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Bremsen, um schneller zu sein

Skirennläufer Linus Straßer fährt mit 28 zu seinem ersten Weltcupsieg

  • Von Elisabeth Schlammerl, München
  • Lesedauer: 4 Min.
Skirennlauf: Bremsen, um schneller zu sein

Das Gefühl, weit über dem Boden zu schweben, wollte für Linus Straßer gar nicht mehr aufhören, auch am Tag darauf nicht. Allerdings war da nicht mehr nur ein Hochgefühl, wie man es spürt, wenn man gerade etwas ganz Unerwartetes, unglaublich Schönes erlebt hat, sondern es ging tatsächlich in die Luft. Der Weltverband Fis hatte ein Flugzeugshuttle organisiert, das die Skirennläufer am Donnerstagvormittag aus Kroatiens Hauptstadt Zagreb in die Schweiz nach Adelboden brachte. Im Berner Oberland findet an diesem Freitag bereits das nächste Weltcuprennen statt. Straßer hat allerdings noch ein bisschen Zeit, um den Sieg zu genießen, der ihm beim Slalom am Mittwoch gelungen war. Er startet nicht bei den beiden Riesentorläufen auf dem Chuenisbärgli am Freitag und Samstag, sondern erst wieder am Sonntag beim Slalom.

So dürften ihm die Emotionen seines Erfolges noch einmal durch den Kopf gegangen sein. Wie es ist, bei der Siegerehrung ganz oben dem Podest zu stehen und die Nationalhymne zu hören, kannte er zwar schon; er gewann schließlich vor knapp vier Jahren schon mal ein Parallelrennen in Stockholm. Aber die öffentliche und auch die eigene Wertschätzung ist für einen Triumph im Spezialslalom eben doch viel größer. Als Straßer im Schnee am Fuße des Bärenberges kniete, war er ergriffen, das ließ sich trotz Maske nicht verbergen. Es sei »surreal«, sagte er hinterher. »Sehr emotional und sehr schön.«

Straßer ist nun dort, wo er immer hinwollte, wo jeder Skirennläufer, jeder Sportler mal hinwill. Aber der Weg war steinig. »Er hat einiges mitgemacht«, sagt Felix Neureuther, bis Mittwoch letzter deutscher Slalomsieger. Als der Münchner Straßer, der für den TSV 1860 startet, 2015 bereits nach nur einer Handvoll Weltcuprennen zwei Top-Ten-Platzierungen und einen zehnten Rang bei der WM zu Buche stehen hatte, galt er als Versprechen für die Zukunft, die nähere Zukunft, auch weil er ein wenig an Felix Neureuther erinnerte.

Vor allem in seinem Fahrstil ähnelte er dem Vorbild, der zwischen den Toren jahrelang oft etwas zu viel gezaubert hatte, ehe er Technik und Talent in Einklang bringen konnte. Der deutsche Cheftrainer Christian Schwaiger bezeichnete den Stil von Straßer in dessen ersten Weltcupjahren deshalb als »tickende Zeitbombe«, weil er zwar extrem schnelle Schwünge fahren konnte, aber immer Gefahr lief auszuscheiden.

Straßer hatte damals gedacht, so erzählte er einmal, »es geht einfach so weiter«, weiter nach oben, aber das war dann auch der erste Schritt nach unten. Irgendwann wurden die schnellen Schwünge weniger, und die Pannen häuften sich. Neureuther erinnert sich daran, dass Linus Straßer im Training oft der Schnellste war. »Er dachte, er ist der Beste, das war er ja auch, aber das dann von der Trainingssituation in den Wettkampf rüberzubringen ist nicht so leicht.« Dazu kam die Erwartungshaltung, die eigene, aber auch die des Umfelds, die nach dem guten Start gestiegen war.

Es hat dann ein paar Jahre gedauert, bis Straßer zu sich selbst fand. »Als deutlich reflektierter« bezeichnet der mittlerweile zurückgetretene Neureuther den früheren Kollegen. Mit nun 28 Jahren hat sich der neue deutsche Vorläufer emanzipiert. »Er ist selbstständiger geworden, erwachsener«, stellte Neureuther zuletzt fest.

Akribisch hat Straßer außerdem in den letzten beiden Jahren an seinem Stil gefeilt, »einige Dinge umgestellt«, wie Trainer Schwaiger sagt. Statt wie früher zwischen den Stangen zaubern zu wollen, konzentriert er sich jetzt auf die perfekte Position auf den Ski. Er scheint genau zu wissen, wo er attackieren muss und wo es zielführender ist, das Tempo ein wenig einzubremsen. Dabei hatte er in der Vorbereitung auf diese Saison dreieinhalb Monate wegen einer Entzündung der Quadrizepssehne pausieren müssen und war deshalb mit Trainingsrückstand bei den ersten Slaloms vor Weihnachten angetreten. In Alta Badia tastete er sich noch heran, landete auf dem 18. Platz. In Madonna di Campiglio einen Tag später zeigte er als Sechster bereits, dass sein System funktioniert. Vor dem Start in Zagreb habe er sich gar nicht so gut gefühlt, »mir ist ein bisschen das Feuer abgegangen«, sagte Straßer. Vielleicht ganz gut, wie er feststellt, denn: »Wenn man es so sehr will, passiert es meistens nicht. Und wenn man es passieren lässt, dann passiert es.«

In Adelboden am Sonntag will er es wieder passieren lassen. Als Favorit sieht er sich nicht bei seinem Lieblingsrennen. »Die Dichte ist so hoch. Bei den drei Slaloms gab es drei verschiedene Sieger«, sagt er. Straßer weiß längst, wie schwer es ist, oben zu bleiben.

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