Für die Alten eingesprungen

Trotz vieler Ausfälle bezwingen Alba Berlins Basketballer die Stars des FC Bayern

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 4 Min.

Tom Böttcher ist nicht zu beneiden. Er gehört zu jenen Hallen- und Stadionsprechern, die derzeit so tun sollen, als wäre alles normal, wo doch jeder sieht, dass alles ganz anders ist. Ob Skispringen in Oberstdorf, Fußball in Kiel oder wie im Fall von Böttcher Basketball bei Alba Berlin: Es wird jede Aktion brüllend bejubelt, selbst wenn im Lockdown nicht ein Zuschauer auf den Tausenden Plätzen in den jeweiligen Arenen sitzt.

»Klar, kommt einem das komisch vor. Ich will damit ja sonst den Fans Energie geben, die dann die Mannschaft anfeuern«, sagt Böttcher zur Halbzeit des Bundesligaspitzenspiels gegen Bayern München am Sonntagabend. Jetzt versuche er eben, die Spieler auf der Bank zum Anfeuern zu bewegen. Doch lange Zeit tut sich da so gut wie nichts. Das Spiel ist nicht hochklassig, 39:36 steht es zur Pause. Beiden Teams ist anzumerken, dass der enge Terminplan seinen Tribut verlangt. Im Schnitt alle drei Tage steht ein Spiel in Bundesliga oder Euroleague an. Hinzu kommen Reisen, Coronatests und Verletzungen vieler Spieler. Bei Alba wird gefühlt zu jeder Partie ein neuer Stuhl hinter den Korb gestellt, weil wieder ein Muskel gezerrt oder eine Sehne gerissen ist, und der Verletzte nun von dort den übrig gebliebenen Kollegen zuschauen muss.

Statt des langjährigen Anführers Peyton Siva rennt nun beispielsweise der 19-jährige Malte Delow minutenlang übers Feld. Zu Beginn gelingt dem Nachwuchsspieler nicht viel, aber Alba hält gegen das bayerische Star-Ensemble mit, liegt sogar knapp in Führung. Jeder rechnet damit, dass die Münchner Stars irgendwann aufdrehen werden. Dann aber setzt sich der schmächtige Delow plötzlich gegen Münchens Kapitän Nihad Djedovic durch und wird beim erfolgreichen Korbleger auch noch gefoult. Ihm gelingt damit, was Tom Böttcher trotz aller Bemühungen verwehrt geblieben ist. Albas Bank steht auf, jubelt, feuert an. Mit einem Mal glauben selbst die arrivierten Verletzten an den Sieg ihrer jungen Vertreter auf dem Parkett.

Delow macht am Ende nur sechs Punkte, bringt den Berlinern aber viel Energie. Der 22-jährige Bankspieler Louis Olinde schafft sogar 17 Zähler und gibt sich später selbstbewusst: »Wenn wir so spielen wie heute, können wir jeden Gegner schlagen, auch wenn das für den neutralen Beobachter überraschend kommt.«

Überraschend kommt Albas 85:72-Sieg nicht nur für neutrale Beobachter. Bayerns Trainer Andrea Trinchieri zeigt sich besonders enttäuscht: »Es war ein sehr peinliches Spiel. Wir konnten heute gar nichts.« Nachdem die Münchner zu Saisonbeginn im Oktober Alba eine klare Heimniederlage beigebracht hatten, meinte der Italiener noch, die Berliner seien Titelfavorit, immerhin ist Alba ja Meister. Seitdem aber spielten die Münchner besonders in der Euroleague stark, schlugen kürzlich sogar den großen FC Barcelona. Mit einer weiteren Niederlage gegen diese bessere Jugendauswahl aus Berlin hat Trinchieri offenbar vor diesem Abend nicht gerechnet. »Das war eine der schlechtesten Partien in meiner Trainerkarriere«, ärgert er sich. »Wir haben nicht verstanden, dass das hier Alba gegen Bayern war, die Berliner schon.«

Für Bayerns Nationalspieler Paul Zipser ist die fehlende Einstellung seiner Teamkameraden ebenso unverständlich: »Wir spielen in Berlin! Da kann man nicht mit so wenig Energie reingehen. Das passiert mal, aber doch nicht hier!«

Ein Energieproblem hatten die Berliner nicht gespürt. »Wenn wichtige Spieler wie Luke Sikma, Marcus Eriksson oder Niels Giffey draußen sind, bekommen andere Leute mehr Spielzeit«, freut sich Louis Olinde. »Wir müssen dann einspringen. Malte Delow zum Beispiel hat geil gespielt. Wir wissen, dass wir auch mit zehn Leuten ein starkes Team sind. Allerdings geht dann viel über Willen und Energie.«

Genau hier liegt jedoch das Problem. Auf Dauer ist nicht alles mit Willen und Energie lösbar. Allein im Januar stehen für Alba zwölf Spiele an. »Viele überstehen es nicht und verletzen sich. Das sieht man an unserem Kader«, sagt Spielmacher Maodo Lo. »So viel Energie wie heute kann man nicht jedes Mal aufbringen. Man probiert es, aber ab und zu sind die Beine einfach nicht da.«

So besonders wichtig sei der Sieg letztendlich auch nicht gewesen, sagt Berlins Interimstrainer Israel Gonzalez noch. Der Spanier ersetzt derzeit seinen coronaerkrankten Landsmann Aito Reneses. Ihm gehe es gerade nur darum, täglich besser zu werden, um am Saisonende in den Playoffs gut zu sein. So ein Sieg gegen die Bayern dürfte den Jüngeren im Team aber die Sicherheit gegeben haben, auf dem richtigen Weg dahin zu sein.

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