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Es tönt und singt die Menschheit

Ein schöner Abschluss für das »Beethoven-Jahr«: Wie Fritz Kortner 1927 in die Tasten haute

  • Von Berthold Seliger
  • Lesedauer: 8 Min.
Besser als die ARD es heute erlauben würde: Fritz Kortner, der progressive Theaterstar der Weimarer Republik, als Beethoven.
Besser als die ARD es heute erlauben würde: Fritz Kortner, der progressive Theaterstar der Weimarer Republik, als Beethoven.

Das war Beethoven: übermenschlich in seiner Stärke und menschlich in seiner Schwäche. (…) Beethoven lässt oft musikalische Elemente miteinander ringen, deswegen klingt seine Musik so menschlich, so modern. Denn jeder Mensch ringt mit sich selbst. Viele erleben ihr Dasein oft als Kampf. Immer ist irgendetwas.» Wie die Autorin der «Spiegel»-Titelgeschichte ihren Beethoven beschreibt, «so menschlich, so modern», das lässt tief blicken. Beethoven, das sind quasi wir alle, «BTHVN2020» eben, im Jahr 2020 auf wirklich allen Kanälen.

Künstliche Intelligenz komponiert, finanziert von der Deutschen Telekom, endlich «Beethovens Unvollendete» fertig (war die nicht von Schubert? ach was, auch egal, wir haben schließlich Beethoven-Marketing-Tamtam, da geht alles…). «Beethoven ist phänomenal» sagte Wolfgang Schäuble, «Beethovens Größe sprengt jedes Schloss», er ist «pure Emotion» erklärte Frank-Walter Steinmeier. Und davon sollten auch die Vereinigten Arabischen Emirate etwas abhaben, ein Land, in dem Folter, Zensur, Diskriminierung von Frauen und die Ausbeutung und Misshandlung von Arbeitsmigrant*innen an der Tagesordnung sind.

Also machten sich die Hamburger Symphoniker im Februar auf, in Abu Dhabi die Neunte mit der «Ode an die Freude» aufzuführen, und einen eingebetteten Schriftsteller nahmen sie auch gleich noch auf ihre Kosten mit, auf dass er das hohe Lied des «Beieinander» von abendländischer Höchstkultur und morgenländischem Geprotze in die Heimat, zur «FAZ», durchfunken kann, direkt aus dem opulenten Prunkhotel «Emirates Palace», wo man auch einen Cappuccino mit Goldflocken bestellen kann. Schließlich durfte auch die Kulturstaatsministerin in der «FAZ» begeistert ausrufen: «So klingt Zukunftsmusik!» Man will mit Hanns Eisler seufzend konstatieren: «Das Jahr 2020 (bei Eisler: 1927) hat wenig an dem Gesamtbild des bürgerlichen Musikbetriebs geändert».

Deutschland ringt wieder einmal um sein Beethoven-Bild. Und es wurden brandaktuelle Fragen gestellt: War Beethoven ein Jimi Hendrix, ein Kanye West oder doch eher ein, sagen wir: Florian Silbereisen? Ja, «wer wäre Beethoven heute, im 21. Jahrhundert? Stünden seine Hits ganz oben in den Charts? Wie viele Follower hätte er auf Twitter und Instagram?» (Monika Grütters). Oder: «Wie hätte Beethoven komponiert, wenn es schon Elektronik gegeben hätte?»

Die letzte Frage hat sich der Komponist Malte Giesens gestellt, der einen neuen Soundtrack zum Beethoven-Stummfilm von Hans Otto Löwenstein aus dem Jahr 1927 zusammengestellt hat (gerade in der Arte Edition bei Absolut Medien erschienen). In der Hauptrolle der legendäre Fritz Kortner, der progressive Theaterstar der Weimarer Republik, dessen Spiel den «neuen Menschen» gegen die alte Gesellschaft proklamierte. Kortner engagierte sich politisch für die Sozialdemokratie und wurde von den Nationalsozialisten bereits in den 1920er Jahren heftig angefeindet; er emigrierte schon 1932 in die Schweiz.

Seine Beethoven-Darstellung kann nicht ohne die Auseinandersetzung um das Beethoven-Bild im Beethovenjahr 1927 verstanden werden. In der nationalsozialistischen Weltanschauung spielten Werte wie «Beethoven» und «Heldentum» eine immense Rolle. Der Chefideologe der Nationalsozialisten, Alfred Rosenberg, schrieb am 26. März 1927 zum 100. Todestag Beethovens im «Völkischen Beobachter»: «Unsere Zeit braucht in ihrem geistigen Kampf weniger eine langsame strategische Methode als eine einseitige, unduldsame Einstellung. Wenn alle Werte brechen und neue geboren werden, versammeln sich naturgemäß alle Kräfte willenhaft gegen einige wenige Punkte, letzten Endes gegen ein Kraftzentrum. Und darum werden jetzt zwar viele Gedenktage ausgelöst, aber keiner, der so tiefe Kräfte auslösen könnte wie der hundertste Todestag Ludwig van Beethovens (...). Einen Tag lang wollen wir uns gestatten, an der größten Herzenserweiterung teilzunehmen im Bewusstsein, dass der Deutsche Beethoven über alle Völker des Abendlands hinausragt und den besten unter ihnen als ein Zentrum echter Schöpferkraft gilt. Dann aber wollen wir daran denken, dass Beethoven für uns den treibenden Willen zu deutscher Gestaltung abgeben kann und muss. Denn wir leben heute in der Eroica des deutschen Volkes.»

Gegen dieses Beethoven-Bild argumentierte die Linke massiv an. Hanns Eisler etwa proklamierte Beethovens Neunte Sinfonie 1927 euphorisch als «gewaltigen Hymnus an die Freude», der «sich steigert und jubelnd ausklingt», so dass «jeder klassenbewusste Arbeiter, mit Kraft und Zuversicht erfüllt, sich sagen können muss: diese Töne, die schon jetzt uns, den noch kämpfenden Arbeitern, Energien zuführen, werden erst recht uns gehören, wenn wir erst über die jetzt herrschende Klasse gesiegt haben werden».

Die Neunte wurde seit 1909 regelmäßig in den Wiener Arbeiter-Symphoniekonzerten aufgeführt, auch anlässlich der Maifeiern (zum Beispiel am 1. Mai 1921 unter dem Dirigat von Georg(e) Szell, nach der Rezitation von «Die Internationale»). Kurt Eisner, seinerzeit SPD und später Anführer der Münchner Novemberrevolution, Präsident der Räterepublik und 1919 ermordet, bezeichnete sie als Sinnbild eines sozialistischen Utopieentwurfs: «In Beethovens Neunter aber tönt und singt die Menschheit, die das Erhabene der gesetzesmäßigen Bewegung des gestirnten Himmels, die Sphärenmusik des Gesetzes zum Wesen der menschlichen Gesellschaft gestalten muss». Und noch mal Eisler 1927: nach dem «Sieg über die herrschende Klasse» werde «den Millionenmassen der bis dahin Unterdrückten mit dem Triumphgesang Beethovens zugejauchzt: Seid umschlungen, Millionen!»

In diesem Sinn erleben wir in Löwensteins Stummfilm und Kortners Darstellung einen Beethoven, der sich gegen die Herrschenden seiner Zeit auflehnt, den «einfachen Menschen» zugewandt ist und der «in der Stille der Wälder die Inspiration fand für seine Werke von Heldentum und Brüderlichkeit» (so die eingeblendeten Texttafeln). Das ist alles andere als historisch, vielmehr wird auch hier an einem Denkmal gebastelt: Beethoven als Heros des deutschen Idealismus, wenn man so will.

Und garniert mit einer Liebesgeschichte, wie es auf den ersten Blick scheinen mag - und doch ist gerade die Geschichte des unglücklich Liebenden, die in diesem Film ausführlich aufgeblättert wird, signifikant für das Leben Beethovens und wird bis heute eher unterschätzt. Beethoven erlebte eine unglückliche Liebesgeschichte (die möglicherweise nicht einmal eine «Geschichte» war) mit der jungen, kapriziösen Gräfin Giulietta Guicciardi, die im Jahr 1800 sechzehnjährig die Wiener Gesellschaft im Sturm erobert hatte, ein It-Girl ihrer Zeit. Beethoven gab ihr Klavierunterricht und widmete ihr seine Klaviersonate cis- Moll op. 27.2, die sogenannte Mondschein-Sonate. Die Gräfin aber zog einen Mann ihres Standes vor, den Grafen Robert von Gallenberg.

Beethoven war sich sowohl des Standesunterschieds als auch seiner Rolle als Musiker in einer Feudalgesellschaft schmerzlich bewusst - natürlich durfte er bei den Festlichkeiten des Adels aufspielen, aber letztlich eben nur als eine Art Hofnarr - lieben, heiraten gar durfte er eine Adelige keineswegs. Er blieb außen vor. Seine Konsequenz? Er spielt «seinen Abschied vom Leben und der Menschheit für sich selbst durch» (Martin Wilkening), nämlich im herzzerreißenden «Heiligenstädter Testament» vom Oktober 1802, einer Art Selbsttherapie. Und er beschließt, neue, radikale Wege zu gehen, wie er um das Jahr 1803 seinem Schüler Carl Czerny sagt: «Ich bin nur wenig zufrieden mit meinen bisherigen Arbeiten. Von heute an will ich einen neuen Weg einschlagen.» Es bleibt eine Mutmaßung, aber es ist doch wahrscheinlich, dass erst das Bewusstsein darüber, der herrschenden Gesellschaft nicht anzugehören, Beethoven darin bestärkt haben dürfte, seinen «neuen Weg» als selbstbewusster, eigensinniger und die Konventionen seiner Zeit weitgehend missachtender Komponist zu gehen - «outside the society» (Patti Smith) und «den Komplex von Anregungen aufgreifend, den das revolutionäre Frankreich zu bieten hatte» (Georg Knepler).

Diese Konflikte zeigt der Beethoven-Stummfilm von 1927 auf luzide Art, auch wenn kaum eine der Szenen historisch verbürgt ist und ein Film von 1927 sowieso nur als Flaschenpost aus vergangener Zeit betrachtet werden kann, dessen Szenen für uns Heutige nicht selten merkwürdig erscheinen. Kortner stapft als Beethoven im eigenen Style durch den Film - in der Linken seinen Hut hinter dem Rücken haltend, in der Rechten den Spazierstock, leicht vornübergebeugt. Immer wieder in Nahaufnahmen sein Gesicht - ehrfürchtig zunächst, verliebt später, leidend und weltabgewandt gegen Ende, eine beeindruckende (und durchaus auch befremdliche) Schauspielkunst, die da aus ferner Zeit zu uns herüberweht - und allemal um einige Klassen großartiger als das, was uns die öffentlich-rechtliche Allzweckwaffe Tobias Moretti («Kommissar Rex») in der ARD-Schmonzette «Louis van Beethoven» vorgesetzt hat.

Leider hält die neu zusammengestellte Filmmusik dem Gezeigten nur selten stand. Malte Giesen hat laut eigener Aussage versucht, «aus Beethoven-Werken eine Art ›kompositorische Interpretation‹ zu entwickeln, mit Techniken, die an Ästhetik und Philosophie meiner Generation anknüpfen». Dieser etwas großspurige Versuch darf als weitgehend gescheitert bezeichnet werden. Die Musik ist mal brav, mal niedlich und in etwa so «philosophisch» wie die Filmmusik zu einem Degeto-Schmachtschinken.

Mal abgesehen davon, dass es mindestens irritierend ist, wenn Beethoven an der Orgel sitzt und ausgerechnet ein Klavierkonzert ertönt - aber warum muss eine Liebesszene von Glockenspielen, warum müssen die Landschaftsbilder von einer orchestral bombastisch aufgepeppten Mondscheinsonatenversion begleitet werden? Und ach wie drollig, wenn Instrumente falsches Katzenmiau spielen. Und die Verzweiflung angesichts Beethovens Taubheit wird - Überraschung! - mit einer schwülstigen Mischung aus der «Pathetique»-Klaviersonate und der Fünften Sinfonie begleitet, so pocht das Schicksal an die Tür! Oder war es doch nur die Wirtin, die eine Kohlsuppe in die Komponierstube gebracht hat? Wir erinnern uns: «Immer ist irgendetwas» …

Sicher, man kann nicht ständig und von allen eine Filmmusik von der Meisterschaft Hanns Eislers (zu Alain Resnais «Nacht und Nebel») oder der Band Lambchop (zu Friedrich Wilhelm Murnaus «Sunrise: A Song of Two Humans») erwarten. Aber etwas mehr, und vor allem etwas radikaler darf es gerade angesichts eines Komponisten wie Beethoven schon sein als das biedere Kunsthandwerk, das uns hier zur Begleitung vorgesetzt wird.

«Beethoven», Regie: Hans Otto Löwenstein, Österreich 1927. Mit Fritz Kortner, Lillian Gray, Ernst Baumeister, Wilhelm Schmieder, Dely Drexler. Musik (2020) Malte Giese. 71 min, restaurierte Fassung (Arte/Absolut Medien)

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