Gleich nach Errichtung des Lagers finden sich Händler ein, die auf einem improvisierten Markt Lebensnotwendiges anbieten.
Äthiopien

Warten in der Wüste

Über 20 000 aus Äthiopien Geflüchtete leben mit ungewisser Zukunft und unter katastrophalen Bedingungen in einem Lager im Sudan

Von Philip Malzahn, Um Rakouba

Jeden Morgen, bevor die Sonne aufgeht und es unerträglich heiß wird, streift Genet sich das weiße Tuch über. Vorsichtig steigt sie über ihren schlafenden Sohn, ihren Mann und die Schwiegereltern und verlässt das weiße Zelt. Auf einer Sandpiste spaziert sie in das nächstgelegene Dorf. Ihr Weg führt an Hunderten Zelten wie ihrem vorbei. In der Morgendämmerung ist der Schmutz noch nicht sichtbar, der jedes einzelne von ihnen bedeckt. Der Geruch von Kot ist jedoch nicht durch Schatten zu verbergen; er ist allgegenwärtig.

Aus den Zelten treten vereinzelt Frauen hervor, wie Genet in weiße Tücher gehüllt, und schließen sich ihr an. Am Anfang sind es nur eine Handvoll, dann Dutzende und schließlich Hunderte. Sie laufen an den Dorfbewohnern vorbei, die nach der Errichtung des Flüchtlingslagers einen Markt eröffnet haben, auf dem sie von Essen bis zu Haushaltsgeräten alles anbieten, was die Menschen aus der Region Tigray, die nun im Sudan leben, brauchen können.

Das Ziel der Prozession ist die Kirche im Dorf, wo Genet betet: »Für alles, dessen ich mir in meinem Leben sicher war und das ich nun verloren habe«, wie sie sagt. Unsicherheiten in ihrem Leben gibt es einige: Wo ihre Eltern sind, zum Beispiel, weiß sie nicht. Auch nicht, wo ihre Geschwister sind - und ob sie noch leben oder nicht. Genet ist 24 Jahre alt und lebt seit gut sechs Wochen im Flüchtlingslager in Um Rakouba, Sudan, zusammen mit etwa 20 000 anderen Menschen aus der Region Tigray in Äthiopien, unter ihnen auch ihr Mann, ihr Sohn und die Schwiegereltern. Sie ist im dritten Monat schwanger. Seit ihrer Ankunft hat sie sich nicht mit fließendem Wasser gewaschen, sie hat nicht mal einen kalten Schluck Wasser getrunken. Die Familie lebt von den spärlichen Essensausgaben, zumeist Kohlenhydrate in irgendeiner Form.

Vor der Kirche zieht Genet ihre Schuhe aus und wirft sich auf den Boden. Lange küsst sie die Erde, während der Priester auf den Stufen vor dem Gotteshaus seine Predigt hält. Es geht um die biblische Geschichte, wie das Volk Gottes durch die Wüste fliehen musste, wie die Geflüchteten in der Hitze und unter Strapazen ausharrten, in der Hoffnung, bald erlöst zu werden. Die Analogie ist keineswegs zufällig. »Auch wir werden belohnt«, sagt der Priester laut. »Spätestens im Jenseits wird unsere Geduld belohnt und werden unsere Seelen erlöst werden.« Während er versucht, den Menschen, die alles verloren haben, hinter ihrem Leid eine göttliche Bedeutung zu vermitteln, geht hinter ihm die Sonne auf und wirft ihr erbarmungsloses Licht auf die Betenden. Zeit, zu gehen. Genet macht sich auf den Rückweg, es ist sechs Uhr morgens und es hat 26 Grad im Schatten. In ihrem weißen Zelt des Flüchtlingshilfswerks der UN hat ein Mitarbeiter vor ein paar Tagen zur Mittagszeit 44 Grad gemessen.

Genet im Zelt in Um Rakouba
Genet im Zelt in Um Rakouba

Genet und ihre Familie sind solche Zustände keineswegs gewohnt, denn obwohl Äthiopien ein armes Land ist, stammen sie selbst nicht aus ärmlichen Verhältnissen. Nach der Kirche und beim Frühstück - es gibt Linsen -, erinnern sie sich an ihr vergangenes Leben, das zwar nur »ein paar Wochen zurückliegt, aber sich anfühlt wie 100 Jahre her«, sagt Benjamin, der Ehemann von Genet. Sie kommen aus Humeira, wo die Familie zwei Hotels betrieben hat. Und alles zurücklassen musste. »Ich hatte nicht mal die Zeit, die Papiere für unser Eigentum mitzunehmen«, sagt Benjamin. »Auch wenn ich es nicht zu 100 Prozent weiß, spüre ich dennoch, dass wir von allem, was wir hatten, nichts je wieder sehen werden.« Wohin sie als nächstes gehen werden, wissen sie nicht. Im Lager gibt es nichts »außer Langeweile«. Sollten sie im Sudan Asyl erhalten, überlegt sich Benjamin, ob sie bleiben werden. »Wir könnten nach Khartum oder weiterziehen«, sinniert er. »Wir könnten auch einfach nach Hause«, unterbricht ihn seine Frau forsch.

Plötzlich Krieg

Zu Hause ist für die beiden, wie für ungefähr sieben Millionen andere, Tigray - seit Anfang November 2020 ein Kriegsgebiet. Obwohl die Spannungen zwischen einzelnen Ethnien und politischen Parteien alt sind, kam der Krieg in Tigray für die meisten Menschen unerwartet. Seit dem 4. November führen die Nationalen Streitkräfte Äthiopiens (EDNF) unter der Führung des Premierministers Abiy Ahmed und mit der Unterstützung diverser Milizen eine Offensive gegen die nördlichste Region Äthiopiens, insbesondere gegen die dort regierende Partei TPLF, die Volksbefreiungsfront von Tigray. Diese hatte über Jahrzehnte eine Vormachtstellung in der äthiopischen Politik. Obwohl die Tigray nur rund sechs Prozent der Bevölkerung ausmachen, spielten sie über ein Jahrzehnt eine zentrale Rolle im von 1974 bis 1991 dauernden Bürgerkrieg, der mit dem Sturz der Militärdiktatur der Derg endete, und auch danach beim Aufbau und in der Regierung des Landes. Schlüsselpositionen in Politik, Militär und Wirtschaft wurden in den vergangenen Jahrzehnten oft - wenn auch nicht ausschließlich - von Tigray besetzt. Der Krieg zwischen Äthiopien und dem Nachbarland Eritrea von 1998 bis 2000, dessen Grenze zu Großteilen an der Region Tigray verläuft, verdeutlichte noch einmal die zentrale Rolle der TPLF, die den Krieg gegen den Nachbarn anführte.

2018 wurde nach dem Rücktritt seines Vorgängers und infolge einer landesweiten Protestbewegung der langjährige Geheimdienstmitarbeiter Abiy Ahmed Ministerpräsidenten. Er ist kein Tigray, sondern ein Oromo, die mit rund 35 Prozent größte Ethnie des Landes. Offiziell, um Korruption zu bekämpfen, wurden viele Tigray aus ihren Positionen entlassen. Abiy Ahmed ersetzte in vielen Ämtern und Ministerien wichtige Positionen durch Frauen und unterzeichnete ein Friedensabkommen mit dem Erzfeind Eritrea - dafür erhielt er 2019 den Friedensnobelpreis. Doch während er vor allem vom Westen als großer Reformer gefeiert wurde, wuchsen die Spannungen im Land. Nicht nur in Tigray, sondern auch in Oromia, der Heimatregion Ahmeds, kam es vermehrt zu Ausschreitungen und Protesten gegen seine Regierung. Unter anderem wirft man ihm vor, das föderale System Äthiopiens auflösen und einen zentralistischen Staat errichten zu wollen.

Nach dem Fall der Derg 1991 und einer Phase verschiedener Reformen ist Äthiopien seit 1994 eine föderale Demokratie. Heute besteht das Land aus zehn politisch weitgehend autonomen Regionen, von denen sieben deutlich von einer Ethnie dominiert werden - das gilt für die Zusammensetzung der Bevölkerung, aber auch für die Politik. Dies zeigt sich beispielsweise bei Regionalwahlen, wenn etwa die Volksbefreiungsfront von Tigray in ihrer Heimatregion überwältigende Ergebnisse einfährt.

Mit einer solchen Wahl hängt auch der derzeitige Krieg um Tigray zusammen. 2020 sollten eigentlich in ganz Äthiopien Regional- sowie Nationalwahlen stattfinden. Doch aufgrund der Corona-Pandemie ließ Premier Ahmed die Wahlen auf Juni 2021 verschieben. Das wollte man in Tigray nicht akzeptieren. Die Regierungspartei TPLF hielt im September trotzdem Wahlen ab, die sie wenig überraschend mit einem Ergebnis von 98,2 Prozent für sich entscheiden konnte. Während der Premier der TPLF eine illegale Wahl vorwirft, die die Demokratie des Landes gefährde, erkennt die TPLF den Premier seitdem nicht mehr als solchen an. Laut TPLF ist Abiy Ahmeds Legislaturperiode mit dem ursprünglichen Wahldatum bereits verstrichen. Spannungen zwischen Tigray und dem restlichen Land wurden stärker bis ein Angriff - angeblich von Kräften der TPLF - auf eine Militärbasis der nationalen Armee dem Premier als Grund für eine flächendeckende Offensive zur Zerschlagung von TPLF-Strukturen diente. Trotz anfänglicher Erfolge wie der Eroberung großer Gebiete einschließlich Tigrays Hauptstadt Mekele am 28. November, ist der Krieg nicht vorbei. Die TPLF ist weitaus mehr als eine Partei. Die einstige Befreiungsbewegung besitzt laut diversen Schätzungen bewaffnete Landstreitkräfte von etwa 250 000 Mann.

Tsarun Tazeze mit ihrem Vater
Tsarun Tazeze mit ihrem Vater

Der Soldat

Auch Haftem Hadisch lebt im Flüchtlingslager Um Rakouba. Der heute 45-Jährige war lange Soldat für die TPLF - von 1991 bis 2000. Auf einem Plastikstuhl vor einer kleinen, selbstgebauten Strohhütte, aus der Geflüchtete die Lebensmittelgaben des Welternährungsprogramms an andere verkaufen, um die eigenen Lebensumstände zu verbessern, erzählt Haftem von der glorreichen Zeit als Soldat, einem Leben als Tischler danach und der Flucht vor dem sicheren Tod. Haftem zufolge ist die TPLF eine demokratische Kraft. Als Soldat sei er nicht nur für das Volk der Tigray, sondern für alle Äthiopier in den Krieg gezogen, etwa gegen den Nachbar Eritrea. Abiy Ahmed nutze alte Konflikte zwischen Ethnien aus, »um sich und seinem Gefolge wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen«, so Haftem. Während die Darstellung Haftems über die Unvoreingenommenheit der TPLF zweifelhaft sein mag - es gibt unzählige Gerüchte über Korruption und Selbstbereicherung der Politiker -, lässt die Art und Weise, wie Ahmed den Krieg in Tigray führt, aufhorchen. Internet, Strom- und Telefonnetz sind durch die Verhängung eines sechsmonatigen Ausnahmezustandes in ganz Tigray unterbrochen. Die wenigen unabhängigen Informationen, die über die Region nach außen dringen, kommen von internationalen Hilfsorganisationen, die vor Ort tätig sind, und von Flüchtlingen, die in den Sudan geflohen sind. Am 2. Januar waren es laut Angaben des sudanesischen Innenministeriums 61 816 Menschen.

Haftem kommt auch aus Humeira, einer Stadt mit etwa 30 000 Einwohnern im Norden Tigrays an der Grenze zu Eritrea. Sie wurde während der Offensive als eine der ersten hart getroffen, obgleich sie sich weit oben an der Grenze zum Nachbarland befindet. Laut Haftem stimmen die Berichte, dass sich Eritrea auf Seite der äthiopischen Regierung in den Konflikt eingemischt hat. Von eritreischem Staatsgebiet aus sollen sie mit Artillerie und Panzern auf Humeira geschossen haben, gleich zu Beginn der Offensive am 4. November.

Trotz seiner positiven Erinnerung an seine Zeit als Soldat und der großen Stücke, die er auf die TPLF hält, hat Haftem keine Lust mehr zu kämpfen. Deshalb habe er sich zur Flucht anstatt zum Kampf entschieden. Auf seinem Weg Richtung Sudan habe ihn jedoch die für ihre Gräueltaten berüchtigte Fano-Miliz aufgehalten. Die Fano besteht aus ethnischen Amhara, dem Nachbarvolk der Tigray und mit einem Bevölkerungsanteil von etwa 27 Prozent die zweitgrößte Ethnie des Landes.

Kurz hinter der Stadtgrenze gerät er in eine Straßenkontrolle. Sie durchsuchen ihn, forschen nach Hinweise auf eine TPLF-Zugehörigkeit. »Jeden, der Klamotten im Stil eines Militärs oder Stiefel trug, haben sie direkt mitgenommen.« Bei Haftem selbst finden sie nichts, bleiben jedoch misstrauisch. Denn seinen Ausweis hat er weggeworfen - aufgrund seiner Vergangenheit ist er als Kämpfer registriert. Er sagt einen falschen Namen, jedoch den richtigen Beruf. Ein Umstehender erkennt ihn als Tischler aus der Stadt, und sie lassen ihn frei. »Ich bin als erstes in den Wald gerannt, bis jemand vorbeigekommen ist, den ich kannte. Ich habe ihm Geld gegeben, und auf unzähligen Schleichwegen haben wir es in der Nacht in den Sudan geschafft.« Haftem hat Unglück im Glück. Er ist in Sicherheit, doch seine Begegnung mit der Fano hat es ihm verunmöglicht, seine Familie mitzunehmen. Wie so viele andere Geflüchtete weiß er bis heute nicht, wie es seiner Frau und den beiden Kindern geht.

Hass und Land

Beide Seiten - die Regierung wie auch die TPLF - werfen sich im Krieg Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Wegen der wenigen Informationen, die aus dem Land herausgelangen, sind die meisten Vorwürfe schwer zu bestätigen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International berichtete von einem Massaker in der Stadt Mai Kadra am 9. und 10. November, das laut einigen Augenzeugen von der TPLF begangen worden sein soll, wenn auch die Täter noch nicht eindeutig zu bestimmen seien. Parallel soll die Fano-Miliz im Schatten der Armee ihr Unwesen treiben. Das Verhältnis des Staates zur Amhara-Miliz ist dabei nicht eindeutig. Während sie offiziell getrennt agieren, wächst die Vermutung, die Amhara würden jene Taten vollbringen, die einem Premierminister international Ärger einbrächten, könnte man solche Taten auf reguläre Soldaten der Armee zurückführen. »Keiner bestreitet, dass es in Äthiopien nicht kompliziert ist und dass auch die TPLF Sachen getan hat, die man im Krieg manchmal tut«, sagt Haftem. »Doch Abiy Ahmed hatte die Chance und die internationale Unterstützung, wahren Frieden in Äthiopien zu schließen. Einen Frieden, der den einzelnen Gruppen Freiheiten zugesteht. Stattdessen führt er einen Genozid an.« In den Jahren während der Vorherrschaft der Tigray in Äthiopien gab es etliche Berichte über systematische Benachteiligung ihrer Amhara-Nachbarn. Unter anderem seien Amhara von ihren Ländereien vertrieben worden, die anschließend in Tigray eingegliedert wurden. Nun, so berichten Haftem und andere Geflüchtete, sollen die Fano gezielt die Kontrolle über Ländereien an sich reißen und Menschen dazu zwingen, ihre Grundstücke der Miliz zu überschreiben.

Parallel gibt es in den vergangenen Wochen immer wieder Angriffe auf sudanesische Soldaten, die im Grenzgebiet zu Äthiopien stationiert sind. Die Sudanesen haben wiederholt die Regierung in Addis Abeba ermahnt, solche Angriffe zu unterlassen, um einen offenen Krieg zwischen beiden Staaten zu vermeiden. Der Premierminister des Sudans, Abdullah Hamdok, reiste kurz vor Weihnachten sogar nach Äthiopien. Doch Abiy Ahmed bestreitet vehement, dass die Armee für diese Angriffe verantwortlich sei, und gibt Milizen die Schuld, die ihm zufolge nicht staatlich zu kontrollieren seien. Die sudanesische Seite will jedoch bald Beweise liefern, dass es sich bei den Angriffen um Truppen der EDNF handelt. Beide haben zusätzliche Kräfte an die Grenze verlagert.

Die Mutter

Welcher Ethnie sie angehört, welche Partei ihre Eltern unterstützen und was ihre Mitmenschen sich gegenseitig vorwerfen, von alledem versteht die achtjährige Tsarun Tazeze überhaupt nichts. Wie auch? Sie kann nur die Wörter »Mama« und »Baba« benutzen und nicht verstehen, dass es mehr als diese beiden gibt. Auch von ihrer Flucht hat sie wohl wenig mitgekommen, aber die Gefahr, die sie und ihre Familie umgibt, hat sie gespürt. »Eine Flucht mit unserer behinderten Tochter ist zehnmal so gefährlich wie ohne«, sagt ihre Mutter Almas Tsagai. »Sie kann jederzeit anfangen zu schreien oder zu weinen. Ihr wird schnell langweilig, ihre Launen springen einfach so«, sagt die Mutter, während sie auf dem staubigen Boden versucht, ihrer Tochter eine Hose anzuziehen. Am 13. November beschloss die Familie, trotz der besonders großen Gefahren in den Sudan zu fliehen. Alle vier - Tsarun hat noch einen zwölfjährigen Bruder - haben es geschafft.

Ihre Therapie kann das Mädchen nicht weiterführen und ihre Medikamente sind längst ausgegangen. Sie habe eine seltene Form des Autismus, sagen ihre Eltern. Die medizinische Versorgung im Lager Um Rakouba ist ebenso katastrophal wie die Hygienezustände. Dabei genießen die Flüchtlinge aus dem Nachbarland keinen schlechten Ruf. Die leitenden Medien im Sudan stellen die Neuankömmlinge nicht als Bedrohung dar, sondern meist als Opfer eines ungerechten Krieges. Trotzdem fällt es dem Land, das sich in einer tiefen wirtschaftlichen Krise befindet und ohnehin zu einem der ärmsten Länder der Welt zählt, ungemein schwer, eine adäquate Versorgung der Geflüchteten zu gewährleisten. Im Jahr 2020 gab es im Sudan eine Inflation von über 230 Prozent. Die bisher letzte offizielle Statistik stammt von 2009, doch schon damals lebten über 45 Prozent der Bevölkerung unter der absoluten Armutsgrenze, die von der Weltbank mit 1,90 US-Dollar pro Kopf und Tag veranschlagt wird.

Die Eltern von Tsarun wollen nichts außer ein Leben in Frieden. So banal der Wunsch auch klingen mag, so weit scheint in diesen Tagen ein solches Leben für die Flüchtlinge aus Tigray entfernt zu sein. Dass die Geflüchteten sich an ein Leben in Armut im Sudan gewöhnen, scheint derzeit wahrscheinlicher als eine baldige Lösung des Konflikts. Die internationale Gemeinschaft hat bislang keine Anstalten gemacht, die Offensive des Friedensnobelpreisträgers Abiy Ahmed zu unterbinden oder zumindest zwischen beiden Parteien konstruktiv zu vermitteln. Nicht zuletzt deshalb droht ein langwieriger Guerillakrieg zwischen Regierung und TPLF, zwischen dessen Fronten vor allem Zivilisten geraten werden. Immer noch kommen täglich Hunderte Tigray über die Grenze in den Sudan. »Lieber im Sudan als unter Kontrolle von Abiy Ahmed und den Fano« - diesem Satz des Ex-Soldaten Haftem stimmen sowohl Genet als auch ihr Mann zu. Der Vielvölkerstaat Äthiopien schöpfe seine Kraft aus der Freiheit der einzelnen Gruppen. »Ein Friedensnobelpreisträger sollte das wissen«, sagt Haftem.

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