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Vierzig Jahre Schweigen

Linke Mythen bremsen eine Aufarbeitung der DDR-Geschichte

  • Von Renate Hürtgen
  • Lesedauer: 11 Min.

Namentlich zu »runden« Jahrestagen leben im offiziellen Mainstream zahlreiche Mythen der Erinnerung an die DDR und die demokratische Revolution vom Herbst 1989 auf. Es sind die Erzählungen der »Geschichte vom guten Ende«, sie berichten von einem Sieg des »Guten über das Böse«. Diese bürgerlichen Mythen klischieren die Geschichte von einem normativen Endpunkt aus, nämlich der Bundesrepublik als vermeintlich bester aller Welten.

Solchen Geschichtserzählungen entgegenzutreten und etwa richtigzustellen, dass die deutsche Einheit nicht als eine zu sich selbst kommende Prophezeiung zu verstehen ist, war und bleibt wichtig für eine linke Geschichts- und Erinnerungsarbeit. Doch darf darüber nicht die Notwendigkeit einer eigenen kritischen Auseinandersetzung mit der UdSSR und den innerhalb ihres Imperiums entstandenen osteuropäischen Ländern aus dem Blick geraten - eben auch der DDR.

Leider ist eine solche konsequente Aufarbeitung nach 1989 schnell in den Hintergrund geraten. Oft greift in der Linken wieder die Logik des Kalten Krieges mit ihren altbekannten Fronten. Eine eigenständige, emanzipatorische Kritik an der DDR tritt dabei hinter der Abwehr solcher pauschaler Abwertungen zurück. Eine solche Verteidigungshaltung erschwert aber nicht nur die schonungslose linke Aufarbeitung der eigenen Geschichte, sondern verzichtet auch darauf, die DDR-Gesellschaft in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit zu beschreiben. Am Ende zieht sich auch diese Haltung auf Halbwahrheiten zurück und lässt Legenden entstehen.

Ein Beispiel ist die Situation von Frauen in der DDR. Von der hohen Erwerbsarbeitsquote wird in gerader Linie auf einen selbstbewussteren und emanzipierteren Alltag als im Westen geschlossen. Wie aber würde ein Vergleich der arbeitenden DDR-Frau mit der arbeitenden Westfrau ausfallen? Welche Folgen hatte das Fehlen einer Frauenbewegung in der DDR? Kann ein Verständnis von Emanzipation, das auf Erwerbstätigkeit und »Vater Staat« baute, uns heute genügen?

Die Erzählung vom guten Beginn

Nach wie vor verbreitet sind auch zahlreiche Mythen über die Lage der arbeitenden Klasse in der DDR, der eine große Machtfülle unterstellt und auf deren vergleichsweise stressfreie Arbeit gern verwiesen wird. Im Sinn einer - berechtigten - Kritik an heutigen Arbeitsregimes greifen auch Linke diese Mär auf. Doch bleibt dann unerwähnt, dass diese Arbeit acht und eine Dreiviertelstunde dauerte, dass Stillstandszeiten zermürbten und die nicht selten maroden Produktionsmittel die Arbeit unerträglich machten, während es keine unabhängigen Gewerkschaften gab.

Eine weitere Legende, die mit einem besonderen Tabu belegt ist und als weißer Fleck linker Historiografie gelten muss, ist nun die Erzählung vom »guten Anfang« der DDR-Geschichte. Der Schwung der »Aufbaugeneration« wird beschrieben, die darangegangen sei, ein besseres Deutschland zu schaffen. Tatsächlich hatte diese Stimmung der Nachkriegszeit, die nicht nur in Deutschland Ausdruck des damaligen Aufschwungs der Arbeiterbewegung gewesen ist, auch die Gründerinnen und Gründer der DDR erfasst. Diese kamen vor allem aus der Sowjetunion, der Westemigration, aus Gefängnissen und Lagern der Nazis sowie aus dem Widerstand. Was aber waren das für Menschen? Was lag hinter ihnen? Mit welchen Ideen und Haltungen traten sie ihre Führungspositionen im 1949 gegründeten Staat an?

Die erste Gruppe der »Rückkehrer« aus der UdSSR kam 1945, eine zweite Gruppe zwischen 1947 und 1949 in die SBZ/DDR. Diese beiden Gruppen besetzten bald die führenden Positionen in Partei, Polizei, im Ministerium für Staatssicherheit und - nicht zu vergessen - in den Medien der jungen DDR. Zugleich betrieben diese rund 500 kommunistischen Remigranten, zu deren Umfeld etwa 250 Frauen und Kinder zählten, von allen aus Exil, Konzentrationslagern oder dem Untergrund Gekommenen am energischsten die Stalinisierung von Partei und Gesellschaft. Ihr Motto formulierte Hermann Matern so: »Wir alle wollen gute und ernste Schüler Stalins sein, und wir werden keine Anstrengung scheuen, Stalinisten zu werden.« Die »Moskauer«, unter ihnen vor allem Funktionär*innen der KPD, die die Moskauer »Säuberungen« von Stalins Gnaden überlebt hatten, sollten kraft Stalins Unterstützung den für die Entwicklung in der SBZ/DDR ausschlaggebenden politischen Raum bald vollständig besetzt haben.

Wer sich als kommunistischer Remigrant von denjenigen »Moskauern« absetzen wollte, die bedingungslos den Aufbau einer Partei und einer Gesellschaft nach sowjetischem Vorbild betrieben, dem blieb nichts anderes übrig, als sich schnellstens, bevor er verhaftet werden konnte, Richtung Westen abzusetzen. Wer von den »Rückkehrern« seine Kritik an Stalins Verbrechen und sein Wissen um den Verrat an deutschen Genoss*innen zu laut ausposaunte, wurde »entfernt«. Es hatte seine Logik, dass die Zweifler am Vorbild Stalin, aber auch diejenigen Antifaschist*innen, die an einen sogenannten eigenständigen deutschen Weg glaubten, schnellstens verdrängt werden mussten. Galt es doch, die Reihen im Kampf gegen alle Nicht-Stalinisten zu schließen. Die Feinde der »Moskauer« waren der »Titoismus«, der »Sozialdemokratismus«, der Trotzkismus, der Anarchismus, der »Objektivismus« und so weiter.

Diese Jahre der physischen, politischen und moralischen Vernichtung von Linken aller Couleur in der frühen DDR bilden ein bitteres und weitgehend vergessenes Kapitel in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Ebenso bleibt der unsägliche Machtkampf, den die kommunistischen Sowjetrückkehrer gegen ihre eigenen kommunistischen Genoss*innen aus deutschen Konzentrationslagern und Gefängnissen führten, die sich nach 1945 in Antifaausschüssen organisieren wollten, ein immer noch wenig bekanntes Drama.

Es gab wohl keinen und keine unter diesen frühen »Rückkehrern«, der oder die die »Säuberungen«, also Inhaftierungen, Verbannungen und Hinrichtungen in der UdSSR nicht miterlebt hatte. Die meisten hatten dabei enge Kolleg*innen und Genoss*innen verloren, viele auch nahe Angehörige. Und nicht selten waren sie in diesem Chaos von Angst, Schweigen und Verrat selbst zu »Tätern« geworden. In den Jahren im »gelobten Land« hatten sie gelernt, ihre Treue zur Partei unter Beweis zu stellen und ungeachtet aller »Vorgänge« kein Widerwort fallen zu lassen. Und zu schweigen.

Auf dieses Schweigen gründete sich die Identität der DDR, und zwar vierzig Jahre lang. Als in den 1950er Jahren weitere kommunistische Antifaschist*innen endlich aus Stalins Lagern dorthin entlassen wurden, war das Schweigegebot über erlittenes Leid in der Sowjetunion, das ihnen die Partei verordnete, die Voraussetzung dafür, von ihr aufgenommen zu werden und das Privileg einer Funktion im neuen Staat zu bekommen.

Der im Jahr 2019 erschienene Film »Und der Zukunft zugewandt« des ostdeutschen Regisseurs Bernd Böhlich beschreibt all das sehr eindrucksvoll: Im Frühjahr 1952 kommen drei Frauen, darunter Antonia Berger mit ihrer schwer kranken Tochter, aus der UdSSR in die DDR. Sie hatten 14 Jahre in Workuta gesessen, jenem Bergwerk-Straflager nördlich des Polarkreises, das Alexander Solschenizyn den »Mittelpunkt der Hölle« genannt hat. Als Kommunistinnen werden die drei von der Parteileitung von Fürstenberg begrüßt - und sogleich zum Schweigen über all diese Erlebnisse verpflichtet. Antonia Berger, die Hauptfigur des Films, hadert zunächst damit, doch dann schweigt sie - bis an ihr Lebensende. Von Swetlana Schönfeld, deren Mutter Betty die reale Person hinter der fiktiven Antonia Berger ist, erfahren wir, dass die Lagerzeit tatsächlich wie ein Familiengeheimnis gehütet und nicht nur vor den Kindern verheimlicht wurde. »Das Schweigen der Mutter« ist ein Interview mit der Tochter von 2019 überschrieben.

Von Nichts-Sagen bis Leugnen

Viele Kinder dieser ersten »Rückkehrer« hatten in den eigens für sie gedachten sowjetischen Kaderschulen einen Geist des Gehorsams und eben des Schweigens gelehrt bekommen. Sie, von denen Jahre später ebenfalls einige zur Führungselite der DDR gehörten, hatten die Verhaftungen von Vätern und Müttern, Nachbarn und Freunden erlebt, aber nie Gelegenheit gehabt, über diese traumatisierenden Kindheitserlebnisse zu erzählen. Wie sind sie mit dieser Last umgegangen? Markus Wolf, der spätere Generaloberst und Leiter der Hauptabteilung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit, der als Sohn des Schriftstellers Friedrich Wolf viele Jahre erst in Moskau, dann in Engels mit Lotte Rayss zusammenlebte, hatte offensichtlich verdrängt, was seiner damaligen Kinderfrau und Geliebten des Vaters geschehen war. Als er 1993 die dann 81-Jährige bat, ihm zu sagen, was damals tatsächlich passiert sei, wies diese das Ansinnen empört zurück. Sie kann und will nicht glauben, dass ihr Ziehsohn das alles vergessen hatte.

Der Umgang mit dem Schweigegebot hatte viele Varianten. Diese reichten vom einfachen Nichts-Sagen in Parteiversammlungen oder am Arbeitsplatz bis zur öffentlichen Leugnung eigener Hafterfahrungen in Stalins Lagern. Aber am Ende schwiegen sie alle. Es schwiegen »die Moskauer« wie die Spätrückkehrer; es schwiegen auch die Spanienkämpfer über Stalins Verrat, es schwiegen die aus den KZ Befreiten, als nach 1945 in der SBZ/DDR ein Heldenmythos über sie verbreitet wurde, und es schwiegen auch die aus der Westemigration zurückgekehrten - unter ihnen viele jüdische Intellektuelle - über Stalins Verbrechen. Die ganze kommunistische Geschichte des 20. Jahrhunderts verschwand unter einem Mantel des Schweigens und der Lügen. Wer diesen lüften wollte, wurde mundtot gemacht.

1961 verschwand Stalin vielerorts plötzlich - etwa vom Sockel des Denkmals in der zunächst nach ihm benannten Prachtstraße im Osten Berlins oder aus dem Namen von Eisenhüttenstadt. Damit folgte man ebenso Moskauer Vorgaben wie drei Jahre später, als in der UdSSR die »Entstalinisierung« stillschweigend beendet wurde. Nie gab es in der DDR eine offene und öffentliche Diskussion über Stalins Politik und Verbrechen - über die Epoche, die der Historiker Hermann Weber einmal die »größte Kommunistenverfolgung« aller Zeiten genannt hat.

Was zeichnete diese »Aufbaugeneration« aus, die uns so lebhaft ihre Aufbruchstimmung vermittelt hat, aber niemals ihren Anteil am Aufbau einer diktatorischen DDR erinnerte? Welche Eigenschaften verband diese Gruppe der Funktionär*innen, die alle um die Verbrechen Stalins wussten, sie teils sogar am eigenen Leib erfahren hatten - und dennoch schwiegen? Die meisten von ihnen waren durch die Schule der Partei gegangen und hatten Disziplin und Unterordnung gründlich erlernt. Einige andere mussten das in der DDR rasch nachholen, wenn sie in der SED verbleiben und eine kleine oder große Karriere machen wollten.

Atomisierung und Unterwerfung waren für die politische Philosophin Hannah Arendt zentrale Elemente des Stalinismus. Und tatsächlich hatten die »Rückkehrer« und Funktionär*innen der ersten Generation Vereinzelung, Misstrauen, Disziplin und Gehorsam wohl tief verinnerlicht. Wie hätten sie sonst mit ihrem Wissen um die Verbrechen in der UdSSR in deren ostdeutschen Satellitenstaat einfach weitermachen können - als wäre gar nichts passiert?

Das Erbe der »Rückkehrer«

Manche verbargen ihre Verbitterung, als sie irgendwann feststellen mussten, wohl doch nicht am Aufbau der besten aller Welten mitzuwirken. Andere flüchteten sich in Zynismus oder Gefühlskälte. Als nach dem Ende der DDR endlich das Unrecht zur Sprache kommen durfte, das deutschen Kommunist*innen unter Stalin angetan worden war, und die Mutigsten unter ihnen das ausgesprochene oder stumme Verdikt brachen, unter das sie die Partei bei ihrer Rückkehr gestellt hatte, blieb diese ihre eigene Mitverantwortung für die Politik einer seit 1948 stalinisierten SED weitgehend ausgespart.

Viele aus dieser Aufbaugeneration sahen sich rückblickend lediglich als »Opfer«, von den führenden Genoss*innen der Partei verraten. Aber auch jene, die eine solche Opferrolle für sich nicht angenommen hatten, die ohne Druck und Gewissenszweifel, aus welchen Gründen auch immer, geschwiegen hatten, schienen nunmehr ihren eigenen Anteil daran zu ignorieren, dass es in der DDR nie eine offene und öffentliche Diskussion über Stalins Politik und Stalins Verbrechen gegeben hat.

Wie bedeutungsvoll ist eigentlich der Umstand, dass dieses Land von Menschen geführt wurde, die »Täter« oder »Opfer« stalinistischer Verfolgung - zuweilen auch beides zugleich - gewesen waren? Die von all den Verbrechen gewusst hatten und deren (Partei-)Disziplin sie verpflichtete, zu schweigen, zu vergessen, zu verdrängen oder zu verleugnen?

Und weiter: Was ist aus den Kindern und Enkelkindern dieser ersten Führungsgeneration der DDR geworden? Wie haben sich deren verdrängte Erfahrungen von Terror und Angst, wie haben sich die damit verbundenen Dispositionen von Loyalität und Überangepasstheit, von einer repressiv-dogmatischen Verteidigung der SED-Politik, von mangelnder Empathie und Unfähigkeit, Konflikte zu kommunizieren, in einem spezifischen Konfliktpotenzial der Kinder und Kindeskinder niedergeschlagen? Wie viele von diesen haben sich gleichfalls in dieses verordnete Schweigen gefügt und erst nach 1989 mit der Arbeit an der Erinnerung begonnen? Und wie oft hat diese Erinnerungsarbeit zu der notwendigen Auseinandersetzung mit einer Elterngeneration beigetragen, die den Stalinismus sowohl erlebt als auch gelebt und getragen hatte?

Zukunftsfragen ohne Legenden

Müssen wir tatsächlich die hässlichen Seiten der Erinnerung an die DDR nach so vielen Jahren ans Licht ziehen? Welchen Sinn soll es haben, die Finger auf die Wunden zu legen und über diese stalintreue »Aufbaugeneration« zu schreiben, über die reale Lage der Frauen, deren Emanzipation wir heute höchst bedenklich fänden, oder über eine Arbeiterbewegung, deren Niedergang wir in der DDR erleben mussten?

Der produktive Gehalt einer solchen historischen Aufarbeitung liegt darin, anhand der Widersprüchlichkeiten einer Gesellschaft ihren Charakter bloßzulegen. Denn der Aufbau einer Diktatur nach stalinistischem Vorbild war kein »Geburtsfehler« und die Unterdrückung einer autonomen Arbeiterbewegung im »Arbeiterstaat« kein dummer Einfall von Walter Ulbricht.

Es sind genau diese Widersprüche, die die DDR, ihre Strukturen, ihren Charakter ausgemacht haben. Erst wenn wir diesen Charakter erkannt haben, können wir eine Antwort auf die Frage finden, ob sich mit diesem Typ von Herrschaftsgesellschaft eine emanzipatorische Alternative verbunden werden kann oder ob wir nicht vielmehr nach einer alternativen Perspektive jenseits von Kapitalismus und »Realsozialismus« suchen müssen. Solange wir uns von Mythen und Legenden den Blick auf die Realität verstellen lassen, werden wir die entscheidende Zukunftsfrage nicht beantworten können.

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