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Partisanen ziehen sich aus dem Netz zurück

Die Onlinezeitung Trend-Infopartisan war eine Plattform für konträre Positionen in der linken Szene

  • Von Peter Nowak
  • Lesedauer: 3 Min.
Bei diesem Anblick bekommen viele nd-Redakteur*innen nostalgische Gefühle. Sie auch?
Bei diesem Anblick bekommen viele nd-Redakteur*innen nostalgische Gefühle. Sie auch?

Eine weitere linke Onlineplattform beendet ihre Arbeit. Die angekündigte Einstellung der Netzzeitung Trend-Infopartisan hat zu manchen nostalgischen Rückblicken geführt, die in der letzten Ausgabe dokumentiert wurden. Schließlich wurden dort mehr als 25 Jahre linke Texte und Debattenbeiträge publiziert, die in anderen Foren zu heftigen Auseinandersetzungen oder gar Trennungen geführt hätten. »Auf Trend-Infopartisan wurden Positionen von antideutschen Gruppen ebenso veröffentlicht wie Beiträge von antiimperialistischen Initiativen und das zu einer Zeit, in der sich beide Strömungen massiv bekämpften«, erklärte eine langjährige Nutzerin der Onlinezeitung, die nicht namentlich genannt werden will.

Dabei war die Gründung der Onlinezeitung lediglich ein Notbehelf. Seit den 1980er Jahren gaben Mitglieder der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) aus Berlin-Kreuzberg unter dem Namen »Trend« ein gedrucktes Heft heraus, das im Stile vieler linker Publikationen jener Jahre gestaltet war. Ihrem Titel wurden sie insofern gerecht, als dort bereits 1985 über Smog und Umweltverschmutzung in den Städten informiert wurde.

Weil sich die Macher*innen von »Trend« ihre politische Linie nicht vorschreiben lassen wollten, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. Der Kreuzberger GEW-Vorstand ließ eine Ausgabe einstampfen und strich der Redaktion die finanziellen Mittel. Doch die Autor*innen erkannten früh den Trend ins Internet. »Die Redaktion, deren Mitglieder sich selbst als alte 68er bezeichnen, wollte weiter ein linkes Magazin machen und schloss sich dem großen Treck in den Cyberspace an«, beschrieb der Medientheoretiker Tilman Baumgärtel die Entscheidung der vier Westberliner GEW-Mitglieder.

Sie brachten sich selber HTML bei - eine Art Sprache, mit der Seiten für das Internet geschrieben werden. Am 18. Januar 1996 erschien die erste Ausgabe von »Trend« im Internet auf dem Server des Online-Dienstes CompuServe, bei dem sich Kunden eine eigene Homepage einrichten konnten. 25 Jahre später ist von den »Trend«-Gründer*innen der ersten Stunde nur noch Karl-Heinz Schubert übrig geblieben. Umzüge, politische Neuorientierungen oder Überarbeitung waren die Gründe für den Rückzug. Der mittlerweile pensionierte Berufsschullehrer Schubert hatte in den letzten Jahren nicht nur die regelmäßig aktualisierte Onlinezeitung verantwortet. Immer wieder startete er auch Diskussionsforen wie die »Trend«-Nachtgespräche, in denen die politisch konträren linken Positionen vorgestellt und diskutiert wurden.

Zudem hat Schubert auch einen Fundus historischer Dokumente über die Linke nach 1968 digitalisiert und auf die Domain Partisan.net gestellt. »Diese sollte eine strömungsübergreifende Veröffentlichungsplattform für linke Politik werden und die autistischen Dialoge linker/linksradikaler Kleinstgruppen überwinden helfen«, so Schubert.

Viele der linken Kleingruppen, deren Texte von zwei Jahrzehnten auf Partisan.net dokumentiert wurden, haben sich längst aufgelöst. Doch ihre politischen Überlegungen können noch immer nachgelesen und diskutiert werden. Ab Februar wird die »Trend«-Onlinezeitung gemeinsam mit der Domain Infopartisan und ihren Archiven unter den Titel »Archive für linke Politik« weiter bestehen.

Alle bisherigen URLs bleiben erhalten, kündigte Schubert an. Freuen wird das auch manche Forscher*innen zur linken Geschichte. In zahlreichen Büchern der vergangenen Jahre, die sich aus soziologischer oder historischer Perspektive mit der Geschichte der Linken ab 1968 befassen, ist Partisan.net schon längst zu einer wichtigen Quelle geworden. Es bleibt zu hoffen, dass sie in Zukunft nicht nur von Forscher*innen, sondern auch von linke Gruppen genutzt wird.

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