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Umarmen oder nicht?

Wissenschaft und gesunder Menschenverstand konkurrieren in der Pandemie um die besten Erkenntnisse über eine Alltagsgeste

  • Von Silvia Ottow
  • Lesedauer: 4 Min.
Corona: Umarmen oder nicht?

Umarmungen waren Großmutters Sache nicht. Kam ich als Studentin mit dem Zug aus der Stadt, stand sie erwartungsfroh auf dem kleinen Dorfbahnhof und hielt nach mir Ausschau. Ich rannte nach dem Aussteigen auf sie zu, drückte ihren Kopf an meine Brust und quetschte ihre zarten Schultern in meine Arme. Ihre jedoch hingen senkrecht und vollkommen unbewegt an der sauberen Dederonschürze herunter. Ihre Augen strahlten. Und ich wusste, wie sehr sie sich freute, auch ohne dass ihr Körper meinen Gefühlsausbruch erwiderte.

Heute umarmen sich nicht nur Mutter und Kind, Enkel und Oma, Freundin und Freund oder Liebende. Auch Geschäftspartnerinnen, Teamchefinnen, der Fitnesstrainer, die Blumenhändlerin, Bekannte oder Nachbarn; sogar Menschen, die man nie zuvor gesehen hat, werden umhalst und geküsst. Tiefe Zuneigung ist keine zwingende Voraussetzung für diese doch im Grunde sehr intime Geste. Der Angriff auf die Haut des Gegenübers mauserte sich zum Ritual, mitunter oberflächlich und gedankenlos ausgeführt. Es geht schnell, man muss dem anderen nicht einmal in die Augen sehen. Wer ist nicht auf diese Weise schon einem Menschen nahe gekommen, den er eigentlich nicht ausstehen kann? Und schert jemand aus und bleibt distanziert, kann ihn schnell Argwohn treffen oder gar der Vorwurf der Überheblichkeit.

Körperliche Nähe hat, wie wir inzwischen wissen, durchaus eine positive Wirkung auf die physische und psychische Gesundheit des Menschen. Sie erzeugt Wärme, stärkt die Immunabwehr und stabilisiert die Gefühlslage. Untersuchungen haben den gesunden Menschenverstand in diesem Fall bestätigt. Leider führte das aber auch zu einer inflationären Beschäftigung mit dem Thema, in einigen Fällen zu einer Aufladung einer kleinen Alltagsgeste mit einem Übermaß an Wissenschaft.

So untersuchten Biopsychologen der Ruhr-Universität Bochum um Packheiser, Rook und Ocklenburg vor einigen Jahren, wie sich Menschen umarmen. Sie fanden heraus, dass sie das in emotional aufgeladenen Situationen öfter linksseitig tun als in neutralen Zusammenhängen. Dies erklären sie sich mit der Verarbeitung von Gefühlen in den jeweiligen Hirnhälften. Darüber hinaus haben sie festgestellt, dass auch die Händigkeit und Füßigkeit der Beteiligten (Original-»Wissenschaftssprech« von der Internetseite der Universität) Voraussagen zulässt, welche Hand bei der Umarmung oben ist. Jeder Mensch mag selbst entscheiden, wie wichtig ihm diese Informationen sind.

Das gilt in gewisser Weise auch für die Umarmungsratschläge der US-Wissenschaftlerin Linsey Marr in der gegenwärtigen Pandemiezeit. Wer eine Mund-Nasen-Maske trägt, den anderen nur kurz berührt, dabei vielleicht sogar die Luft anhält und dem Umarmten über die Schulter schaut, statt ihn anzusehen, gehe nur ein geringes Infektionsrisiko ein, sagt sie. Marr habe das ausgerechnet, berichtete die »Süddeutsche Zeitung«. Entscheidend sei nach Meinung der Expertin für Aerosole die Haltung der Köpfe zueinander. Die Umarmenden sollten sich nicht anschauen, weil es sonst die Tröpfchen, die doch durch die Maske entwischten, nicht weit hätten. Kleinere Kinder könnten von oben umarmt werden, während sie die Beine des Erwachsenen umschlängen. Dieser solle unbedingt zur Seite schauen, nicht auf das Kind herab, könnten doch sonst entwichene Tröpfchen auf das Kind fallen.

Es sei wichtig, dass Wissenschaftler Verhaltensregeln geben, mit denen das Bedürfnis nach Berührung befriedigt werden könne, bestätigt der Kölner Infektiologe Gerd Fätkenheuer seine Kollegin Marr. Er verweist auf eine aktuelle Studie aus den USA, die aufzeigt: Das Depressionsrisiko von Menschen, die regelmäßig andere Menschen getroffen, geküsst oder umarmt haben, ist um 26 Prozent geringer als bei der Gruppe ohne Kontakte. Peter Walger von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene sagt: Umarmen ist wichtig. Doch wir sollten unser Gegenüber gut kennen.

Das hätte meiner Großmutter gut gefallen. Wenn ich ihre Arme zur Begrüßung um meine Taille schlang und die alte Dame gewissermaßen zwangsumarmte, konnte sie lachen, bis ihr die Tränen über die Wangen liefen.

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