ob ein Teil von mir abgeschnitten ist und ich immer mehr in diese heterosexuelle, monogame Schiene reinkomme.« Trotzdem hat sie sich 2020 intensiver mit ihrer Angezogenheit zu Frauen auseinandergesetzt. »Irgendwie habe ich mir mehr Gedanken um Dinge gemacht, die sonst nicht so viel Raum bekommen«, erzählt sie. Wie stark Menschen ihr Liebesleben einschränken, sei unterschiedlich. »Ich kenne auch viele, die sich gar nicht an die Regeln halten.«

Es stellen sich praktische und emotionale Fragen: Wen treffe ich unter welchen Bedingungen? Wie fühlen sich die Veränderungen des sozialen und sexuellen Lebens an? Zur Debatte steht auch: Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf persönliche und gesellschaftliche Vorstellungen von Beziehung? Monogame Bindungen gälten in der öffentlichen Wahrnehmung als stabiler und sicherer als polyamore, sagt Simone. Die Pandemie scheint klassischen Konzepten zusätzlich in die Hände zu spielen. »Sie verstärkt das Gefühl, dass alles, was außerhalb der Kernfamilie ist, nicht sicher ist.«

Wenn staatliche Maßnahmen verzweigte Liebesbeziehungen, große Wohngemeinschaften oder Patchworkfamilien nicht im Blick haben, kann das zu Verunsicherung führen. »Es war extrem überfordernd, als der erste Lockdown kam«, erzählt Corinna. Auch sie heißt anders, möchte aber anonym bleiben, um die Privatsphäre ihrer Beziehungen zu schützen. Die Ende 20-Jährige lebt in einem Hausprojekt, das mehrere Wohngemeinschaften umfasst. »Ich kann mich in dieser Wohnsituation gar nicht isolieren«, sagt sie. Auch beim Gesundheitsamt wusste niemand Rat. Corinna blieb vor allem in ihrem Zimmer und mied die Gemeinschaftsräume. Eine Belastung war auch die Entscheidung, ihren damaligen Partner über Wochen nicht zu sehen. Er lebte ebenfalls in einer großen Wohngemeinschaft, hatte eine Liebesbeziehung zu einer Frau, die Liebesbeziehungen zu weiteren Personen hatte. »Wir hingen in dieser Poly-Kette und riskierten, zu Superspreadern zu werden«, sagt Corinna.

Von der Politik wünscht sie sich, dass alternative Beziehungs- und Lebensformen wahrgenommen werden. »Es hätte geholfen, mitgedacht zu werden.« Als Frau in einer polyamoren Beziehung sei sie auch abseits von staatlichen Maßnahmen gewöhnt, dass ihr Liebesleben nicht ernst genommen werde: Entweder werde an der Aufrichtigkeit der Liebe oder an ihrem Selbstwertgefühl gezweifelt, weil sie »so etwas mit sich machen lasse«. Momentan werde das verwurzelte Bild von der monogamen, heterosexuellen Zweierbeziehung und dem Leben in der Kernfamilie weiter fortgeschrieben, sagt Corinna. In ihrem Umfeld treffe es auf die meisten Menschen nicht zu, dass verwandtschaftliche Beziehungen die wichtigsten seien.

Zu Weihnachten gab es Ausnahmen von den sonst geltenden Kontaktbeschränkungen. In Baden-Württemberg hieß das beispielsweise, dass Treffen mit Angehörigen des eigenen Haushalts und vier weiteren Personen aus dem engsten Familienkreis zugelassen waren. »Als engster Familienkreis gelten Ehegatten, Lebenspartner und Partner einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft sowie Verwandte in gerader Linie, Geschwister, Geschwisterkinder und deren jeweilige Haushaltsangehörige.« In »privaten Härtefällen« dürfe eine der vier Personen von außerhalb des engsten Familienkreises kommen.

Durch solche Regeln würden traditionelle Lebensformen privilegiert, sagt Karsten Schubert, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. »Für viele Menschen sind die wichtigsten Beziehungen jedoch nicht ganz klassisch definierte Partnerschaften oder über das Blut definierte Verwandtschaftsverhältnisse«, sagt der Politikwissenschaftler. Benachteiligt würden dadurch zwar alle, die keine eheähnlichen Partnerschaften führen oder nicht mit ihrer Blutsfamilie feiern wollen oder können. Doch zusätzlich würden die Lebensformen von queeren Menschen abgewertet, die absichtlich nicht in traditionellen Beziehungs-, Verwandtschafts- und Careverhältnissen leben und sich neue aufbauen.

Inzwischen gebe es in Deutschland eine größere Offenheit gegenüber lesbischen und schwulen Paaren - wenn sie denn relativ klassisch leben. »Allerdings werden Lebensweisen und Sexualitätsformen, die vom Modell der monogamen eheähnlichen Partnerschaft abweichen, immer noch stark diskriminiert«, sagt Schubert. Diese Diskriminierung kritisiere er, betont er, nicht den »Lockdown« im Allgemeinen. So müssten auch die »heteronormativen« Regeln im Lichte der langen Geschichte der Diskriminierung von queeren Menschen gesehen werden. Systematische Benachteiligung von Minderheiten könne dazu führen, dass sozialer Zusammenhalt und Solidarität schwinden, die gerade in der Corona-Situation durch die Politik gestärkt werden müssten. Die Weihnachtsregelungen kriminalisierten die Feiern der einen, während sie die der anderen schützten. Zwar sei die reale Gefahr von Überprüfungen sehr gering, doch das größere Problem sei die symbolische Abwertung. Aus queerer Perspektive ließen sich die Regeln so lesen: »Wir finden es wichtig, dass diejenigen sich treffen können, die traditionell leben. Die anderen sind uns egal.« Dabei sind neutralere Formulierungen möglich, wie Berlin zeigte. Dort durften sich Personen aus unterschiedlichen Haushalten treffen, solange es nicht mehr als fünf waren.

Wie sich die Pandemie-Erfahrung auf Beziehungen und gesellschaftliche Repräsentation von Lebensformen auswirkt, wird sich zeigen. Sie hätte gerne wieder mehr körperliche Begegnungen mit anderen, sagt Simone. Das Jahr 2020 habe sie so erlebt, als hätte jemand eine Pause-Taste gedrückt. Sie hofft, dass diese irgendwann gelöst wird. »Dann lege ich wieder los«, sagt sie und lacht.

Weiterlesen: https://www.philomag.de/artikel/die-krux-mit-der-kernfamilie

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