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Endlich ein passendes Zuhause

Das Wohnprojekt »Festland« am Hamburger Hafen ist ein Meilenstein für chronisch Erkrankte

  • Von Knut Henkel
  • Lesedauer: 7 Min.
Daniela Möller und Thomas Strube
Daniela Möller und Thomas Strube

Katharina H. zieht die Schraube am Ende der Gardinenstange mit dem Inbusschlüssel an. »Fertig, aber Du kontrollierst noch mal, ja?«, fragt sie ihre Mutter Jolanda. Katharina traut ihren kraftlosen Handgelenken nicht, denn es vergeht kaum ein Tag, an dem sie nicht schmerzen. Katharina hat das CINCA-Syndrom, eine seltene Autoimmunkrankheit, die dafür sorgt, dass das Immunsystem gegen den eigenen Körper mobil macht. Gelenkentzündungen sind eine Folge, und deshalb ist die kleine, chronisch erkrankte Frau auf Hilfe angewiesen. »30 Jahre hat sich meine Mutter um alles gekümmert. Nun will ich auf meinen eigenen Beinen stehen«, sagt Katharina und mustert zufrieden die neue Lampe, die hinter ihr steht.

Seit zwei Wochen ist sie alle paar Tage in ihrer neuen Wohnung. Sie nimmt Möbel entgegen, richtet ihr neues Domizil gemeinsam mit Mutter ein und bereitet den Umzug ins »Festland« vor. Das Wohnprojekt für chronisch kranke Menschen ist fertig, die ersten Nachbar*innen sind schon eingezogen, auch wenn die Handwerker*innen noch ein paar letzte Arbeiten verrichten. Sie schließen die Lampen an, konfigurieren die Elektronik und passen einige Bäder im Haus an die spezifischen Bedürfnisse der Bewohner*innen an. Bei Katharina müssen Waschbecken und Toilette heruntergesetzt und hier und da einen Griff für die kleine Frau angebracht werden.

Ansonsten ist das meiste schon bezugsfertig. Am 2. Januar hat Katharina, begleitet von einem Pflegeteam, ihr neues Leben begonnen. Mit Nachbar Yamil Ali ist der Kontakt schon geknüpft und oben im vierten Stock wohnt Ben. Er ist ein guter Freund von ihr. »›Festland‹ ist für mich die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben in Gemeinschaft. So etwas gibt es doch sonst gar nicht«, sagt sie ein paar Tage vor dem Einzug in freudiger Erwartung. Wohnprojekte für junge chronisch kranke Menschen sind etwas vollkommen Neues und bundesweit an einer Hand abzuzählen. Deshalb ist der Andrang beim Projekt »Festland« groß. Die 24 Wohnungen, die chronisch Erkrankten zur Verfügung stehen, sind längst weg. Auch die letzten beiden der drei weiteren, freifinanzierten Wohnungen, für Menschen mit Interesse am inklusiven Wohnen zusammen mit gesundheitlich beeinträchtigen Menschen, werden alsbald vermietet sein, sagt Janine Kontny. Sie ist seit Anfang 2019 bei »Festland« nicht nur für die Vermietungen zuständig, sondern für das Projekt verantwortlich; sie hilft den Bewohner*innen bei der Suche nach Pflegepersonal, bei kleinen baulichen Veränderungen oder mit praktischen Tipps für den Einkauf. Janine Kontny informiert aber auch darüber, wie sich die Arbeitsflächen in den beiden Gemeinschaftsräumen absenken, Backofen und Herd bedienen lassen. Alles ist auf die Bedürfnisse chronisch kranker Menschen ausgerichtet, von denen einige auf einen Rollstuhl angewiesen sind.

Dass mehr als zehn Jahre von der Idee bis zum Einzug vergangen sind, verwundert nicht, schließlich muss bei dem Projekt auf viele Einzelheiten geachtet werden: Lichtschalter sind nicht nur in Standardhöhe, sondern auch in Rolli-Höhe angebracht. Mülleimer wurden angeschrägt montiert, so dass auch Rollstuhlfahrer*innen bequem ihre Tüte entsorgen können. Schwellen an den Balkontüren versinken automatisch im Boden.

Daniela Möller ist von diesen Details begeistert. Sie ist aus Braunschweig nach Hamburg gezogen und wohnt gemeinsam mit ihrem Freund Thomas Strube im vierten Stock. Die an Multipler Sklerose erkrankte 42-Jährige hat in einer behindertengerechten Wohnung in Braunschweig gelebt. Doch die hatte ihre Tücken. »Die Haustür war für mich alles andere als einfach zu öffnen, weil die Beschläge etwas zu hoch angebracht und nur mit Mühe zu öffnen waren«, erinnert sich die Frau, die am 6. Dezember zum ersten Mal in der gemeinsamen Zwei-Zimmer-Wohnung aufgewacht ist. Vorbei ist der Kampf mit der eigenen Wohnungstür, das Gekurve zum Mülleimer. Unwürdig sei das gewesen, sagt sie. Nun ist sie begeistert, dass es derartige Probleme in »Festland« nicht gibt. Bei der Planung haben sich die Verantwortlichen frühzeitig mit potenziellen Bewohner*innen getroffen, um das siebenstöckige Haus inklusive Dachterrasse nach ihren Bedürfnissen zu konzipieren. Das hat sich gelohnt, sagt Daniela Möller, die fast vollständig auf den Rollstuhl angewiesen ist, nachdem die Krankheit ihr Nervensystem angegriffen hat.

Der Umzug nach Hamburg ist für sie ein mehrfacher Neuanfang: »Selbstbestimmt mit Thomas in der eigenen Wohnung in einer neuen Stadt zu leben, ist wie ein Traum, den ich nie zu träumen wagte«, sagt sie mit leuchtenden Augen. Heute Morgen sind sie und Thomas schon von der Physiotherapeut-in besucht worden, haben eine Runde durch das Haus inklusive Gemeinschaftsraum im sechsten Stock gedreht. Von dort lässt sich die Hafencity und bei klarer Sicht das gesamte Hafengelände überblicken. Sie freuen sich darauf, die nähere Umgebung vom »Festland« alsbald zu entdecken.

Die ist noch überwiegend eine Baustelle, denn das Baaken-Quartier entsteht gerade und soll »im besten Sinne emanzipatorisch« werden, so die Verantwortlichen der Hafencity GmbH. Ein sozial vielfältiges Quartier, wo betreutes sowie behinderten- und altengerechtes Wohnen ihren Platz haben, hat sich die städtische Entwicklungsgesellschaft vorgenommen. Das kommt dem Träger von »Festland«, der gemeinnützigen Gesellschaft »Hamburg Leuchtfeuer«, entgegen. Jahrelang hatte die aus der Aids-Hilfe entstandene Einrichtung nach einem geeigneten Grundstück in Hamburg gesucht. Denn die Idee zum Wohnprojekt für junge chronisch kranke Menschen ist rund zwölf Jahre alt. »Sie ist aus der psychosozialen Betreuung von Menschen mit HIV und Aids geboren«, erzählt Silke Germann. »Die Frage, wo und wie können Aids-Kranke selbstbestimmt leben, begleitet unsere Arbeit ständig«, sagt die Leiterin der Beratungsstelle »Aufwind«, die vor 25 Jahren gegründet wurde und Anfang Dezember ihre neuen Räume in »Festland« bezogen hat. Sie steht den Bewohner*innen mit Rat und Tat zur Verfügung. »Aufwind«, dessen achtköpfiges Team anfangs vor allem HIV-Infizierte und aidskranke Menschen betreute, berät und hilft längst auch chronisch kranke Menschen. Über »Aufwind« hat auch Katharina H. von dem neuartigen Wohnprojekt in der Hafencity erfahren.

Früh hat sie Interesse gezeigt und war eine derjenigen, die gefragt wurde, wie sie sich gemeinsames Wohnen vorstelle und auf was zu achten sei. Für sie gibt es ein Defizit bei bestehenden Angeboten, die nicht auf die Bedürfnisse von chronisch kranken jungen Menschen zugeschnitten sind. »Seniorenunterkünfte sind eine Zumutung, betreute Einrichtungen oft nicht geeignet, um selbstbestimmt zu leben«, sagt sie. Genau da setze »Festland« neue Standards, freut sich die 30-Jährige. Gemeinsame Stunden auf der Dachterrasse und in den Gemeinschaftsräumen, wo ihre Mutter Jolanda sicherlich mal kochen werde, sowie die ersten Spielabende hat sie bereits anvisiert. Wenn die Corona-Pandemie das irgendwann zulasse, fügt sie hinzu. Auch der eine oder andere Ausflug in die nähere Umgebung stehe an. »Hier kann ich selbstständiger werden, mich von meiner Mutter abnabeln«, sagt sie. »Für mich ist ›Festland‹ das Sprungbrett in mein neues Leben.«

Dabei kann sie auf Janine Kontny zählen, die bei Bedarf den Kontakt zu Pflegeeinrichtungen herstellt, die Ansprechpartner*innen in den Behörden kennt und auch schon mit den ersten Nachbar*innen im Baaken-Quartier vernetzt ist – von der Katharinenkirche über das SOS-Kinderdorf bis zur Pestalozzi-Stiftung. Sie selbst sieht sich als »Problemlöserin« und Schnittstelle, was Daniela Möller und Thomas Strube erfreut. »Sie macht uns den Neuanfang leicht«, sagt Daniela Möller, die so viel Unterstützung nicht gewohnt ist. In Braunschweig haben sie und ihr Freund sich für Verbesserungen im öffentlichen Nahverkehr engagiert – für den Fahrstuhl an der Bahnstation oder die Rolli-gerechte Busstation. Doch das blieb erfolglos. In der Hafencity müssen sie dafür keine Energie aufwenden; die öffentliche Infrastruktur ist an die Bedürfnisse der Neuankömmlinge angepasst. »Hier hat man sich Gedanken gemacht«, lobt Thomas Strube, der sich in Braunschweig ehrenamtlich in der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft engagierte. Nun ist er froh, den Mut zum Umzug nach Hamburg gehabt zu haben, um mit Daniela Möller im »Festland« gemeinsam neu anzufangen.

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