Bürsten auf Bestellung: Die Kuh scheint es zu schätzen.
Landwirtschaft

Der Blick durch die Kuhbrille

Digitalisierung und Roboter drängen mehr und mehr auch in landwirtschaftliche Arbeitsprozesse

Von Dierk Jensen

Es ist wohlig warm im Stall von Ignatz Heeremann. Die Kühe kauen zufrieden ihr Futter. Im neuen Gebäude sorgen Markisen an den Seitenwänden, die über Sensoren ferngesteuert hoch- oder runtergefahren werden, für optimale Raumtemperaturen. Überdies kontrolliert ein kleines Messgerät oberhalb der Spaltenböden permanent Methan- und Ammoniakwerte. Ein rotierender Roboter dreht auf dem Futtertisch stumm seine Runden und schiebt Grassilage in die Tröge. Seine »Kollegen«, insgesamt acht, tun ihren Dienst nach vorprogrammierter Eingabe: Es sind Melkroboter, die die Saugnäpfe behutsam und zielsicher an die prallen Euter führen.

Milch fließt reichlich - Daten ebenso. Diese landen im Büro von Milchviehhalter Heeremann, wo pro Schicht zwei seiner Mitarbeiter über mehrere Bildschirme die Produktion der 400-köpfigen Milchviehherde minutiös überprüfen. Auch die Gesundheit der Tiere wird individuell überblickt: Körpertemperatur, Gewicht, Blut-, Hormon- sowie Säurewerte im Pansen sind nur einige von vielen Daten, die in Echtzeit in eine Datenbank übermittelt und mit Software grafisch aufbereitet werden.

So oder so ähnlich wird mittlerweile auf vielen Milchviehbetrieben gearbeitet. Wenngleich dies zwar noch kein Standard auf allen Milchviehbetrieben zwischen Nordfriesland und Berchtesgaden ist, geht doch die Entwicklung mit hohem Tempo dahin. So soll schon mindestens in jedem fünften Kuhstall ein Melkroboter im Einsatz sein. Tendenz steigend. Selbst auf Biohöfen mit Weidewirtschaft. Ohnehin: Rund 40 Prozent aller Landwirte arbeiten inzwischen mit Agrar-Apps für Smartphones oder Tablets.

»Unsere Kühe finden die Roboter gut, fühlen sich durch deren Konstanz wohl. Vielleicht sogar wohler, als wenn wir selbst Hand anlegen würden, unterliegen wir doch Stimmungsschwankungen, die sich auf die Tiere übertragen«, erzählt der junge Landwirt Lasse Hartmann aus dem Raum Lüneburg. »In unserem Stall haben wir daher eine sehr ruhige und entspannte Herde, was sich letztlich auch positiv auf die Milchleistung auswirkt.«

Diese automatisiert-digitalen Arbeitsvorgänge strahlen auch auf die Tätigkeit von Tierärzten aus. »Das sind Entwicklungen unserer Zeit, die sind nicht aufzuhalten«, sagt Veterinärmediziner Siegfried Moder, »man muss zwar bei Weitem nicht alles per se gutheißen, und die Digitalisierung bringt, allein betrachtet, noch keinen Vorteil in der Tierhaltung, doch bietet eine fachgerechte Auswertung der Daten, die man durch Sensoren und Kameras erhält, für die Prophylaxe und so am Ende auch für die Tiergesundheit große Chancen.« So ist Moder, Präsident des Bundesverbandes Praktizierender Tierärzte e. V. (bpt), in der rund 9000 Tierärzte organisiert sind, ein Befürworter der Digitalisierung. Für den 63-Jährigen ist es daher selbstverständlich, mit dem Laptop unterm Arm auf den Höfen zu agieren. »Aber wie schon gesagt, letztlich kommt es immer darauf an, was sie aus den Daten, die sie aus den digitalen Anwendungen gewinnen, am Ende machen, welche Maßnahmen sie daraus ableiten.«

Moder gibt Beispiele: »So können sie anhand einer Temperaturmessung an der Oberfläche eines Saugnapfes rechtzeitig erkennen, ob ihre Kälber gesund sind oder ob sie im Begriff sind zu erkranken. Oder nehmen sie ›intelligente Ohrenmarken‹, die zum einen eine schnelle Ortung der Tiere ermöglichen, aber auch anzeigen, ob eine Kuh brünstig ist, oder sich etwa eine Euterkrankheit anbahnt.« Diese neuen Ansätze des individuellen Monitorings von Tieren in einer großen Herde, so Moder weiter, offerieren ganz neue Optionen und Qualitäten der tiermedizinischen Betreuung und Diagnostik. Von daher könnte die fortschreitende Telemedizin, respektive Digitalisierung, dazu beitragen, dass Tierärzte und Landwirte im Interesse der Tiergesundheit wieder mehr zusammenrücken. »Es kommt doch auf die Lebenseffektivität und damit auch auf die Lebenszeit der Kühe an, die leider im Durchschnitt keine drei Laktationen mehr andauert«, setzt Milchviehexperte Moder auf eine Abkehr eines zu einseitigen Schielens auf Leistung.

Apropos Schielen. Die Kuhbrille, die am Landwirtschaftlichen Bildungszentrum (LBZ) im niedersächsischen Echem entwickelt wurde, bietet auf jeden Fall einen Perspektivwechsel. Wer dieses futuristische Gerät vor die Augen schnallt, der sieht alles aus der Sicht einer Kuh: Zweifarbig, extrem kontrastreich, mit einem Sichtfeld von 330 Grad, wovon aber nur ein relativ schmales Segment scharf ist und obendrein mit einer wesentlich langsameren Anpassungsfähigkeit der Iris. Um all dies optisch zu simulieren, braucht es eine hochkomplexe Software, wie Projektleiter Benito Weise verrät. Wenn er zwischen den Kühen in den Ställen des EBZ herumstakt, dann mag es für den Betrachter fast ein bisschen albern ausschauen, aber diese Brille gibt jedem Halter wichtige Einblicke darin, weshalb die vermeintlich »dumme Kuh« so gar nicht dumm ist. »Wer durch diese Brille schaut, erhält ein tieferes Verständnis für die Kuh, entwickelt eine neue Empathie zum Tier«, unterstreicht Weise, der die Brille sowohl den landwirtschaftlichen Auszubildenden in Niedersachsen als auch den Klauenpflegern näherbringt. Dabei sei, so Weise weiter, nicht nur die andersartige visuelle Wahrnehmung von Bedeutung, auch die Geräuschkulisse im Stall spielt für das Wohlbefinden eine herausragende Rolle, deshalb arbeitet man in Echem auch an der Entwicklung eines »Kuhohres«: »Gerade die Frequenzen, die der Mensch gar nicht mehr wahrnimmt, können von den Kühen als sehr störend erlebt werden.«

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