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»Kein Neustart in den normalen Präsenzunterricht möglich«

Warnungen vor zu rascher Rückkehr zum normalen Schulunterricht / Kritik an Konzeptlosigkeit der Politik

  • Lesedauer: 4 Min.

Berlin. In der Corona-Pandemie stehen die Zeichen auf eine Fortsetzung der Kontaktbeschränkungen über den 10. Januar hinaus. Die Ministerpräsidenten der Freistaaten Bayern, Sachsen und Thüringen, Markus Söder (CSU), Michael Kretschmer (CDU) und Bodo Ramelow (Linke), deren Bundesländer derzeit besonders viele Neuinfektionen melden, haben sich bereits auf eine Lockdown-Verlängerung bis Monatsende festgelegt. Vor den Bund-Länder-Beratungen am Dienstag wollten am Montag die Kultusministerinnen und Kultusminister darüber beraten, wie es an den Schulen weitergeht.

Söder sagte am Sonntagabend bei »Bild live«: »Wir müssen den Lockdown leider bis Ende Januar verlängern.« Zudem wollte er sich zur Frage, wie es nach dem 31. Januar weitergeht, nicht festlegen. »Es ist alles, was wir derzeit tun, immer nur auf Sicht«, sagte er. Kretschmer schrieb am Sonntag bei Twitter: »Die Erfahrungen unserer Nachbarn zeigen: Frühes Lockern führt zum sprunghaften Anstieg der Infektionen. Eine Verlängerung des Lockdowns in Sachsen bis mindestens Ende Januar ist daher unvermeidbar.«

Ramelow sagte nach einer Kabinettssitzung am Sonntag in Erfurt, es könne in seinem Land derzeit keine Erleichterungen geben. Vielmehr werde sogar noch einmal nachgeschärft werden müssen. Das bedeute etwa, dass die Schulen im Januar nicht in den Präsenzunterricht zurückkehren könnten.

Auch der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) sagte, um eine dritte Ausbreitungswelle des Virus zu verhindern, »müssen wir weiterhin an einem harten Lockdown festhalten«. Einen Regelbetrieb an Schulen und Kitas im Januar bezeichnete Hans in den Zeitungen der Funke Mediengruppe als kaum denkbar.

Auch Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) nannte eine Rückkehr zum vollständigen Präsenzunterricht in allen Jahrgängen »nicht vorstellbar«. Für die älteren Jahrgänge sei Wechselunterricht angezeigt, sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Bei Kitas und Grundschulen dürfe dagegen nicht rein nach Infektionsschutzgesichtspunkten entschieden werden. Hier sei eine umsichtige politische Abwägung nötig. Wenn Präsenzunterricht stattfinden solle, dürfe dies aber »allenfalls nur unter strengster Einhaltung der Hygienevorschriften einschließlich des Tragens von Masken geschehen«, forderte die Ministerin.

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Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte, den Lockdown in den Schulen mindestens solange zu verlängern, bis klar sei, wie sich Silvester auf die Corona-Infektionszahlen auswirke. Die Bundesländer sollten deshalb die Schulschließungen um »mindestens eine Woche« verlängern, sagte GEW-Chefin Marlis Tepe dem RND.

Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, warf der Politik Konzeptionslosigkeit vor. »Die Diskussion um gesicherten Schulunterricht und zum Betreiben von Kitas in der Corona-Pandemie ist seit dem Sommer kein Stück weitergekommen«, sagte er dem »RedaktionsNetzwerk Deutschland«. »Besonders die Schulen brauchen aber ein Gesamtkonzept, das über das Hangeln von Feiertag zu Feiertag hinausgeht.«

Er empfinde es als »Bankrotterklärung«, wenn Eltern in der Pandemie zum Teil an einem Sonntagabend erfahren hätten, dass die Kinder am nächsten Tag zu Hause bleiben sollen, führte Hilgers aus: »Das verunsichert Kinder und Eltern.« Vorschläge zur Lösung der Probleme lägen zur Genüge auf dem Tisch: »Es mangelt an Entschlossenheit zur Umsetzung.«

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Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sagte am Montag im »Morgenmagazin« der ARD: »Ich glaube, die Politik hat einen schweren Fehler gemacht, dass sie damals im Sommer nicht erkannt hat, was das für Schulen bedeutet - diese Schulschließungen, dieser Lockdown. Da hätte man Vollgas geben müssen.« Der »Passauer Neuen Presse« sagte er: »Es ist völlig klar, dass am 11. Januar kein Neustart in den normalen Präsenzunterricht möglich ist.«

Der Lehrerverband sei deshalb für eine Verlängerung der Phase des eingeschränkten Präsenzbetriebs um drei weitere Wochen bis Ende Januar. Vorrangig sollten, sofern es die Infektionszahlen zulassen, Grundschulkinder, Unterstufenschüler und Schüler der Abschlussklassen wieder in den Wechselbetrieb zurückgeholt werden.

Die Grünen forderten eine Betreuungsgarantie für Schüler und Kita-Kinder im Corona-Lockdown. »So lang Schulen- und Kitas weiterhin geschlossen bleiben, müssen sich Bund und Länder auf eine Betreuungsgarantie verständigen«, sagte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt der »Welt«. »Für alle, die es brauchen, auch tageweise und ohne mühseliges Antragsverfahren.«

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Homeoffice der Eltern sei keine adäquate Betreuungsmöglichkeit - »und erst recht keine geeignete Bildungsarbeit für die Kinder«. Kinder bräuchten Bildung und Eltern Planungssicherheit, betonte die Fraktionschefin. Die Beratungen müssten klären, wie es in den nächsten Wochen mit Distanz- und Wechselunterricht weitergehe, ab welchen Inzidenzwerten Schulen und Kitas wieder geöffnet würden und wie die Prüfungen im Frühjahr aussähen. Agenturen/nd

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