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Viele kleine Stiche

Eltern erzählen vom Rassismus, den ihre Kinder in Kita und Schule erleben.

  • Von Mascha Malburg
  • Lesedauer: 5 Min.

Der Elternabend beginnt mit einer Vorstellungsrunde: »Mein Name ist Franzi und mein Sohn geht in die erste Klasse.« Kurz stockt die Mutter. Dann sagt sie: »Also mein Sohn ist Schwarz. Und ja, in der letzten Woche gab es dann auch den ersten rassistischen Vorfall in der Schule, von dem er mir berichtet hat.«

Die Eltern, die sich an diesem Dezemberabend über Zoom verabredet haben, wollen über mehr sprechen als Noten und Klassenfahrten. Aber bei den schulischen Elternabenden ist es nicht so leicht, die Erfahrungen zu thematisieren, die sie alltäglich mit ihren Kindern machen. »So wie euch geht es vielen«, sagt Majoub zu Beginn. Er betreut mit dem migrantischen Verein Narud Familien im Wedding. »Auch ich halte jedes Mal die Luft an, wenn mein Kind von der Schule nach Hause kommt.«

Die meisten in der Runde haben noch kleine Kinder, die Jüngsten gehen erst seit einigen Monaten in den Kindergarten. Und doch kann jeder hier eine Geschichte erzählen - von weinenden Töchtern, die plötzlich glatte Haare haben möchten, von Erzieherinnen, die sich freuen, dass der Kleine »ja gar nicht so dunkel wie sein Papa« ist. Von Mitschülern, die »schmutzig« rufen oder Wörter, die man nicht wiederholen will. Von Englischlehrern, die sich über die »Urwaldaussprache« lustig machen. Von Arbeitsblättern, auf denen das Heimatland als rückständig beschrieben wird: »Die Menschen in Gambia leben in Hütten und haben kein sauberes Wasser«, stand da, erzählt eine schockierte Mutter - und das alles mitten im angeblich so bunten und weltoffenen Berlin.

»Rassismus kommt eben nur äußerst selten als gewaltvolle Attacke daher - häufiger sind die vielen kleinen verbalen Stiche«, kommentiert Jasmin Mouissi. Für ihre Doktorarbeit hat die Sozialarbeiterin Eltern interviewt, deren Kinder Rassismus erfahren. »Ein Großteil der Vorfälle, von denen mir berichtet wurde, fanden in der Kita und der Schule statt«, erzählt sie. Es sei dann wie mit den Moskitos: Einen Stich verkraftet man, aber von vielen werde man krank: Die Kleinen klagen über Kopf- und Bauchschmerzen, wollen morgens nicht mehr aufstehen.

»Jeder Mensch möchte genau so akzeptiert werden, wie er ist«, sagt Mouissi. Genau das werde Schwarzen Kindern in einer weißen Mehrheitsgesellschaft schon im frühesten Alter verwehrt. Dass sie dies verinnerlichen und sich wünschen, wie ihre weißen Freunde auszusehen, sei ganz normal. Ganz normal - aber eben nicht egal. Immer wieder versichern sich die Eltern an diesem Abend, dass auch die kurzen Blicke, die kleinen Gesten und Wörter verletzen können. Erzählt einer, nicken die anderen.

»Rassismus ist leider etwas ganz Alltägliches«, sagt auch Mouissi. Aber viele, die ihn nicht erleben, schieben »das R-Wort« ganz weit von sich weg, dorthin, wo sie ein paar böse Glatzköpfe vermuten. Deshalb sei es so schwer, diesen Menschen zu spiegeln, wenn auch sie sich rassistisch verhalten, erklärt die Sozialarbeiterin.

Gerade im Kontext Schule sei diese Verdrängung ein Riesenproblem. Allein in Berlin tragen 115 Gebäude ein weißes Schild mit der Aufschrift »Schule ohne Rassismus« - dort dann reinzugehen und zu erzählen, dass das eigene Kind rassistisch beleidigt wurde, bedeutet eine große Überwindung, sagt Mouissi. Nicht selten werde die Erfahrung abgewiegelt: »Sie sind die Erste, die sich hier beschwert«, habe eine Direktorin zu einer der Befragten gesagt. »Der Lehrer ist doch ein alter Hase, mit dem war noch nie was.«

Für genau solche Fälle hat Berlin 2016 die bundesweit erste Stelle einer Antidiskriminierungsbeauftragten mit Saraya Gomis besetzt. Sie kümmerte sich um fast 700 Fälle - und veröffentlichte unangenehme Zahlen: Am häufigsten gehe Diskriminierung von Lehrer*innen und Erzieher*innen aus. Bei einem Besuch an einer Schule schallten ihr danach Affenlaute im Flur entgegen. Eine Lehrerin demonstrierte vor der Schulbehörde in Affenmaske gegen Gomis’ Einschreiten. Nach drei Jahren verließ sie den Posten. Eine »Zeit«-Recherche legt nahe, die Senatsverwaltung habe Saraya Gomis nach dem rassistischen Vorfall nicht genug unterstützt, ihre Arbeit sei immer wieder torpediert worden. Ihr Nachfolger Derviş Hızarcı ging nach nur einem Jahr. »Wenn ich nicht wirken kann, bleibe ich nicht«, hatte er der »Taz« gesagt.

Seit September 2020 ist die Stelle der Antidiskriminierungsbeauftragten unbesetzt. Ruft man bei der Senatsbildungsverwaltung an, heißt es, Schüler*innen könnten sich in der Zwischenzeit an das Beschwerdemanagement und die Antimobbingbeauftragte wenden. Auf der Webseite lächeln einem zwei weiße Frauen entgegen.

»Wir müssen selbst unsere Kinder wappnen für den Umgang mit Rassismus«, rät Mouissi den Eltern aus dem Wedding. Das bedeutet in erster Linie, sie zu bestärken: »Lest ihnen die Geschichte der Aschanti-Königin vor, die gegen die Kolonialisierer gekämpft hat, erzählt ihnen von Anton Wilhelm Amo, dem ersten Schwarzen Philosophen in Deutschland. Unsere Kinder kommen in den Heldengeschichten, die sie in den Medien sehen, kaum vor. Sie erkennen sich nicht in den schönen Puppen und der Polizistenfigur im Kindergarten.«

Ein Vater meldet sich. Er habe vor Kurzem einen Onlineshop gefunden, in dem man auch Schwarze Puppen kaufen kann. Auch Hautfarbestifte gebe es da, in zwölf Farben. »Warte, das muss ich mir aufschreiben«, sagt eine Erzieherin, die dazugekommen ist.

Schwarz großgeschrieben ist eine Eigenbezeichnung von Menschen, die von Rassismus betroffen sind.

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