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Nach Missbrauchsvorwürfen: Schmerzliche Erkenntnisse zu erwarten

Bislang vorliegende Erkenntnisse weisen darauf hin, dass das Ausmaß sexueller Gewalt im Mainzer Bistum weitaus größer ist als bislang gedacht

  • Lesedauer: 4 Min.
Stephan Ackermann, Bischof von Trier, spricht in einer Pressekonferenz im September zur Vorstellung des Instituts für Prävention und Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt (IPA), das sich mit der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich und mit dem Kinder- und Jugendschutz beschäftigt.
Stephan Ackermann, Bischof von Trier, spricht in einer Pressekonferenz im September zur Vorstellung des Instituts für Prävention und Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt (IPA), das sich mit der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich und mit dem Kinder- und Jugendschutz beschäftigt.

Trier. Die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche Deutschlands bleibt nach Einschätzung von Bischof Stephan Ackermann eine Aufgabe noch für Jahre. »Das wird noch ein schmerzlicher Prozess werden«, sagte der Beauftragte der
Deutschen Bischofskonferenz (DBK) für Fragen des sexuellen Missbrauchs in Trier der Deutschen Presse-Agentur. In den nächsten fünf Jahren müssten sich alle 27 Bistümer bundesweit einer unabhängigen Aufarbeitung durch eigens eingerichtete Kommissionen
stellen, in der es um »Verantwortlichkeiten« gehe - darum, wie man mit Tätern und Opfern in der Vergangenheit umgegangen sei.

»Da geht es auch um Personen. Und das wird schmerzlich, weil die Bilder, die man von Personen hat, die auch prägend und positiv waren, eine neue Seite hinzubekommen«, sagte der Bischof von Trier. Da werde es »dann dunkle Flecken« geben. Aber das sei ein Prozess, »der zur Ehrlichkeit« dazugehöre. Mit der Einrichtung der Kommissionen, in denen vor allem Betroffene und externe Fachleute sitzen, seien die Bistümer unterschiedlich weit. In Trier solle das Gremium Anfang 2021 stehen.

»Wir können eigentlich nur um Vertrauen werben, indem wir uns dem Thema Missbrauch und vielen anderen schwierigen Themen stellen. Das Wegsehen hilft nicht, und das Vertuschen ist katastrophal«, sagte der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf der Deutschen Presse-Agentur. Er will aus einer laufenden Studie zu Fällen von sexueller Gewalt in seinem Bistum die »notwendigen Lehren ziehen, um eine noch wirksamere Prävention umzusetzen«.

Bislang vorliegende Erkenntnisse weisen darauf hin, dass das Ausmaß sexueller Gewalt im Mainzer Bistum weitaus größer ist als bislang gedacht. Nach persönlichen Kontakten und intensiver Aktenprüfung ging der mit der Untersuchung beauftragte Rechtsanwalt Ulrich Weber zu diesem Zeitpunkt von 273 Beschuldigten und 422 Betroffenen aus. Der Abschlussbericht der Untersuchung, die die Zeit von 1945 bis 2019 umfasst, soll voraussichtlich 2022 vorgelegt werden.

Kohlgraf betonte, dass neben dieser Untersuchung unter dem Titel »Erfahren - Verstehen - Vorsorgen (EVV)« eine unabhängige Aufarbeitungskommission im Bistum damit beschäftigt sei, sich »den Themen der Vergangenheit und auch den Themen der Gegenwart zu
stellen«. Der Bischof kündigte an: »Wir konkretisieren die Beteiligung von Betroffenen an der Aufarbeitung.«

Im Herbst 2018 hatte die katholische Kirche die sogenannte MHG-Studie und damit Zahlen zu sexuellem Missbrauch öffentlich gemacht. Demnach sind bundesweit in den Personalakten von 1946 bis 2014 insgesamt 1670 Kleriker wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger beschuldigt worden. Es gab 3677 Opfer. Der Missbrauchsskandal war Anfang 2010 ins Rollen gekommen.

Nach bisherigen Ergebnissen der EVV-Studie war eine häufige Reaktion auf Missbrauchsfälle einzig die Versetzung von Beschuldigten in eine andere Pfarrei gewesen. Selbst schwere Missbrauchsfälle hätten nur zu geringen Sanktionen von der Bistumsleitung geführt. Bei einem Bistumswechsel habe es vielfach keine Informationen über Vorfälle gegeben. Schweigegebote gegenüber Opfern, Meldern und Beschuldigten sowie »gezielte Aktenführung« hätten zu einer systematischen Verschleierung beigetragen, teilte das Bistum Mainz mit.

Das Bistum Speyer richtet aktuell einen Betroffenenbeirat und eine unabhängige Aufarbeitungskommission ein. »Betroffene sollen eine laute und starke Stimme im Bistum bekommen«, sagte Bischof Karl-Heinz Wiesemann. Die unabhängige Kommission werde die Missbrauchsfälle noch einmal genau anschauen, »auch hinsichtlich der Frage, ob auf
Missbrauchsvorwürfe oder Missbrauchsfälle von Seiten der Diözese verantwortlich reagiert wurde«.

Seit Anfang 2021 können Missbrauchsopfer nach einer Neuregelung der Anerkennungszahlungen höhere Summen beantragen. Der Beschluss der deutschen Bischöfe vom September sieht finanzielle Leistungen von bis zu 50.000 Euro vor. »Natürlich sind da hohe Zahlungen zu erwarten«, sagte Bischof Ackermann. Man gehe davon aus, dass »eine beträchtliche Zahl« von Betroffenen, die zuvor bereits Leistungen in Anerkennung des Leids erhalten haben, erneut Anträge stellen würden.

Die entsprechenden Gelder in Millionenhöhe würden von den Bistümern bereitgestellt. »Das ist von den Bistümern zu leisten«, sagte der Trierer Bischof. Er verwies auch auf die Solidarität, mit der etwa Orden unterstützt werden könnten, deren finanzielle Mittel nicht ausreichten. Ackermann stellte klar, dass nicht die Zahlung der Leistungen das eigentlich Schmerzhafte für die Bistümer sei: »Schmerzlich ist das Unrecht, das geschehen ist.« dpa/nd

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