»Hartz IV ist der größte Scheiß«, twitterte Sarah-Lee Heinrich. Kann man so stehen lassen
Hartz IV

»Ich schäme mich nicht mehr«

Sarah-Lee Heinrich wuchs mit ihrer alleinerziehenden Mutter auf. Die Familie lebte mit Hartz IV. Heute engagiert sie sich in der Politik und kämpft für mehr soziale Gerechtigkeit

Von Linda Peikert

»Mir ist wichtig, dass ich nicht als Beispiel einer gelungenen Aufsteigerinnengeschichte diene«, sagt Sarah-Lee Heinrich direkt zu Anfang des Gesprächs. »Diese Geschichten sind nämlich Quatsch.« Sie hält nichts von der Erzählung, man könnte alles schaffen, wenn man dafür nur hart genug arbeite. Sie fragt sich viel eher: Warum müssen die einen über drei Berge klettern, während die anderen nur geradeaus rennen?

Heinrich ist als Tochter einer alleinerziehenden Hartz-IV-Empfängerin aufgewachsen, studiert Sozialwissenschaften und ist bei der Grünen Jugend im Bundesvorstand. Sie spricht Dinge aus, so wie sie sind, ist dabei charismatisch und verschafft sich seit anderthalb Jahren Gehör im öffentlichen Diskurs. »Hartz IV ist der größte Scheiß«, ist Sarah-Lee Heinrichs bekanntester Satz. Im August 2018 twitterte sie: »Hartz 4 ist der größte Scheiß. Als Kind von ALG2 Empfänger*innen, darf man für nicht mehr als 100 Euro im Monat arbeiten, alles darüber wird zu 80 Prozent abgezogen. Kann mir jemand erklären, wie man sich einen Auszug leisten soll, wenn man nichts zurück legen kann?«

Der Tweet schoss durch die Decke und wurde über 10 000 Mal geliket. Darauf folgten Interviewanfragen und Nachrichten von Betroffenen. »Damals dachte ich daraufhin: Wow, da kann ich etwas erreichen. Ich habe mich dann auch in der Verantwortung gesehen, das Thema öffentlich zu vertreten und somit den Menschen, die in Armut leben, eine Stimme zu geben«, sagt die 19-Jährige. Sie saß in einer ARD-Talkshow bei Sandra Maischberger, wurde vom Format »reporter« des ARD/ZDF-Onlineangebots »funk« begleitet und hat im Sat1-Frühstücksfernsehen erzählt, warum Hartz IV und Kinderarmut in Deutschland ein echtes Problem sind.

Sarah Heinrich wuchs in einem Dorf im Ruhrgebiet auf. Ihre Mutter war erst Geringverdienerin, dann Hartz-IV-Empfängerin. Für besonders viele Freizeitaktivitäten reichte das Geld nicht. Als Kind verbrachte Sarah Heinrich viel Zeit in der Kirchengemeinde. Dort gab es Freizeitangebote, die sie sich sonst nicht leisten konnte: Chor, Mädchenkreis, Theatergruppen. »Ich war als kleines Kind sehr gläubig. Die Welt hat Gott gemacht, dachte ich damals«, sagt sie. Dann hörte sie vom Urknall und war fasziniert. Die meisten Kinder wollen mit etwa neun Jahren Tierärzt*in oder Popstar werden, Sarah Heinrichs Berufswunsch war Astrophysikerin, um mit dem Teilchenbeschleuniger in der Schweiz physikalische Phänomene aufzudecken. Trotzdem verbrachte Heinrich weiterhin viel Zeit in der Kirchengemeinde.

Sie kam schließlich aufs Gymnasium, weil sie schon in der Grundschule eine sehr gute Schülerin war. »Ganz viele mittelmäßige Schüler*innen kommen auf ein Gymnasium. Aber ganz viele mittelmäßige Schüler*innen dürfen auch nicht auf ein Gymnasium - und das sind meist die, deren Eltern nicht viel Geld haben«, erklärt sie.

»Während in der Grundschule die Verhältnisse noch etwas durchmischter waren, wurde mir der Unterschied zwischen mir und den Anderen im Gymnasium direkt klar: Sie redeten von Trompetenunterricht, Markenklamotten, teuren Handys«, erzählt sie. Die Schildchen ihrer C&A-Kleidung hat Sarah Heinrich rausgeschnitten, damit sie beim Sportunterricht niemand sieht. Musikunterricht war von ihrer Lebensrealität weit entfernt. Nur ihr enger Freundeskreis wusste, dass sie und ihre Mutter mit dem geringen Hartz-IV-Satz klarkommen mussten. Sie schämte sich.

Chancengleichheit gibt es nicht

Sarah Heinrich betont - auch wenn sie es selbst aufs Gymnasium geschafft hat -, dass es keine Chancengleichheit gibt. »Wenn ich Nachhilfe gebraucht hätte, hätte ich sie nicht bekommen. Wir hätten auch keine zusätzlichen Lernbücher kaufen können.« Sie sei zum Glück Menschen auf ihrem Weg begegnet, die sie sehr unterstützt haben. Sie hatte ein Schüler*innenstipendium, das ihr die Anschaffung technischer Geräte wie Laptop oder Drucker ermöglichte und sie konnte Beratungsgespräche wahrnehmen. Ohne diese Hilfe wäre die Schule schwieriger gewesen.

Später konnte sie dank der Jugendfreizeiten der Kirche einmal im Jahr verreisen. Die eh schon vergleichsweise günstigen Kosten musste ihre Mutter nämlich nicht vollständig bezahlen. »Das war toll, sonst hätte ich nie wegfahren können«, sagt sie. Sie hat sich selbst in der Gemeinde engagiert, hat eine Fortbildung zur Kinderbetreuerin gemacht und Kindergruppen geleitet und ist mit ihnen auf den Ponyhof gefahren.

»Meine Mutter hat auf Vieles verzichtet, um mir noch ein bisschen mehr zu ermöglichen«, erinnert sie sich. Unbeschwert mal eben ins Kino zu gehen, sei trotzdem nie drin gewesen. Soziale Teilhabe nur schwer möglich. 100 Euro darf ein Kind in einer sogenannten Bedarfsgemeinschaft mit Hartz-IV-Eltern verdienen, ohne dass etwas abgezogen wird. Das hat Sarah Heinrich auch gemacht, um sich eine Pizza, ein Zugticket oder ein Buch zu kaufen. »Aber es kann nicht sein, dass Kinder arbeiten gehen müssen, um sich eine annährend normale Jugend gestalten zu können«, meint sie.

Ihre Politisierung begann mit 14 Jahren auf Twitter. »Ich war schon immer streitlustig, hatte immer schon ein großes Gerechtigkeitsempfinden. Auf Twitter konnte ich dann Aktivist*innen folgen, die sich zum Beispiel mit dem Zusammenhang zwischen unserem Wirtschaftssystem und Rassismus auseinandersetzen«, erzählt sie. Das habe sie sehr beeinflusst und fasziniert. »Ich dachte dann: Okay, die Welt ist ungerecht und wir müssen grundlegend etwas ändern.«

Sarah Heinrich ist, seit sie 15 Jahre alt ist, politisch aktiv. »Damals bin ich in die Grüne Jugend reingerutscht.«. Das Pflichtpraktikum in der Mittelstufe wollte sie eigentlich an der TU Dortmund im Bereich Quantenphysik machen. Wegen eines Kommunikationsfehlers hat das mit dem Praktikum nicht geklappt.

Zur gleichen Zeit hat sie sich in einem Willkommenscafé für Geflüchtete engagiert. Eine andere Person aus dem Organisationsteam war bei den Grünen und lud sie ein, das Praktikum dort zu machen. »Ich hatte aber eher ein negatives Bild von den Grünen«, sagt sie. »Ich dachte, das seien zwar nette Leute, aber ich hatte sie sehr damit assoziiert, dass sie Leuten sagen, sie seien böse, wenn sie kein Öko-Fleisch kaufen.« Sarah Heinrich waren die Grünen von außen betrachtet nicht links genug. Letztendlich hat sie sich doch entschieden, mal reinzuschnuppern und fühlte sich direkt wohl.

Ihre Aufgabe im Praktikum: Jugendpartizipation. Gemeinsam mit einer Freundin gründete sie daraufhin mit 15 Jahren die Grüne Jugend Unna und blieb fast zwei Jahre Sprecherin der Lokalgruppe. »Das war eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe. Ich habe selbst Armut und Rassismus erlebt. So einen Ort, an dem man sich zusammentut und dagegen kämpft, war richtig gut für mich«, erzählt Heinrich. Zwar wollte sie ursprünglich eher zur Linken, aber der Grünen Jugend fühlt sie sich seit dem Praktikum sehr verbunden. Seit 2019 ist sie im Bundesvorstand. Neben dem Studium widmet sie sich mehr als 20 Stunden in der Woche parteipolitischer Arbeit.

Eigentlich wollte Sarah Heinrich nach dem Abitur ein FSJ machen, aber auch das FSJ-Gehalt wird teilweise auf Hartz IV angerechnet. Wie sollte sie mit 200 bis 250 Euro zum Arbeitsplatz kommen, wenn in ihrem Heimatdorf nur stündlich ein Bus fährt? Für ein Auto reichte das Geld nicht. Für eine Wohnung in der Nähe der Einsatzstelle war selbst das volle FSJ-Gehalt nicht ausreichend. Am Ende hat sie sich unter anderem deshalb gegen ein FSJ entschieden.

Gefühl, nichts wert zu sein

Also entschied sie sich, direkt nach dem Abitur zur Uni zu gehen. Doch auch der Auszug, um studieren zu können, war schwierig. Zwar hat Sarah Heinrich Anspruch auf Bafög, aber das bekommt man erst zu Beginn des Studiums. Umzug? Erstausstattung? Kaution? Erste Monatsmiete? Wer bezahlt das? Meist die Eltern, bei ihr stand das aber außer Frage. Sarah Heinrich hatte Glück. Ihre Patentante wollte ihr eigentlich den Führerschein bezahlen, das Geld verwendete sie stattdessen für den Umzug.

»Hätte ich dieses Geld nicht bekommen, wäre ich vielleicht einfach zu Hause geblieben«, sagt sie. Sie hat selbst erlebt, wie schwierig es ist, der Hartz IV-Maschinerie zu entkommen. »Es kann uns als Gesellschaft doch etwas mehr wert sein, Kindern und Jugendlichen eine Hand zu reichen, um sich aus der Armut zu befreien.«

Sprüche über »Sozialschmarotzer«, wegen denen angeblich mehr Steuern gezahlt werden, die nur auf der Couch herumsitzen, solange der Rest arbeiten geht, werden über die Medien oder von Politiker*innen vermittelt. Das habe Sarah Heinrichs Selbstwertgefühl stark beeinträchtigt. »Nichts wert sein, weil man arm ist, das kriegt man auch als Kind oder Jugendliche mit. Irgendwann glaubst du selbst daran, dass du oder deine Mutter schuld sind«, sagt sie. Es sei wichtig, dass wir aufhören zu denken, jede*r sei seines eigenen Glückes Schmied, solange die Hürden unterschiedlich hoch seien.

»Erst als ich verstanden habe, dass Armut ein strukturelles Problem ist und Hartz IV nicht gottgegeben, habe ich aufgehört, mich zu schämen, in Armut zu leben«, sagt Sarah Heinrich heute. Schließlich sei ihr damit auch klar geworden, dass man am System etwas verändern könnte. Sie kämpft seither gegen Hartz IV. Sie ist eine junge Frau, die sich für soziale Gerechtigkeit engagiert, die durch ihre Energie inspiriert und mit ihren Beiträgen im öffentlichen Diskurs die Gesellschaft dazu zwingt, Kinderarmut in Deutschland wahrzunehmen.

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