Moderne Sklaverei in Italien

Trotz eines neuen Gesetzes hat sich die Lage der illegalen Landarbeiter in diesem Jahr verschlechtert

  • Von Anna Maldini, Rom
  • Lesedauer: 4 Min.

Überall in der Welt hat die Pandemie vor allem die schwächsten Glieder der Gesellschaft getroffen. Das ist in Italien nicht anders. Zu den Schwächsten gehören im Mittelmeerland sicherlich die »Unsichtbaren«, wie sie dort genannt werden. Das sind vor allem Landarbeiter, die für einen Hungerlohn schuften, keine Krankenversicherung und keine regulären Arbeitsverträge haben und gerade deshalb von Unternehmern, die man vielleicht besser Sklavenhalter nennen sollte, schamlos ausgenutzt und ausgebeutet werden.

Die Landarbeitergewerkschaft FLAI Cgil hat kürzlich eine Untersuchung durchgeführt, die erschreckende Zahlen ans Licht gebracht hat. 39 Prozent aller Landarbeiter haben demnach keine regulären Arbeitsverträge; über 300 000 Personen (zum größten Teil Bulgaren, Rumänen, Afrikaner und Inder) werden offiziell für weniger als 50 Tage im Jahr angestellt und erhalten einen Tageslohn zwischen 20 und 30 Euro für bis zu 12 Stunden harter Arbeit. In einigen Fällen wurden auch Löhne von nur 1,50 Euro pro Stunde verzeichnet. Die Frauen erhalten noch einmal 20 Prozent weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen. Es handelt sich um ein komplexes Ausbeutungssystem, das von der Anwerbung bis in die Supermärkte reicht und in Italien »Agromafia« genannt wird. Deren Profit betrug 2018, so das Forschungsinstitut Eurispes, 24,5 Milliarden Euro. Diese Milliarden werden buchstäblich auf dem Rücken von Hunderttausenden von »unsichtbaren« Landarbeitern und Landarbeiterinnen »erwirtschaftet«.

Diese Probleme sind in Italien seit Jahrzehnten bekannt. Gewerkschaften und linke Parteien fordern immer wieder wirksame Maßnahmen gegen das Phänomen des »caporalato«, der illegalen Anwerbung und Ausbeutung von Arbeitskräften in der Landwirtschaft. Immer wieder sind Gesetze verabschiedet worden, die aber letztendlich nicht viel gebracht haben, auch weil die Beschäftigten, die oft illegal in Italien leben, erpressbar sind.

Im vergangenen Frühjahr dann hat die derzeitige Landwirtschaftsministerin Teresa Bellanova, die selbst als Landarbeiterin gearbeitet hat, ein Gesetz durchgebracht, mit dem - so ihre Worte - »die Unsichtbaren endlich sichtbar« werden sollten. Doch bald stellte sich heraus, dass dieses Gesetz kaum greift und die Zahl der »sichtbar Gewordenen« weit unter den 300 000 zurückgeblieben ist, die die Ministerin versprochen hatte.

Es wird geschätzt, dass nur etwa 15 Prozent der illegalen Landarbeiter einen Antrag auf »Regularisierung« gestellt haben. Wie viele davon dann auch tatsächlich einen positiven Bescheid erhalten werden, ist noch nicht abzusehen. Patrick Konde von der linken Vereinigung des Basisgewerkschaften (USB) erklärt das so: »Das Gesetz richtet sich vor allem an Landwirtschaft, Viehzucht, aber auch an die private Altenpflege. Um eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten, muss ich beweisen, dass ich in einem dieser Sektoren gearbeitet habe. Und wie soll das gehen, wenn ich doch schwarz gearbeitet habe? Mein Chef, der sich ja strafbar gemacht hat, wird das wohl kaum eingestehen.«

Gerade während der Pandemie hat sich die Lage der Landarbeiter weiter verschlechtert. Da sie meist auf engstem Raum unter verheerenden hygienischen Bedingungen zusammenleben, kann sich die Infektion schnell ausbreiten. Wenn sie »unsichtbar« sind, haben sie auch kein Anrecht auf ärztliche Behandlungen; selbst Gesichtsmasken müssten sie sich selbst kaufen, da die Dienstherren ihnen keine stellen. In den vielen Barackenlagern, die es vor allem in Kalabrien und in Apulien gibt, sind die Landarbeiter sich selbst überlassen - jetzt noch mehr als zuvor.

Wer denkt, dass das Problem nur Süditalien betrifft, hat sich geirrt. Kürzlich wurde ein Fall in der »zivilisierten« Toskana bekannt, wo ein Landbesitzer zehn Personen wie Sklaven hielt. Erst, als einer von ihnen starb und der Unternehmer die Leiche einfach »wegwerfen« ließ, wurde die Sache öffentlich. »Die Pandemie hat die Lage weiter verschlechtert. Legal kommen keine Landarbeiter mehr nach Italien, was bedeutet, dass die ›Illegalen‹ noch stärker ausgebeutet werden«, sagt Konde.

Eine weitere Gegend, in der das Problem besonders akut ist, liegt südlich von Rom, wo sich die »Agromafia« in den letzten Jahren stark ausgebreitet hat. Hier arbeiten vor allem Inder. Vor einigen Monaten wurde bekannt, dass die Unternehmer ihnen heimlich Dopingmittel ins Essen kippten, damit sie die schwere körperliche Arbeit besser aushalten. Immer wieder ereignen sich auch tödliche Arbeitsunfälle - und wenn sich jemand beschwert, dann wird ein »Strafkommando« losgeschickt, das dem »Aufmüpfigen« die Knochen bricht.

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