Fleischlos gegen die Klimakrise

Der Fleischatlas 2021 untersucht Konsumgewohnheiten von jungen Erwachsenen

  • Von Haidy Damm
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Fleischkonsum in Deutschland nimmt langsam ab. Lag er 2013 laut der UN-Organisation für Ernährung (FAO) noch bei rund 86 Kilogramm pro Jahr, sind es derzeit knapp 60 Kilogramm jährlich. Klimawissenschaftlichen Empfehlungen zufolge sollten jedoch durchschnittlich nur 15 Kilogramm pro Kopf und Jahr gegessen werden. Denn ein hoher Fleischverbrauch befördert die Klimakrise, das ist überwiegend unbestritten. So steht es auch im Fleischatlas 2021, den der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung am Mittwoch in Berlin vorgestellt hat.

»Wir erleben einen Bewusstseinswandel in der jüngeren Generation«, sagte Barbara Unmüßig vom Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung bei der Vorstellung des Berichtes. Demnach lehnen mehr als zwei Drittel der jüngeren Generation die heutige Fleischindustrie ab. Sie sehen in der Fleischproduktion eine Bedrohung für das Klima und ernähren sich häufiger vegetarisch und vegan. »Doch viel entscheidender ist: Eine Mehrheit von über 80 Prozent sieht vor allem die Politik in der Pflicht, endlich für eine bessere Tierhaltung und eine klimafreundliche Ernährung einzutreten«, so Unmüßig. Über 70 Prozent der Befragten sagen, der Staat solle Konsument*innen darin unterstützen, sich klimafreundlich zu ernähren. Ebenso viele unterstützen die Aussage, dass es in der Werbung mehr Bilder geben soll, die tatsächliche Produktionsbedingungen zeigen. Rund 80 Prozent fordern die Politik auf, dafür zu sorgen, dass Lebensmittel umweltgerecht produziert werden. Knapp 60 Prozent sehen eine große Verantwortung des Lebensmittelhandels gegenüber den Landwirt*innen.

Die Politik müsse dem Wunsch nach Umbau der Tierhaltung Rechnung tragen, sagte Olaf Bandt, Vorsitzender des BUND. »Niedrige Preise machen es den Bäuerinnen und Bauern schwer, auf die wachsenden Forderungen nach mehr Umweltschutz und mehr Tierwohl zu reagieren. Daher sind die derzeitigen Proteste der Bäuerinnen und Bauern gegen die Preispolitik des Lebensmitteleinzelhandels vollkommen richtig«, so Bandt.

Das Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit in der Schlachtindustrie, das bereits zu Jahresbeginn bundesweit zu rund 12 300 Festanstellungen bei den großen Unternehmen der Branche geführt hat, sei »ein gutes Zeichen«, so Unmüßig. »Ein Ende der Ausbeutung markieren sie aber nicht. Die wirtschaftlichen Interessen der milliardenschweren Fleischindustrie und die Reformverweigerung der Politik halten uns auf einem dramatischen Irrweg.«

Die Hoffnung liege auf der jüngeren Generation, die Klimakrise und Artensterben zusammendenken. 10,4 Prozent der 15- bis 29-Jährigen ernähren sich vegetarisch, 2,3 Prozent vegan. Zusammen verzichten damit knapp 13 Prozent dieser Altersgruppe auf Fleisch - rund doppelt so viel wie anteilig in der Gesamtbevölkerung. Weniger Fleisch essen zudem rund 25 Prozent der Jüngeren. Flexitarier*innen essen nur manchmal Fleisch, vor allem in Gemeinschaft, und dann solches, von dem sie wissen, wo es herkommt. In die Zukunft geschaut, wollen von denen, die heute Fleisch essen, 44 Prozent künftig den Konsum reduzieren, das gilt besonders für die jüngeren Befragten.

Vor allem ist ein Geschlechterunterschied auszumachen. Fleisch scheint noch immer mit Männlichkeit verbunden zu sein - so sind es in allen Gruppen rund 70 Prozent Frauen, die dem Konsum von Tieren kritisch gegenüberstehen. Insgesamt gebe es aber »nur erstaunlich geringe Unterschiede bei den soziodemografischen Merkmalen«, heißt es in der Studie. Auch eine Spaltung zwischen Stadt und Land habe die Umfrage nicht ergeben.

Auffallend sei, wie stark der Fleischkonsum mit politischen Einstellungen verknüpft ist: »Wer wenig Fleisch konsumiert, ist umwelt- und insbesondere ernährungs- und tierschutzbewusster.« Bei den Veganer*innen sehen sich 75 Prozent als Teil der Klimaschutzbewegung, bei den Vegetarier*innen fast 50 Prozent. Zum Vergleich: Unter den Fleischesser*innen sind es nur 15 Prozent.

»Ganz offensichtlich ist der Fleisch- oder Nicht-Fleischkonsum heute ein stark politisches Thema, keine private ›Geschmacksfrage‹«, heißt es in der Studie. Denn es wird auch politisch agiert: 42 Prozent der Befragten, die sich vegetarisch ernähren und sogar 63 Prozent derjenigen, die vegane Ernährung bevorzugen, engagieren sich gegen Lebensmittelverschwendung; bei denen, die nicht auf Fleisch verzichten, sind es nur 29 Prozent.

Doch auch wenn die jüngere Generation nicht nur über eine Agrarwende nachdenkt und sowohl ihre Konsumgewohnheiten ändert wie auch politisch aktiv ist: Weltweit prognostiziert die FAO weiter einen wachsenden Fleischverbrauch. Ohne Kurswechsel wächst die Fleischproduktion bis 2029 noch einmal um 40 Millionen Tonnen auf dann insgesamt 360 Millionen Tonnen Fleisch pro Jahr. Die Struktur wandelt sich dabei weiter zu weniger Betrieben mit mehr Tieren.

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