Auf den Hund gekommen

Die Künstlerin Solveig K. Bolduan stellt in der Galerie gräfe art.concept in Berlin aus

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 5 Min.

Mehr Inhalt, weniger Kunst!«. Herrisch geäußert, in Shakespeares »Hamlet« vor reichlich vier Jahrhunderten - geradezu ein Vorgriff auf die einschlägigen Diskussionen in unserer heutigen liberal, antikolonial, demokratial, genderial oder sonstwie-ial ausgerichteten Szene kultureller Akteure. L’art pour l’art ist obsolet, so viel steht fest. Das Diktum selbst steht aber immer noch ein bisschen bedeppert da. Denn der Haken an der Sache, inklusive ihrer aufklärerischen Aufgeschwungenheit, ist: Die Kunst hält sich nicht daran, was das Leben und was oder wer auch immer von ihr erwartet. Das nun, angesichts dieser, herz- und hirndrückenden, Erkenntnis, zuverlässig einsetzende, Hin- und her-Gerede und -Gestaune besagt letztlich nur eins, nämlich, kurzum: Wir sind auf den Hund gekommen.

Man nehme den Hund auf den Arm. Man nehme den Mops auf den Arm. Man lasse den Mops aus dem Fenster hinaussehen. Man lasse den Mopshintern zum Windhundhintern gucken. Man lasse den Windhund Witterung aufnehmen zu gaaanz vielen Artgenossen - in der Kunst-Galerie gräfe art concept am schwabenumwobenen Käthe-Kollwitz-Platz in Berlin. Hundsgemäßer Versammlungsort. Dort, wo, seit etlichen Jahren schon, dank der starke Künstlerhandschriften aufspürenden Hilde Gräfe, des Besuchers Blick-Kontakte, Denk-Prozesse und Emotions-Unikate ein begeisterndes Triumvirat feiern können.

Diesmal hat die in der Lausitz lebende Künstlerin Solveig K. Bolduan die Sache markiert - und ihren Hunden freien Auslauf gelassen. Einer der Möpse liegt harmlos und nähebedürftig im Arm der lebensgroßen Figur gleich am Eingang der Galerie (»Man trägt wieder Hund …«, 2006). Stehenden Fußes und knapp daneben platziert ein weiteres (Stoff-)Tier, mit großzügiger Nadel sorgsam zusammengeflickt (d.h., die Nähte sind mit Überwendstichen und hellem Garn betont). Mit farb- wie volumensicherer Patchwork-Ausstattung sind diese Blick- wie Handschmeichler zwar etwas verschieden von den liebenswerten Exemplaren der Hunde, wie wir sie seit Anbeginn ihrer Menschennähe gemocht haben: Sie bellen nicht, halten ihren Schwanz still. Sie sind aber sehr beredt. Wie auch immer, der canis lupus familiaris, der derzeit auf der Welt vorkommt, mitsamt seinen Geschwistern, die allesamt gegenwärtig rund eine Milliarde ausmachen, er ist treu. Er ist das Sinnbild für Treue, und so versteht er, weil und insofern er glücklicherweise als Solveig-Bolduan-Kreation zur Welt kam, sich bestens mit den anderen Seh-Angeboten in der Galerie.

Man kann nicht genug bekommen vom getreuesten Freund des Menschen - wenngleich er auch mal unverhofft zuschnappen kann. Und dessen astronomische Ausdeutung man nicht unbedingt bis ins Letzte auskosten möchte. So viel immerhin ist wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis: Wer, in Vorzeiten, einen Hund an seiner Seite hatte, war den Hundelosen auf jeden Fall im Vorteil. Fragt man sich also, mit wem man es hier gerade zu tun hat. Der Bolduan-Hund macht sich nichts daraus, er ist schön und schick.

Das Getümmel in der Galerie hat er gratis. Denn neben ihm kommen kleine Reiterinnen auf Pferden ins Spiel oder kleine Pferde mit Reiterin oder Ziegen mit spitzigen Hörnern - zum Glück all das aus bemaltem Holz. Gut gepolstert jedoch erscheint eine großäugig glotzende Ziege, deren unvergleichlicher Charme sie in der Galerie leider auch unverkäuflich werden ließ. Diese unverschämt entzückende Ziege, deren raffinierte Komposition durch Stoffwahl wie durch Farbauftrag bereits beim ersten Wahrnehmen erlebbar wird, lebensgroß ist sie und - zickig. Wenn sie nicht Bolduans Ziege wäre, müsste sie, so wünschte ich es mir, mein Lebenstürwächter sein.

In der Ausstellung gehört die Ziege zu den (im Grundaufbau: hölzernen) Plastiken, die auch auf ihrem Stoffpolster ein Hauch Farbe umgibt. Markant in jeden Fall, selbst wenn es textillos zugeht: Auf die Schnittkanten des Holzes, die die Konturen umgrenzen und betonen, sind schmale, dunkle Linien gesetzt, ähnlich den gefädelten Maserungen der »Stofftiere«. Sie zeichnen Volumina nach, richten und bestimmen den Eindruck von Statik und Dynamik, und das Ganze funktioniert hier wie in jedem möglichen anderen räumlichen Zusammenhang überdies als, schlicht und ergreifend gesagt, Hingucker. Den Tierplastiken ist noch allerhand mehr Beschauens-, Bedenkens- und Empfindenswertes beigegeben. Zum Beispiel die jedem Gerhard Richter das Wasser reichenden »Schichtenlandschaften« in Mischtechnik auf Textil. Die melancholisch anklingende Malerei, ein attraktives Farb- und Formenspiel, erinnert an die vom Kohletagebau gekennzeichnete Landschaft der Lausitz. Oder die abstrakten »Wendebilder« in Mischtechnik und (vielleicht subversiv) bestickt, die sowohl mit Vorder- als auch Rückseite des Bildes gleichermaßen den Blick einfangen und ihn der Fantasie übergeben. Überdies die nachdenklichen und zartfühlenden Natur- und Landschaftsimpressionen in Tusche auf mehren Lagen Transparentpapier. Und - mit der Kunst an der Wand und den Hundeansammlungen glücklich konkurrierend - zartfarbige oder schwarz-weiße Holzskulpturen, Porträts und Ganzfiguren, die durch individuellen Ausdruck der Gesichter und fantasievoll Historie aufnehmendes und prägnant wirkendes additives Material etwas Besonderes unter der gegenwärtigen figürlichen Holzbildhauerei in Deutschland darstellen.

Scheinbar beiläufig entstanden, bei näherer Wahrnehmung jedoch von sehr reichem substanziellen Gehalt und der Form nach unbekümmert extrovertiert unter dem sicheren Augenschmaus-Gefilde in der Galerie: Das (je nach individueller Veranlagung des Betrachters unterschiedlich gemessen) Staunenswerteste ist eine Installation von origineller Architektur, einer Hochhauslandschaft. Was da aus feinsten Leisten und Latten, Quadern und Platten entstand, weiß angestrichen, da und dort schwarzlinig angehaucht, fragil und dennoch selbstbewusst sich in die Luft hinaufreckend, erscheint als Modell der Skyline von Shanghai. Oder von New York. Oder von … So sehr auch sie in ihrer architektonischen Vulnerabilität ein Als-ob-Spiel bleiben, vermitteln doch die schlanken, vielfenstrigen, erdabgehobenen Utopia-Gebilde den Eindruck, sie seien (Un-)Orte einer Zukunft, die man nicht erleben mag.

»Solveig K. Bolduan: Man trägt wieder Hund ...«, bis 27. 3., gräfe art.concept. Die Schau ist online zu sehen und ggf. nach telefonischer Vereinbarung in Abh. von den jeweils geltenden Coronabestimmungen. Mehr Infos unter: www.graefe-art.de.

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