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  • Berlin
  • Psychiatrische Versorgung für Geflüchtete

Viel Leid und niemanden zum Reden

Neues Angebot zur psychiatrischen Versorgung von Geflüchteten kann Versorgungslücke nicht schließen

  • Von Marina Mai
  • Lesedauer: 3 Min.

Seit dem 1. Januar ist die psychiatrische Versorgung für Geflüchtete um ein Angebot bereichert: Direkt am Berliner Ankunftszentrum in Reinickendorf eröffnete das Vivantes Humboldt-Klinikum eine akutpsychiatrische Tagesklinik für neu nach Deutschland kommende Geflüchtete. Sie startet mit nur fünf Plätzen und einem multilingualen Team an Mitarbeitenden, die die wichtigsten Sprachen der Neuankömmlinge abdecken. »Ich freue mich sehr, dass wir Menschen, die nach einer Flucht neu in Berlin ankommen und oftmals traumatisiert sind, künftig bei uns psychiatrisch und psychosozial versorgen können«, sagt die Psychotherapeutin Zahrah Rezaie.

Auch für den Sozialarbeiter für jugendliche Flüchtlinge, Daniel Jasch, und für Karin Hopfmann, die in den letzten Jahren in der Flüchtlingsarbeit tätig war, ist das Angebot ein Schritt in die richtige Richtung. »Es ist aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein, denn psychische Erkrankungen treten bei Flüchtlingen leider häufig auf. Das liegt an den belastenden Erlebnissen im Herkunftsland und auf der Flucht, aber auch an der Erfahrung, dass Geflüchtete in Deutschland nicht überall willkommen sind«, sagt Hopfmann, die einst für die Linke im Abgeordnetenhaus saß. Daniel Jasch weist zudem darauf hin, dass psychische Erkrankungen in der Regel nicht unmittelbar nach der Flucht sichtbar werden, sondern erst nach Monaten. Darüber reden könnten die meisten Menschen jedoch erst, »wenn sie hier zu jemanden Vertrauen gefasst haben.« Das könne Monate oder Jahre dauern. Flüchtlinge in Psychiatrie oder Psychotherapie zu vermitteln, sei jedoch gar nicht so leicht, da es dort oft Wartelisten von vielen Monaten gäbe.

Hopfmann bedauert, dass 2019 die Clearingstelle der Charité, die Flüchtlinge in akuten Situationen auffing und sie nach einer ersten Stabilisierung in andere therapeutische Einrichtungen vermittelte, geschlossen wurde. Seitdem sei es noch schwieriger geworden, psychiatrische Hilfe für Flüchtlinge zu finden. Offiziell sollen die Psychiatrischen Institutsambulanzen in den Bezirken neben ihren anderen Patienten auch Flüchtlinge betreuen. Doch diese seien, so Jasch, darauf oft nicht oder nur schlecht vorbereitet.

In einigen Bezirken werde das ärztliche Angebot zudem nicht mit Sozialarbeit kombiniert, was für psychisch kranke Flüchtlinge besonders wichtig sei. Denn oft könnten Hilfen im Asylverfahren, bei der Wohnungssuche und der Suche nach Arbeit oder Ausbildung helfen, psychische Probleme in den Griff zu bekommen.

Zudem ist es in den psychiatrischen Institutsambulanzen nicht selbstverständlich, mit Dolmetschern zu arbeiten. So machte ein junger Somali ab Mitte 2019 die Erfahrung, dass die Dolmetscherkosten in Lichtenberg nicht mehr übernommen wurden. Svenja Koch, Sprecherin des Evangelischen Krankenhauses Königin Herzberge, bei dem die Institutsambulanz angesiedelt ist, erklärt allerdings, dass weiterhin mit Dolmetschern gearbeitet werde. Krankenkassen tragen nicht die Dolmetscherkosten für psychotherapeutische Sitzungen. Das macht es für Geflüchtete nahezu unmöglich, sich an niedergelassene Psychotherapeuten oder Psychiater zu wenden, es sei denn, sie finden jemanden, der ihre Muttersprache spricht.

Ein Angebot, das sich an Geflüchtete wendet, die Opfer von Folter oder schwerer Gewalt wurden, ist das Zentrum Überleben in der Turmstraße. »Wir haben sowohl ambulante Angebote als auch eine Tagesklinik«, sagt Sprecherin Eva Wagner. Die Warteliste in ihrem Zentrum betrage oft auch mehrere Monate. »Es besteht eigentlich ein Bedarf, unsere Angebote aufzustocken«, sagt sie. Doch es fehlten Finanzierungen und Räume dazu. Dass die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge in Berlin rückläufig ist, bedeute nicht, dass der Bedarf nach psychiatrischen oder psychotherapeutischen Angeboten auch sinke, sagt Wagner. »Denn oft kommen die Menschen erst nach Monaten oder Jahren zu uns.«

Laut Wagner seien spezielle psychiatrische Angebote für Geflüchtete nötig, die eine fundierte Vermittlung von Sprache und Kultur durch erfahrene Dolmetschende genauso einschließt wie begleitende Sozialarbeit. Die Therapeutinnen und Therapeuten in ihrem Zentrum seien auch auf Traumata spezialisiert. Gruppentherapien seien auf die Übersetzung in mehrere Sprachen eingestellt.

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